Raus aus der Komfortzone!

Dezember 2021 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Raus aus der Komfortzone!

Der Mittelstand verliert an Bedeutung, wie eine aktuelle KfW-Erhebung nahelegt. Der Grund dafür ist überraschend.

Illustration: Anne-Sophie Engelhardt
Olaf Strohm / Redaktion

Die Nachricht lässt aufhorchen: Deutschlands Unternehmen investieren seit Jahren zu wenig, so das Resümee einer Erhebung der KfW-Bank vom November 2021. Das gelte im Besonderen für den Mittelstand. Die Corona-Krise habe den bereits länger sichtbaren Trend einer strukturellen Investitionsschwäche der kleinen und mittleren Unternehmen noch einmal verstärkt. Ihre Neuinvestitionen gingen 2020 um 14 Milliarden Euro (7 Prozent) auf insgesamt 173 Milliarden Euro zurück. Das hat das repräsentative KfW-Mittelstandspanel errechnet.


Parallel dazu haben die mittelständischen Investitionen kontinuierlich an Bedeutung für das gesamte Investitionsgeschehen im deutschen Unternehmenssektor verloren. Kamen sie im Jahr 2008 noch auf einen Anteil von 49 Prozent an allen Unternehmensinvestitionen, gingen seither 7 Prozentpunkte verloren.


Die Gründe für die Investitionszurückhaltung der Mittelständler:innen hat das Forschungsinstitut KfW Research in einer neuen Studie analysiert. Danach sinkt die Investitionsbereitschaft stärker als erwartet, wenn die Umsatz- und Gewinnerwartungen pessimistisch ausfallen und das Unternehmen über geringe Eigenmittel verfügt. Doch die Investitionsbereitschaft im Mittelstand sei auch stark an die Person der Unternehmensinhabers geknüpft.


In der Reihenfolge der Rahmenbedingungen für Investitionsentscheidungen im Mittelstand spielt das im Unternehmen vorhandene finanzielle Polster für 54 Prozent aller mittelständischen Firmen die größte Rolle. Dann folgen bereits die Erfahrungswerte der Inhaber:innen. Gravierend wirke sich hier der demografische Wandel aus, so die KfW, mit messbaren negativen Folgen für die Investitionstätigkeit: Je älter der Inhaber oder die Inhaberin ist, desto geringer die Neigung zu investieren. Dies gelte besonders bei eher umfangreichen, aber Wettbewerb stärkenden Investitionen. „Die Neigung zu investieren sinkt mit zunehmendem Alter der Inhabenden massiv – sowohl das Investitionsvolumen wie auch der Hang, Kapazitätserweiterungen umzusetzen. Zusammen mit dem rasanten Anstieg des Durchschnittsalters von Unternehmensinhabenden, verhindert dieses Muster enorme Investitionen“, so Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW.


In Zahlen: Während im langjährigen Mittel (2004-2020) etwa 57 Prozent der jüngeren Inhaber unter 40 Jahren Investitionen vornehmen, sinkt dieser Anteil bei den älteren Inhabern (über 60 Jahre alt) auf nur noch 36 Prozent. Zudem investieren jüngere Inhaber einen größeren Anteil ihres Gesamtvolumens in Kapazitätserweiterungen, weisen häufiger positive Nettoinvestitionen sowie eine deutlich höhere Investitionsintensität auf. Angesichts des raschen Alterungsprozesses, den die Inhaberschaft im Mittelstand durchläuft, zeigt sich die steigende Relevanz dieses Aspekts. Aktuell liegt das Durchschnittsalter eines Inhabers im Mittelstand bei 52,8 Jahren. In den letzten zehn Jahren ist dieser Wert um drei Jahre gewachsen, seit 2002 sogar um acht Jahre. Zum damaligen Zeitpunkt waren gerade einmal 20 Prozent der Inhaber:innen 55 Jahre oder älter. Aktuell ist es bereits jede(r) Zweite.