Zirkulär denken

November 2021 | Wirtschaftswoche | Green Economy

Zirkulär denken

Nachhaltig agierende Unternehmen sollten nicht nur Sorge dafür tragen, bewusster mit Ressourcen umzugehen, sondern sich im Rahmen von Corporate Social Responsibility auch um ihre Mitarbeitenden kümmern.

Illustration: Andres Muñoz Claros
Thomas Feldhaus / Redaktion

Sportschuhe aus alten Fischernetzen (Adidas), Taschen aus alten Plastikflaschen (Vaude) und Fahrräder aus benutzten Kaffeekapseln (Nespresso): Ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen steht inzwischen auf der Agenda vieler Unternehmen. Auch die Politik nimmt das Thema Ressourceneffizienz inzwischen ernst und fordert diese in entsprechenden Gesetzen ein. Damit würde nicht nur die Umwelt geschont, sondern es rechnet sich auch für die Unternehmen.

 

Eine große Aufgabe, die Unternehmen vor ebenso gewaltige Herausforderungen stellt. Noch überwiegt in den Chefetagen und Entwicklungsabteilungen die Vorstellung von der Unendlichkeit natürlicher Ressourcen. Mit einem anderen Blick auf Stoffkreisläufe, die Entkoppelung von Ressourcenverbrauch und wirtschaftlicher Entwicklung, werden nicht selten bestehende Geschäftsmodelle infrage gestellt. Es geht nicht nur darum, weniger schädlich und belastend für die Umwelt zu produzieren, sondern Nutzen zu stiften. Das erwartet nicht nur die Politik, sondern ebenso Verbraucher und Verbraucherinnen aber auch die Beschäftigten in den Unternehmen. Unternehmen, die sich dieser Verantwortung verweigern, werden über kurz oder lang ihre „Licence to operate“ verlieren.

 

An dieser Stelle wird das Thema Corporate Social Responsibility (CSR) immer mehr an Bedeutung gewinnen. So sind zukünftig verstärkt die CSR-Manager der Unternehmen gefragt. Sie werden in diesem Zusammenhang die entscheidende Schnittstelle sein, denn echte Kreislaufwirtschaft muss alle Unternehmensteile mit einbeziehen. Nur wenn es gelingt, innerbetriebliche Widerstände zu überwinden und alle Beteiligten von den Vorteilen und Notwendigkeiten zu überzeugen, kann CSR im besten Sinne der Motor für mehr Innovation sein. Und genau das erfordert eine zirkuläre Wirtschaft.

 

Spannend wird es, wenn das CSR-Management dazu in der Lage ist, diesen zirkulären Blick nicht nur auf stoffliche Kreisläufe zu beschränken, sondern im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung die Prinzipien der Circular Economy auch auf die Mitarbeitenden anwenden kann. Tatsächlich lassen sich bei genauer Betrachtung viele Parallelen feststellen. Verantwortung übernehmen bedeutet nicht nur Verantwortung in der Lieferkette oder beim Klimaschutz wahrzunehmen, vielmehr ist das verantwortliche Handeln insgesamt gefordert. Nur so gelingt es Unternehmen als glaubwürdig wahrgenommen zu werden – und zwar nach innen ebenso wie nach außen. Innerbetriebliche CSR beginnt immer mit einem Commitment der Geschäftsführung und entwickelt sich zum gelebten Alltag. Es reicht nicht aus, einmal jährliche eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen, deren Ergebnisse im nächsten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht werden. Verantwortung muss gelebte Unternehmenskultur sein. CSR-Konzept und Unternehmensalltag verschmelzen im Idealfall zu einer Einheit. Ohne sie fehlt jeder CSR-Strategie eine entscheidende Komponente, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen als wichtige Stakeholder des Unternehmens.

 

Was bedeutet das nun auf die Zirkularität bezogen? Vereinfacht gesagt können die Beschäftigten auch als Ressource verstanden werden, als Human Capital. Ähnlich wie Rohstoffe stehen diese nicht in unbegrenztem Maße zur Verfügung. Der seit Jahren existierende Fachkräftemangel ist sichtbares Zeichen davon. Unternehmen haben also ein starkes Interesse daran, geeignete Mitarbeitende zu gewinnen und diese im Unternehmen zu halten. Eine starke Arbeitgebermarke ist dafür unerlässlich und die wird stark von einer glaubwürdigen CSR-Strategie beeinflusst. Laut einer Studie der Jobplattform Stepstone unter Hochschulabsolvent:innen gehört eine authentische CSR für jeden vierten Befragten zu den Top-3-Kriterien bei der Auswahl des richtigen Arbeitgebers. Allerdings zeigen sich in den einzelnen Fachrichtungen deutliche Unterschiede. Während das Thema bei Ingenieuren und Informatikern eher untergewichtet ist, nimmt es bei Sozial- und Geisteswissenschaftlern eine hohe Priorität ein.

 

Über alle Disziplinen hinweg und nicht nur bei Hochschulabsolvent:innen spielen die Work-Life-Balance, Verantwortungsübernahme und die persönliche Weiterentwicklung eine wichtige Rolle. Berufliche Karrieren werden heute anders definiert, als es der klassische Aufstieg durch die Hierarchien war, also ein linear verlaufendes Berufsleben. CSR versucht, diesen veränderten Bedürfnissen einen Raum zu geben und damit eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit zu schaffen oder zu erhalten. Letztlich auch zum eigenen Vorteil, denn unterschiedliches Wissen und Fähigkeiten immer wieder dort einzusetzen, wo es gebraucht wird, schafft auch innerbetriebliche Synergien und verhindert frustrierte Beschäftigte, die an jedem Tag nur den Feierabend herbeisehnen. Die Arbeitswelt zirkulär zu betrachten, erfordert von allen Beteiligten, ihre Komfortzone zu verlassen und neue Wege zu beschreiten, zum Vorteil für alle Beteiligten und nicht zuletzt dann auch zum Vorteil für die Umwelt.

 

Denn genau das wird auch in einer Circular Economy erwartet. Eine neue Untersuchung des World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) zeigt, dass die Notwendigkeit in den Unternehmen erkannt wird. Immerhin drei von vier Unternehmen setzen sich mit den Herausforderungen einer Kreislaufwirtschaft auseinander, aber nur 12 Prozent haben sie bereits zum Kern ihrer Geschäftsstrategie gemacht. CSR kann und muss hier wertvolle Arbeit leisten. Wenn Bewährtes hinterfragt und auf den Kopf gestellt wird, braucht es einen Moderator, der nicht verkündet, sondern vermittelt und erläutert. Unternehmen, die zirkulär arbeiten wollen, müssen auch zirkulär denken. Das meint nicht nur die Geschäftsführung, sondern jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin. Hat sich Zirkularität als Grundlogik in einem Unternehmen verfestigt, fällt es auch nicht mehr schwer, auch in anderen Bereichen behutsam mit den Ressourcen umzugehen.