Kompenisieren fürs Klima

November 2021 | Wirtschaftswoche | Green Economy

Kompenisieren fürs Klima

Jeder Bundesbürger belastet die Atmosphäre mit rund elf Tonnen Treibhausgasen pro Kopf und Jahr, deutlich mehr als im weltweiten und mehr als im EU-Durchschnitt.

Illustration: Andres Muñoz Claros
Robert B. Fishman / Redaktion

Die Gründe: Kohlekraftwerke, Fleischverbrauch – und das Reisen. CO₂ Kompensationen können dies ausgleichen.

 

Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen gefährdet auch die Existenz der Unternehmen, ihrer Lieferanten, Mitarbeiter:innen und der Absatzmärkte. Deshalb „kompensieren“ Unternehmen und Verbraucher ihre CO2-Emissionen. Produkte und Dienstleistungen erhalten so das Label „klimaneutral“. Die Idee: Treibhausgasemissionen, die an einer Stelle entstehen, holen andere an anderer Stelle wieder aus Atmosphäre.

 

Bäume  binden Kohlendioxid aus der Luft und wandeln es in Sauerstoff und Biomasse um. Deshalb pflanzen Unternehmen Bäume, um ihren CO2-Ausstoß auszugleichen. Klingt einfach, ist es aber leider nicht: Im Schnitt braucht ein Baum 30 Jahre, bis er 500 Kilogramm CO2 gebunden hat. In dieser Zeit könnte er vertrocknen, von Schädlingen aufgefressen werden oder abbrennen. Die Investition bleibt damit ein offener Scheck auf die Zukunft. Niemand kann sicher sagen, ob, wann und in welcher Höhe er eingelöst wird.

 

Ein anderer Ansatz sind Spenden an Organisationen wie Atmosfair. Dieses kauft von seinen Einnahmen energiesparende Öfen oder kleine Biogas-Anlagen für afrikanische Familien auf dem Land, welche damit ihr Essen kochen.  So verbrennen sie weniger Holz und entlasten damit das Klima. Ähnlich funktionieren die Mini Biogasanlagen, die organische Abfälle in afrikanischen Dörfern vergären. Auch das dabei entstehende Gas kann zum Kochen verwendet werden.

 

Die Projekte sollen einen doppelten Nutzen bringen: Entlastung fürs Klima und bessere Lebensbedingungen für Menschen in den Partner-Ländern. Der gemeinnützige Verein Compensators geht einen eigenen Weg: Er kauft von den Spendeneinnahmen CO2-Zertifikate. Nach den Vorschriften des europäischen Emissionshandels müssen Unternehmen diese Verschmutzungsrechte erwerben, bevor sie Treibhausgase in die Luft abgeben. Je mehr dieser Zertifikate gekauft werden, desto schneller steigt der Preis. Die Luftverschmutzung wird teurer. Alternativen werden im Verhältnis dazu billiger und die Treibhausgasemissionen gehen zurück.

 

Ähnlich arbeitet Climatefair der Stiftung Klimaschutz Plus. Die Organisation investiert ihre Einnahmen in Solar- und Windkraft-Anlagen sowie in Energiesparprojekte in Deutschland. Mit diesen erwirtschaftet sie weitere Erträge, die in gemeinnützige Projekte fließen. Die Spender:innen entscheiden gemeinsam, welches Projekt wie viel Geld erhält.

 

Nicht nur Climatefair bemängelt, dass die Anbieter von „CO2-Kompensationen“ mit hypothetischen Zahlen rechneten. Niemand wisse genau, welches Projekt in welcher Zeit wie viel CO2 aufnehme. Deshalb sei es sinnvoller, Treibhausgase gar nicht erst entstehen zu lassen und – wo sie wirklich unvermeidbar sind – einen echten Ausgleich zu zahlen. Das Umweltbundesamt hat schon 2018 den Schaden errechnet, den eine Tonne CO2 in der Atmosphäre anrichtet: 180 Euro. Inzwischen dürften es deutlich mehr sein. Die üblichen „Ausgleichszahlungen“ von 20 Euro oder noch weniger reichen nicht, um den angerichteten Schaden auszugleichen.