Ein (Arbeits-)Modell für alle ist utopisch

Julia Merkel, Personalvorständin der R+V, spricht im Interview über die Bedeutung von New Work und die Pläne des Versicherers für eine moderne Arbeitswelt.
Julia Merkel: „Wir haben Konzepte für die Dimensionen Arbeit, Raum und Technik entwickelt. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch.“
Julia Merkel: „Wir haben Konzepte für die Dimensionen Arbeit, Raum und Technik entwickelt. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch.“
R+V Versicherung AG Beitrag

Frau Merkel, in Unternehmen macht ein Begriff gerade rasant Karriere: New Work. Allerdings interpretieren viele ihn anders. Welche Bedeutung hat er für Sie?
New Work ist ein Konzept, das nicht so neu ist, wie es der Ausdruck nahelegt. In seinen Ursprüngen geht es auf die 80er-Jahre zurück und zielt darauf ab, den strukturellen sowie kulturellen Anforderungen an Arbeit gerecht zu werden. Für uns spielt das eine große Rolle, denn die Digitalisierung von Arbeitsprozessen wie auch der zunehmende Wunsch nach Individualisierung, Autonomie und Vernetzung fordern neue Arbeitsmodelle. Die zu Grunde liegenden Werte von New Work wie Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Teilhabe sind zudem Teil der Unternehmenskultur der R+V. Deshalb beschäftigen wir uns schon seit vielen Jahren damit, unsere Arbeitswelt der Zukunft zu entwickeln.

Was heißt das konkret?

Schon vor der Corona-Pandemie haben wir neue Modelle für Arbeitszeit, -ort und -raum ermöglicht und getestet. Darunter fallen etwa Telearbeit, Homeoffice oder auch Free-Seating. Das war noch kein großer Wurf, sondern ein langfristiges Projekt, das Unternehmen konsensorientiert in eine neue Arbeitswelt zu führen. Und dann kam die Corona-Pandemie…

… und hat Ihr Projekt überholt?

Eher um Jahre beschleunigt. Die Maßnahmen gegen die Pandemie haben die Arbeitswelt in wenigen Wochen disruptiv verändert. Uns ist es im ersten Lockdown gelungen, nahezu alle Mitarbeiter innerhalb weniger Tage im Homeoffice arbeitsfähig zu machen. Diese Erfahrung hat uns beflügelt, bei der R+V die Arbeitswelt schneller und deutlicher zu verändern. Das Bewusstsein für New Work ist nun im ganzen Unternehmen präsent. Wir haben deshalb schon im April 2020 das Programm NewNormal gestartet.

Wie sieht die neue Arbeitswelt aus?

Für die R+V als Unternehmen ist es wichtig, dass wir durch die neue Arbeitswelt besser auf die Bedürfnisse der Kunden reagieren können, Prozesse schneller und transparenter werden und dass Teams wirksam zusammenarbeiten. Gleichzeitig berücksichtigt New Work individuelle Bedürfnisse der Mitarbeiter, gibt mehr Raum für Flexibilität, Freiheit und kontinuierliche Weiterentwicklung. Bei fast 17.000 Beschäftigten ist es utopisch, auf all diese Bedürfnisse eine passende Antwort zu haben. Deshalb haben wir ein variables Modell entwickelt: Die Teams und ihre Mitarbeiter können aus verschiedenen Kombinationen von Homeoffice und Büro wählen.

Aber Ihr New Work besteht hoffentlich nicht nur aus Homeoffice?

Ganz und gar nicht. Wir haben Konzepte für die Dimensionen Arbeit, Raum und Technik entwickelt. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch, denn der Charakter seiner Arbeit wird sich ändern. Die Technik bringen wir auf den besten Stand, etwa um die hybride Zusammenarbeit professionell zu ermöglichen. Und für die Räume haben wir verschiedene Konzepte entwickelt, aus denen Teams ihr passendes wählen können.

Warum investieren Sie in Raumgestaltung, wenn Homeoffice zunimmt?

Ich bin überzeugt davon, dass das Büro relevant bleibt und sogar eine noch größere Bedeutung bekommt. Wir brauchen mittelfristig weniger Fläche, aber mehr Platz und Orte für hochkonzentrierte und für kreative Zusammenarbeit, Austausch und Vernetzung. Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu treffen, live zu interagieren. Das müssen unsere Räume und Möbel ermöglichen und befördern, dafür investieren wir.

Wie könnte so ein Büro aussehen?

Unsere Raumkonzepte sind modular, die Teams können sie auf sich zuschneiden. Die Gestaltung sieht Platz für Kreativzonen, Besprechungen, Gruppenräume, Einzel- oder Stillarbeit sowie Rückzugsorte in der Fläche vor. Wir führen im ganzen Haus die freie Sitzplatzwahl ein und unterstützen das durch Raumbuchungstools.

Das klingt nach einem großen Wurf. Und nach großer Veränderung, die Mitarbeiter auch verunsichern kann…

Deshalb haben wir großen Wert darauf gelegt, die Mitarbeiter von Beginn an einzubinden. Unser Programm ist experimentell und agil vorgegangen. Wir haben ausprobiert, getestet, für gut befunden, nachjustiert oder verworfen. Und dabei haben wir die Ideen der Mitarbeiter mit einfließen lassen, sie über Workshops kreativ teilhaben lassen. In sogenannten Designwerkstätten haben reale Teams Lösungen und Modelle auf Praxistauglichkeit testen und dem Programm Feedback geben können. Und wir legen Wert auf eine offene Kommunikation, es gibt kontroverse Diskussionen im Intranet, die ein authentisches Stimmungsbild zeigen.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem New Work der R+V?

Nun, die R+V arbeitet seit vielen Jahren wirtschaftlich sehr erfolgreich. Und ich bin dankbar, dass die Bindung unserer Mitarbeiter an das Unternehmen hoch ist. Die R+V wird als Arbeitgeber sehr geschätzt, das zeigen unsere internen Umfragen ebenso wie Bewertungen auf einschlägigen Portalen sowie regelmäßige Auszeichnungen. Denn unsere Mitarbeiter, die Menschen, sind die Grundlage für den Erfolg der R+V. Um den auch langfristig zu sichern, brauchen wir die zukunftsfähige Arbeitswelt. Wir können es uns schlicht nicht leisten, in die alte Welt zurückzufallen.

Wann starten Sie mit der Umsetzung?

Wir haben die erste Stufe bereits im Oktober gezündet. Rund 10.000 Innendienst-Mitarbeiter hatten die Wahl zwischen einem Modell mit 2-3 Tagen Homeoffice oder der kompletten Rückkehr ins Büro. Das wollten nur etwa fünf Prozent. Im ersten Quartal 2022 wird es dann weitere Arbeitsmodelle zur Auswahl geben. Wichtig ist dabei, dass wir bei der R+V auf die Selbststeuerung der Teams setzen. Sie erarbeiten sich anhand eines sogenannten Teamkompasses ihr New Work selber.

Wann ist das Programm für Sie ein Erfolg?
Wenn es die Zusammenarbeit fördert, die Zufriedenheit steigert und die Unternehmenskultur, die auf unseren genossenschaftlichen Wurzeln basiert, stärkt. Die R+V feiert 2022 ihr 100-jähriges Bestehen. Ich hoffe, alle R+V’ler behalten das Jahr auch als Aufbruch in eine noch bessere Arbeitswelt in Erinnerung.

 
www.ruv.de

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