Weniger Ressourcen mehr Effizienz

Juli 2015 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Weniger Ressourcen mehr Effizienz

Das Thema Nachhaltigkeit ist längst im Kerngeschäft der Unternehmen angekommen. Jetzt gilt es, die Vorteile für Umsatz und Umwelt auch zu nutzen. Beste Voraussetzungen hat der deutsche Mittelstand.

Klaus Lüber / Redaktion

Wenn Lutz Hüttemann von Nachhaltigkeit berichtet, dann liest sich das ganz anders als das, was man sonst von diesem Begriff gewohnt ist. Es geht dann nicht um den Klimawandel, die Rettung der Welt und die Bekämpfung der Armut. Hüttemann berichtet dann von Kostenein­sparungen, Lieferkettenmanagement und der Optimierung von Produktionsabläufen.


Anfang dieses Jahres veröffentlichte die Fachhochschule des Mittelstandes (FHM) aus Bielefeld einen Bericht, der anhand von Fallstudien der Frage nachgeht, wie genau es um das Thema Nachhaltigkeit im deutschen Mittelstand bestellt ist. Da­rin wurde auch HÜCOBI vorgestellt, ein Großhandelsunternehmen für Schläuche und Armaturen. Lutz Hüttemann ist der Geschäftsführer.


HÜCOBI verhält sich in vielerlei Hinsicht vorbildlich. Sämtliche Geschäfts­abläufe sind ökologisch optimiert, von recyclebarem Verpackungsmaterial über den privat nutzbaren Firmenwagen bis hin zum papierlosen Büro. Verträge mit Zulieferern werden nur dann geschlossen, wenn auch diese nachhaltig produzieren. Außerdem engagiert man sich seit Jahren in sozialen Projekten, hat eine eigene Stiftung gegründet, um benachteiligte Kinder und Jugendliche aus der Umgebung zu unterstützen. Dennoch wird Hüttemann im Bericht nicht müde, zu betonen, wie wichtig es ist, die ökonomischen Dimensionen nicht aus den Augen zu verlieren. „Wenn der Kunde nun sagt, ökologisch nachhaltige Schläuche sind ja schön und gut, wir sind aber nicht bereit einen 30 Prozent höheren Preis dafür zu zahlen, höchstens wenn es hierzu vom Gesetzgeber eine Vorgabe gibt, dann müssen wir uns hier nach dem Kunden richten.“ Mit anderen Worten: Nachhaltiges Wirtschaften ist nur dann praktikabel, wenn es nicht im Widerspruch mit dem Kerngeschäft des Unternehmens steht.


Kerngeschäft im Blick

Diese Einschätzung teilt auch Micha­el­ D'heur, Experte für Lieferketten und Nach­haltigkeit und Geschäftsführer der Münchner Beratungsfirma shared.value.chain. Wenngleich für ihn der Wider­spruch zwischen ökonomischer und ökologischer Dimension oft nur noch ein scheinbarer ist. „Mittlerweile ist Nachhaltigkeit ein Faktor, der im Kerngeschäft der Unternehmen angekommen ist, also in den Bereichen, auf deren Basis ein Unternehmen Umsatz und Gewinne erzielt. Sie ist unmittelbar relevant für die Bereiche Produkte und Dienstleistungen, sowie die Wertschöpfungskette, mit deren Hilfe Ressourcen beschafft, Produkte gefertigt und dann zum Kunden gebracht werden.“


Die Relevanz, von der D'heur spricht, heißt: Kostenersparnis. Das zeigt sich zum Beispiel im Bereich Produktionsoptimierung. Schon bald wird es möglich sein, die Wertschöpfungskette und den Lebenszyklus eines Produktes digital abzubilden und zu vernetzen. Dieser Wandel zur sogenannten Industrie 4.0 spart Ressourcen und Energie. Laut einer Studie des Hightechverbandes Bitkom und des Fraunhofer IAO sind bis 2025 Produktivitätssteigerungen von 78 Milliarden Euro möglich.


Auch der Einsatz von Cloud-Computing spielt hierbei eine wichtige Rolle, zum Beispiel im Bereich der Wartung von Industrie­anlagen. Diese ist relativ anspruchsvoll, viele Systeme sind komplexe Unikate, das heißt Vergleichswerte über den Verschleiß einzelner Komponenten gibt es oft nicht. Deshalb tauscht man Teile vorsorglich häufiger aus. Stattet man diese mit Sensoren aus und führt die Daten über die Cloud zusammen, wäre es in Zukunft möglich, nur die wirklich notwendigen Austauscharbeiten vorzunehmen.


In Chemnitz betreibt das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU) eine eigene Forschungsfabrik, um das Potenzial solcher Lösungen auszuloten. Die Prozesse in der sogenannten E3-Fabrik sollen energetisch optimiert werden und mit Hilfe von Photovoltaik, einem Blockheizkraftwerk, Wärmetauschern und einer intelligenten Regelungstechnik effizienter und emissionsoptimierter arbeiten. „Hier lässt sich im laufenden Produktionsbetrieb testen, wie Maschinen und Prozesse für die ressourcen­effiziente Fertigung von morgen gestaltet sein müssen“, so Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.


