Wasserstofftransport muss in den Fokus rücken

Die Wasserstoffwirtschaft spielt eine zentrale Rolle für die Klimaneutralität. Übersehen wird dabei oft, wie der Wasserstoff dorthin kommt, wo er gebraucht wird.
Uwe Weichenhain Partner bei Roland Berger
Uwe Weichenhain Partner bei Roland Berger
Roland Berger Beitrag

Herr Weichenhain, welche Bedeutung hat sauberer Wasserstoff für die Erreichung der Klimaneutralität?

Durch direkte Elektrifizierung können wir bis zu 70 Prozent der heutigen CO2 -Emissionen einsparen. In der Stahl-industrie oder der Schifffahrt beispielsweise brauchen wir jedoch andere Lösungen: sauberen Wasserstoff.

In einer aktuellen Studie verweisen Sie auf die Bedeutung von Transport für die Zukunft der Wasserstoffwirtschaft. Können Sie das erläutern?

Sauberer Wasserstoff kann in ausreichendem Maße nicht da produziert werden, wo er benötigt wird, etwa in deutschen Industriezentren. Deshalb wird er dort hergestellt werden, wo es günstige Bedingungen für grünen Strom gibt, z. B. im Mittleren Osten. Wir schätzen, dass langfristig ca.70 Prozent des Wasserstoffbedarfs in Europa transportiert werden muss.

In welcher Form kann Wasserstoff transportiert werden?

Zum Beispiel gasförmig in Pipelines. Damit sich die Investitionen rechnen, benötigt man sehr hohe Transportvolumina. Deshalb brauchen wir zusätzlich flexible Optionen, wie Ammoniak, flüssigen Wasserstoff und organische Wasserstoffträger (LOHC), bei denen Wasserstoff für Transport und Speicherung umgewandelt wird.

Wie kommt der Wasserstoff nach Deutschland?

Wir werden einen Mix an Transportwegen bekommen; das ist für die Versorgungssicherheit auch wünschenswert. Beim globalen Transport zu den Häfen in Europa werden Schiffe genutzt. Für den Weitertransport wird es zur Anbindung von Regionen mit sehr hohen Abnahmemengen Pipelines geben, z. B. für die Industriezentren im Westen Deutschlands. Flüssiger Wasserstoff und LOHC werden eine wesentliche Rolle beim regionalen Transport mit Zügen und LKW sowie der Speicherung spielen.

Aber ist der transportierte Wasserstoff konkurrenzfähig zur lokalen Produktion?

Die Transportkosten müssen sinken, denn sie sind kurz- bis mittelfristig höher als die Produktionskosten. In Regionen mit idealen Bedingungen wird man grünen Wasserstoff zur Mitte des Jahrzehnts für ca. zwei Euro pro Kilo produzieren können. Dazu kommen dann aber noch zwei bis drei Euro Transportkosten, je nach Komplexität der Logistikkette. Im Wettbewerb mit der lokalen Produktion wird sich durchsetzen, wer das bessere Angebot bzgl. Verfügbarkeit und Kosten hat. Wegen der überschaubaren lokalen Produktionsmöglichkeiten in Westeuropa hat transportierter Wasserstoff gute Chancen.

Was muss geschehen, um zügig eine Infrastruktur für den Wasserstofftransport aufzubauen?

Der Transport muss stärker in den Fokus rücken. Wesentlich ist die Umsetzung der angekündigten Wasserstoff-Großprojekte, denn für diese wird eine funktionierende Infrastruktur benötigt. Dafür braucht es die richtigen regulatorischen Rahmenbedingungen und Förderinstrumente, Stichwort Fit-for-55 in Europa und H2 Global in Deutschland, um langfristige Liefervereinbarungen und die Investitionen in Infrastruktur abzusichern. Und: Es braucht mehr Risikoaffinität der Wirtschaft und Investoren, in zukunftsträchtige Transportmodelle zu investieren.

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