Homeoffice forever?

Der Arbeitsplatz liegt seit der Pandemie nicht mehr im Unternehmen, sondern zu Hause? Das wird für viele auch nach der Pandemie so bleiben – was aber auch Chancen bietet.
Illustration: Josephine Warfelmann
Illustration: Josephine Warfelmann
Andrea Hessler Redaktion

Trautes Heim, Glück allein – plus Arbeit? Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass deutlich mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Homeoffice arbeiten als zuvor. Die gewerkschaftsnahe Hans Böckler Stiftung, die Chancen und Risiken der mobilen Arbeit seit Jahren erforscht, ermittelte, dass vor Beginn der Pandemie nur vier Prozent der Beschäftigten überwiegend oder ausschließlich am heimischen Schreibtisch saßen. Während des ersten Lockdowns im April 2020 waren es schon 27 Prozent. Während des Lockdowns Light im November 2020 sank die Quote auf 14 Prozent, obwohl Politiker und Gesundheitsexperten eindringlich darauf gedrängt hatten, mobile Arbeit flächendeckend zu ermöglichen.

Am 18.11.2021 beschloss der Bundestag eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes und der Arbeitsschutzverordnung. Jetzt herrscht wieder Homeoffice-Pflicht: Arbeitgeber:innen müssen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, deren Tätigkeit dies zulässt, die Möglichkeit anbieten, im Homeoffice zu arbeiten. Ausnahmen sind nur möglich bei „zwingenden betrieblichen Gründen“. Die Regelung gilt vorläufig nur bis zum 19.3.2022.

Weiterer Knackpunkt: Arbeitnehmer:innen müssen das Remote-Angebot nicht annehmen. Sie können zum Beispiel einwenden, dass ihnen wegen räumlicher Enge, Störungen durch Dritte oder eine unzureichende technische Ausstattung die Arbeit am heimischen Schreibtisch nicht möglich sei. Trotzdem sollten sich die Beschäftigten gut überlegen, ob sie sich der Ansteckungsgefahr im Betrieb aussetzen wollen. Dort erkranken Mitarbeiter vier bis acht Mal häufiger an einer Covid-Infektion als Kolleginnen und Kollegen, die zu Hause bleiben.

Arbeiten trotz Krankheit

Infektionsschutz ist wichtig, doch die Arbeit im Homeoffice hat negative Kehrseiten, mit denen sich nicht nur Ärzte und Therapeuten, sondern auch Institutionen der EU beschäftigen. So prognostiziert ein Bericht des Rates der Europäischen Union, dass auch nach der Pandemie mindestens jeder fünfte europäische Arbeitnehmer regelmäßig oder gelegentlich im Rahmen eines hybriden Modells Telearbeit verrichten werde. Durch Remote Work seien Arbeitnehmer mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Dazu zählten zum Beispiel die wirksame Verwaltung von Humanressourcen, eine übermäßige Kontrolle durch die Überwachung ihrer IT-Ausrüstungen, das Verschwimmen von Grenzen zwischen Arbeits- und Berufsleben und eine höhere Arbeitsintensität. Befürchtet werden in dem Ratsbericht zudem digitaler Präsentismus (Arbeit trotz Krankheit), soziale und berufliche Isolation, hohe Anforderungen an Selbstverwaltung und Selbstorganisation, der Mangel an physischer Aktivität, Erkrankungen von Psyche und Bewegungsapparat sowie weitere Krankheiten, die sich aus einem unangemessenen Arbeitsumfeld ergeben. Hinzu kämen Schwierigkeiten bei der Sicherstellung der Arbeitnehmervertretung und von Tarifverhandlungen sowie eine verringerte Beteiligung der Arbeitnehmer an den Entscheidungsprozessen in Bezug auf den Arbeitsplatz.

Die Wirkungen dieser Veränderungen von Leben und Arbeit auf die Psyche sind heute schon spürbar. Laut des Gesundheitsreports 2021 der Techniker Krankenkasse (TK) sind mehr als 44 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer in Deutschland durch Corona stark bis sehr stark belastet, die Verordnungen von Psychopharmaka seien im vergangenen Jahr leicht gestiegen. Mögliche Gründe sehen Mediziner in der emotionalen Erschöpfung der Menschen, einer Entfremdung von der eigenen Person und einem Gefühl reduzierter Leistungsfähigkeit, die Müdigkeit, Niedergeschlagenheit und Anspannung und damit eine reduzierte Lebensqualität zur Folge haben können. Gleichzeitig fällt es in der häuslichen Isolation schwerer, die eigenen Ressourcen für die Regeneration anzuzapfen – eine psychische Konstellation, die Stress hervorruft und zum Burnout-Syndrom führen kann.