Das mag für manchen Mittelständler noch Zukunfts­musik sein. Viele Möglichkeiten, wie KMU schon heute relativ problemlos neue IT-Lösungen zur Kostenersparnis einsetzten können, bietet der Bereich Green-IT. Hierunter versteht man die Möglichkeit, IT-Ressourcen wie Speicherplatz oder Unternehmenssoftware aus der Cloud zu beziehen. Dadurch sparen sich die Unternehmen den Aufbau einer eigenen Infrastruktur vor Ort. Das schlägt sich wiederum in einem geringeren CO2-Ausstoß und in niedrigen Energie­kosten nieder.

IT Outsourcing spart Kosten

Interessanterweise ist ein Großteil des deutschen Mittelstandes gerade im Bereich der Ökoeffizienz noch erstaunlich zurückhaltend. „Es scheint fast so, als ob die Erkenntnis, dass man durch einen nachhaltigen Einsatz von Ressourcen Kosten einsparen kann, immer noch nicht in allen Köpfen mittelständischer Unternehmerinnen und Unternehmer angekommen wäre“, sagt Michael von Hauff. Von Hauff ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Kaiserslautern und forscht schon seit über 20 Jahren zum Thema Nachhaltigkeit im Mittelstand. „Sämtliche aktuellen Studien weisen darauf hin, dass Energieeffizienz und regenerative Energieträger, aber auch Ressourceneffizienz von KMU bisher weitgehend ausgeblendet werden.“


Stark ist der Mittelstand laut von Hauff dagegen in einem anderen Teilbereich nachhaltiger Unternehmensführung. „Zur Nachhaltigkeit zählt ja neben der ökologischen und ökonomischen auch die soziale Dimension. Hier sind KMU traditionell sehr gut aufgestellt.“ Besonders bei familien- und inhabergeführten Mittelständlern spielten die langfristige Wert- und Arbeitsplatzer­haltung eine zentrale Rolle. „Mittel­ständische Unternehmen haben zur Nachhaltigkeit eine strukturelle Nähe.“


Wie das konkret aussehen könnte, sieht man am Mittelständler HÜCOBI aus Bielefeld. Mitarbeiter haben die Möglichkeit, sich über Prüfungen, Seminare oder berufsbegleitende Studien weiterzubilden. Ein betriebsinterner Kindergarten erleichtert Eltern den Wiedereinstieg nach der Elternzeit. „Personelle Nachhaltigkeit ist in unserer Branche unglaublich wichtig, denn das spezielle Wissen entwickelt sich im Laufe der Beschäftigungszeit. Unsere Mitarbeiter sind das Herz des Unternehmens, und wir wollen, dass es nachhaltig schlägt“, sagt Magdalena Raginia, Marketingmanager bei HÜCOBI. Zudem wurde 2006 die  HÜCOBI-Stiftung ins Leben gerufen, um benachteiligte Kinder und Jugendliche aus Bielefeld und Umgebung zu unterstützen.


Wer sich um seinen Standort und die Zufriedenheit der Mitarbeiter sorgt, investiert oftmals auch in ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Insbesondere in der Konkurrenz um die immer begehrter werden­den Fachkräfte gilt BGM als wirksame Strategie, um Talente anzuwerben.


In dieser breiten, gesellschaftlichen Dimension spielen Nachhaltigkeits­aspekte im Grunde in fast sämtlichen Teilbereichen unternehmerischen Handelns eine wichtige Rolle. Beispielsweise wenn es darum geht, durch bauliche Modernisierungen die Energieeffizienz im Unternehmen zu steigern, mit einem modernen Fahrzeugpark die Umwelt zu schonen und Kosten einzusparen oder mithilfe nachhaltiger Finanzierungsmodelle unabhängig von Investoren zu bleiben.

» Stakeholder erwarten inzwischen auch von mittelständischen Unternehmen mehr Transparenz in Nachhaltigkeitsfragen.«

Alles in allem, so jedenfalls die Einschätzung des Nachhaltigkeitsforschers von Hauff, wird es wahrscheinlich noch eine Zeit dauern, bis das Thema Nachhaltigkeit tatsächlich im Mainstream verankert ist. Wenngleich durchaus Entwicklungen erkennbar sind, die diesen Prozess auch merklich beschleunigen könnten. „Im Zuge der hohen Relevanz, die das Thema Nachhaltigkeit inzwischen für Großunternehmen hat, werden sich auch viele Mittelständler in Zukunft darauf einstellen müssen, als Zulieferer auch selbst Nachhaltigkeitsnachweise zu erbringen.“


Und dies wohl nicht nur gegenüber den Geschäftspartner, sondern auch gegenüber den eigenen Stakeholdern. Eine aktuelle Studie des Consulting-Unternehmens Deloitte ergab: Während die Veröffentlichung eines jährlichen Nachhaltigkeitsberichts bei DAX-Unternehmen mittlerweile Standard ist, erwarten Stakeholder inzwischen auch von mittelständischen Unternehmen zunehmend mehr Transparenz in Nachhaltigkeitsfragen.