Bremser, Treiber, Innovatoren

Die Energiewende ist eine industrielle Revolution. Wie kann die große Transformation ganzer technologischer Bereiche gelingen? Ein Debattenbeitrag aus der Wissenschaft.

Illustration: Danae Diaz
Illustration: Danae Diaz
Professor Dr. Michael Sterner Redaktion

Wir sollten es inzwischen alle begriffen haben: Die Energiewende ist unsere wichtigste Klimaschutzmaßnahme. 90 Prozent der Treibhausgase Deutschlands kommen aus der Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas. Wir sind seit der ersten industriellen Revolution verantwortlich für einen Großteil der schädlichen CO2-Emissionen und liegen an vierter Stelle der Länder hinter den USA, China und Russland. Nach vorne geblickt, sind wir zeitgleich Vorbild in der Energiewende für viele andere Länder.

Aber neben dem Klimaschutz gibt es einen weiteren Haupttreiber der Energiewende, und das sind die geringen Kosten erneuerbarer Energien. Wind- und Solarstrom sind die günstigsten Energieträger mit dem geringsten Flächenverbrauch und größten Potenzial. Weltweit fließen mehr als 90 Prozent der Energieinvestitionen in Wind und Solar.

Die Abkehr von fossilen Energieträgern stellt uns jedoch vor technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Denn die Energiewende ist weit mehr als der Kohle- oder Atomausstieg. Sie ist die große Transformation ganzer technologischer Bereiche: von der Elektrizitätswirtschaft über die Gebäudewärme, den Verkehr bis hin zur Industrie. Und daher können wir bei der Energiewende zu Recht von einer industriellen Revolution sprechen.

Ein Blick in die Zahlen zeigt, dass Energiewende bisher vor allem eine Stromwende war: Die Erneuerbaren hatten hier 2022 einen Anteil von 46 Prozent, in der Wärme nur 17 Prozent, im Verkehr sogar nur 7 Prozent und das überwiegend aus Biomasse wie Holz oder Biodiesel. Die Erneuerbaren haben dadurch 230 Millionen Tonnen Treibhausgase vermieden. Der verbleibende Ausstoß Deutschlands beträgt 746 Millionen Tonnen, womit noch eine lange Wegstrecke vor uns bleibt bis zur Klimaneutralität.

Eine Gute, Eine Schlechte Nachricht
 

Die gute Nachricht lautet: Wir haben alle Technologien in ausreichender Marktreife verfügbar, die wir dafür brauchen. Wind, Solar, Wasserkraft, Netze, Speicher und die Technologien, die günstigen Ökostrom in die anderen Sektoren bringen wie Wärmepumpen, E-Fahrzeuge, Wasserstoff und Power-to-X. Die schlechte Nachricht: Es fehlt uns an Personal, Material aber auch an politischer Kommunikation für die entscheidende gesellschaftliche Akzeptanz und Umsetzung.

Womit wir bei den Bremsern wären: Während diese zu Zeiten ohne grüne Regierungsbeteiligung vor allem in einschlägigen Lobbyverbänden oder Ämtern saßen, die mehr Verhinderungs- als Genehmigungsplanungen vorantrieben, fallen die Bremser heute vor allem durch Extreme auf. Dazu zählen die Klimakleber:innen, welche durch ihre Aktionen bei vielen Menschen schlechte Gefühle und Verstörung im Bezug auf Klimaschutz und damit eine ablehnende Haltung zu diesem Thema generieren. Nicht weniger extrem sind Hausbesitzer:innen, die sich aus Trotz oder Angst noch neue Öl- und Gasheizungen einbauen lassen, wissentlich, dass die Heizkosten in den nächsten Jahren durch gestiegene CO2-Preise exorbitant anziehen werden.