Mit Resilienz durch die Krise

„Die wichtigste Eigenschaft, über die jene Menschen verfügen, die gut mit Corona- und Homeoffice-Stress umgehen können, ist Resilienz, also die psychische Widerstandskraft, die uns hilft, Krisen gut zu bewältigen“, sagt die Ulmer Coachin und Resilienz-Mentorin Susanne Hollmann. „Resiliente Menschen schaffen es, ihre Ressourcen richtig einzusetzen. Resilienz ist kein Schicksal, man kann sie trainieren.“ Wichtige Ressourcen in Stress-Situationen seien zum Beispiel soziale Unterstützung, Erholungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit. „Grundsätzlich kann ein Arbeitgeber nur die Rahmenbedingungen für gesundes Arbeiten im Homeoffice liefern“, so Hollmann. Für Gesundheit und Wohlbefinden seien Mitarbeiter weitgehend selbst verantwortlich (siehe auch Kasten „Tipps fürs Homeoffice“). „Doch Unternehmen können ihren Beschäftigten helfen, etwa indem sie einen Resilienz-Trainer etablieren, der effektive Übungen zur Stärkung der Resilienz vermittelt.“

Homeoffice ja, aber nicht dauernd

Tatsache ist, dass der Mensch als soziales Wesen Kontakte fürs psychische Wohlbefinden braucht. Telearbeit ja, aber nicht ständig, lautet daher das Motto. Eine Online-Erhebung von Eurofound, der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, ergab, dass mehr als drei Viertel der Arbeitnehmer ein hybrides Modell mit einer Kombination von Telearbeit und Arbeit in den Räumlichkeiten der Arbeitgeber wünschen.

Auch die Unternehmen haben trotz der bekannten widrigen Umstände überwiegend gute Erfahrungen mit dem Homeoffice gemacht. Arbeitgeber versprechen sich eine gesteigerte Attraktivität für hochqualifizierte Arbeitnehmer, geringere Platzkosten und mehr Zufriedenheit bei ihren Mitarbeitern. Zudem soll nach einigen Studien die Produktivität der Mitarbeiter im Homeoffice höher sein als am Präsenzarbeitsplatz. Allerdings können Tätigkeiten, die höhere Qualifizierungen verlangen, nicht dauerhaft in großem Umfang an den heimischen Schreibtisch verlagert werden. Führung, innerbetriebliche Kommunikation und Innovationen erfordern immer noch gelegentlichen persönlichen Kontakt.

Ob mit oder ohne Pandemie – ein Zurück zur ausschließlichen Präsenzarbeit wird es für viele Beschäftige nicht geben. Das bedeutet, beide Seiten müssen sich bestmöglich auf Remote Work einrichten. So weist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales darauf hin, dass auch im Homeoffice das Arbeitsschutzgesetz und das Arbeitszeitgesetz gelten. Grundsätzlich sei der Arbeitgeber auch für die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im Homeoffice verantwortlich. Das heißt, dass der Platz am Küchentisch neben Homeschooling-Kids auf Dauer nicht tolerabel ist. Ob Schreibtischstuhl und Laptop aus dem Büro nach Hause gebracht werden dürfen und welche eigenen Arbeitsmittel die Beschäftigten nutzen dürfen, muss individuell vereinbart werden. Tipps zur sicheren und ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsorganisation im Homeoffice gibt es unter anderem bei der Initiative für neue Qualität der Arbeit unter inqa.de, Reiter: „Schwerpunkt Covid-19“.

Work-Life-Blending statt Work-Life-Balance

Doch das Homeoffice bietet auch ungeahnte Chancen, das eigene Leben insgesamt besser in den Griff zu bekommen. Work-Life-Balance ist passé; das Zukunftsinstitut in Frankfurt prognostiziert, dass es immer mehr zum Work-Life-Blending komme. Gemeint sei „die kluge Verbindung von Privat- und Berufsleben.“ Work-Life-Blending stehe für einen neuen Ansatz, mit dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer Lösungen finden, ein räumlich und zeitlich selbstbestimmteres Arbeiten zu ermöglichen, das aber nicht in Selbstausbeutung umschlagen sollte.

Eine Voraussetzung hierfür sei, so die Trendforscherin Oona Horx-Strathern vom Zukunftsinstitut, eine neue Beziehung zu unserer häuslichen Umgebung. Sie beschäftigt sich seit langem mit Trends im Bereich Immobilien, Architektur, Wohnen und Stadtentwicklung. Viele Menschen, so Horx-Strathern, hätten ihr Zuhause vor Corona eher „wie eine vernachlässigte Tante“ behandelt. Jetzt würden sie feststellen, dass jeder Quadratmeter zähle, dass man umkrempeln und auch mit alten Möbeln Spaß haben könne. Am wichtigsten sei, betont Horx-Strathern, „neue Plätze auszuprobieren, eine aufgeräumte Ecke zu haben, wo man Ruhe hat. Wir hatten hier zeitweise einen Drei-Generationen-Haushalt. Ich arbeite auch im Waschraum, man muss kreativ sein.“ Die Zeit von Hygge und Cocooning, die viele Menschen mit Über-Dekoration gleichsetzten, sei vorbei. „Vieles ist überflüssig, das stellen wir jetzt fest, wir brauchen lediglich gutes Internet, einen guten Computer, alles andere ist Toys for the Boys.“ Außerdem benötigten Menschen einen Rückzugsraum, der Trend gehe „zum woken raum statt open space“. Gerade wer viel allein zu Hause sei, brauche die lokale Gemeinschaft, die Nachbarschaft. „Früher waren Isolation und Einsamkeit fast ein Tabu, jetzt werden die Probleme offen diskutiert. Wir müssen mental, physisch und ökonomisch eine bessere Beziehung zu unserer Nachbarschaft entwickeln“, so Horx-Strathern.

So könnte es sein, dass die Corona-Krise letztlich nicht nur zu mehr Homeoffice führt, sondern zu anderen Wohnformen, einer „individualistischen Gemeinschaft“, sagt Horx-Strathern. Und dass wir im Idealfall resilienter werden und auf die kommenden Krisen räumlich, sozial, psychisch und mental besser vorbereitet sind.

Besser arbeiten im Homeoffice

Tipps von Dr. Sai-Lila Rees vom Institut für betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG), Trendforscherin Oona Horx-Strathern und Business-Coachin und Resilienz-Mentorin Susanne Hollmann.

1. Prinzip Eigenverantwortung: Viele Stressfaktoren im Homeoffice lassen sich vermeiden. Laut Arbeitsschutzgesetz haben Beschäftigte an ihrem Bildschirmarbeitsplatz sogar die Pflicht, „nach ihren Möglichkeiten sowie gemäß der Unterweisung und Weisung des Arbeitgebers für ihre Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit Sorge zu tragen“ (§ 15 Abs. 1 ArbSchG). Dazu gehört zum Beispiel, Schreibtisch, Bürostuhl und Beleuchtung so auszurichten, dass einseitige Belastungen, etwa von Rücken oder Knien, vermieden werden.

2. Arbeitsort funktional und kreativ gestalten: Homeoffice-Arbeitsplätze können zunächst improvisiert werden. Eine Kommode als Stehpult, ein Bücherstapel zur Erhöhung des Bildschirms, ein Hocker für festen Stand der Beine und Füße können vorübergehend die Arbeit erleichtern. Wer kein separates Arbeitszimmer hat, kann den Arbeitsbereich mittels Paravent abtrennen und so Ablenkungen besser vermeiden. Hilfreich sind auch Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber, dass Bürostuhl, Laptop etc. mit ins Homeoffice genommen werden dürfen.

3. Licht, Luft, Grün: Ideal sind eine Raumtemperatur von 20 bis 22 Grad, regelmäßiges Lüften (mehr Sauerstoff, weniger Aerosole!), eine optimale Beleuchtung mittels einer Kombination aus Decken- und Schreibtischleuchten sowie Pflanzen. Pflanzen helfen bei der Regulierung der Luftfeuchtigkeit, produzieren Sauerstoff und filtern Schadstoffe aus der Luft.

4. Kein Schnickschnack: Über-Dekoration vermeiden, den Arbeitsplatz nicht mit Accessoires überfrachten, die häusliche Umgebung insgesamt mehr aufs Wesentliche reduzieren, so Trendforscherin Oona Horx-Strathern. Auf den aufgeräumten Schreibtisch gehören nur Arbeitsmaterialien. Wer sich am zunächst etablierten Arbeitsplatz nicht wohl fühlt, sollte andere Ecken der Wohnung auf Arbeitstauglichkeit testen.

5. Erholungsphasen gönnen: Immer daran denken, dass feste Bürozeiten auch im Homeoffice gelten. Die bürofreie Zeit ist gleichzeitig digital-freie Zeit. „Die beste Erholung bringt Bewegung, zum Beispiel eine Stunde pro Tag in der Natur“, sagt Resilienz-Mentorin Susanne Hollmann. „Ob Joggen oder Spaziergang, die Natur hat einen hohen Entspannungswert.“ Das gilt schon für den Blick ins Grüne, der entspannt Augen und Gemüt.

6. Soziale Kontakte pflegen: Gegen den Isolations-Blues helfen Spaziergänge mit Kolleginnen und Kollegen oder gemeinsame Mittagessen.

7. Routinen etablieren: Nicht im Jogginganzug arbeiten, stattdessen morgens anziehen wie fürs Büro und den Weg zur Arbeit mittels eines Spaziergangs simulieren. Abends den Bildschirm zuklappen, Arbeitsplatz verlassen, sich selbst und anderen signalisieren, dass der Arbeitstag zu Ende ist. „Eine klar vorhersehbare Tagesstruktur mit festen Ritualen und Abläufen kann zudem Kindern das Verständnis erleichtern, wann die Eltern im Homeoffice ansprechbar sind und wann nicht“, so Dr. Sai-Lila Rees.

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