Oder Beamt:innen, die der Landbevölkerung erklären, dass Heizen mit Holz falsch sei, obwohl Holz ein CO2-neutraler Brennstoff ist, zwei Millionen Menschen in Deutschland einen eigenen Wald besitzen und der Begriff der Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft stammt: Nimm nur so viel, wie nachwächst – was ist Deutschland nach wie vor der Fall ist und der Großteil des Brennstoffes Holz aus Reststoffen gewonnen wird. Oder Wissenschaftler:innen, die Klimalösungen außerhalb der „All-Electric“ Welt unnötig schlechtreden. So werden der Wasserstoff und seine Derivate wie E-Fuels von einigen als „Champagner“ abgewertet: Er sei teuer, ineffizient und knapp.
 

PROFESSOR DR. MICHAEL STERNER lehrt und forscht an der OTH Regensburg und ist Autor des Buches „So retten wir das Klima. Wie wir uns unabhängig von Kohle, Öl und Gas machen“
PROFESSOR DR. MICHAEL STERNER lehrt und forscht an der OTH Regensburg und ist Autor des Buches „So retten wir das Klima. Wie wir uns unabhängig von Kohle, Öl und Gas machen“

Früher Solarstrom, heute Wasserstoff
 

Das Gleiche galt für Solarstrom vor 20 Jahren. Hätten wir damals diese Champagner-Debatte geführt: Wir hätten nur Windräder und keine Solaranlagen im Land. Und der Wasserstoff ist nicht nur eine Option für den Verkehr oder die Wärme, er wird vor allem in der Industrie für grünen Stahl und Chemie gebraucht und für die Dunkelflaute – die Absicherung von Wind- und Solarstrom gegen Blackouts über die bestehende Gasinfrastruktur samt ihrer Gasspeicher, die 5000 Mal so viel speichern können wie alle Pumpspeicher oder Batteriespeicher. Wasserstoff und Power-to-X sind also die Absicherung für alles, was am Stromnetz hängt: auch die E-Mobilität und die Wärmepumpen, gerade im Winter! Daher brauchen wir in der Energiewende ein „sowohl – als auch“ statt ein „one fits all“.

Und hier finden sich auch viele Innovatoren in unserem Land. Allein das neu entwickelte Konzept „H2Global“ für den Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft findet weltweit großen Anklang – wie seinerzeit das EEG, weil es die Hochlaufkosten durch marktwirtschaftliche Kräfte minimiert und damit die Volkswirtschaft stärkt. 3,5 Milliarden Euro sind dafür im Bundeshaushalt 2024 vorgesehen. H2Global ist auch die Blaupause für die Europäische Wasserstoffbank. Ich durfte 2020 das Konzept mitentwickeln und wissenschaftlich begleiten. Es ist klar: Wasserstoff erreicht Deutschland als erstes in Form von Ammoniak: leicht zu transportieren, zu speichern und nützlich als Treibstoff und Rohmaterial für die Chemieindustrie – allen voran Düngemittel, welche weltweit zur Ernährungssicherung gebraucht werden.

Entsprechend fiel unsere Empfehlung an das BMWi aus – zunächst auf Ammoniak, Methanol und E-Kerosin zu setzen. Parallel wurden auch die so genannten Klimaschutzverträge vorgesehen, die mit 68 Milliarden Euro im nächsten Haushalt für 10 Jahre eingepreist sind. Solche Punkt-zu-Punkt-Verträge haben den Nachteil, dass sie aufgrund der mangelnden Transparenz keine regelmäßigen Preissignale liefern und durch die Bindung großer Kapazitäten den Markteintritt neuer Teilnehmer verhindern. Dass dies nicht der volkswirtschaftlich günstigste Weg ist, dürfte jedem klar sein.

Es liegt auf der Hand: Es braucht neben technologischer Vielfalt und Wettbewerb an vielen Stellen eine wesentlich bessere Kommunikation aus Politik, Wissenschaft und Medien in die Gesellschaft hinein, welche die Menschen in allen Bereichen mit einer Vielfalt als Klimalösungen abholt, statt auf Einfalt zu setzen. Die nicht nur in der Berliner Großstadtblase denkt, sondern auch an die Menschen auf dem Land.
 

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