Der unterschätzte Kraftstoff

Oktober 2015 | Wirtschaftswoche | Stadt der Zukunft

Der unterschätzte Kraftstoff

Umweltschonend, kostengünstig, reichweitenstark – Erdgas könnte eine wichtige Rolle im Stadtverkehr der Zukunft spielen. Noch halten sich die Verbraucher zurück – doch der Kraftstoff wird immer attraktiver.

Illustration: Beatriz Morales
Ole Schulz / Redaktion

Saubere Luft, leise Autos, keine Staus – wer an die Stadt der Zukunft denkt, denkt in der Regel an den Verkehr der Zukunft. Vielleicht auch deshalb, weil der Verkehr der Gegenwart noch so weit von dieser Vision entfernt ist. Selbst in Deutschland, im Land der Energiewende, herrscht im Augenblick noch dicke Luft in den Städten. Laut Umweltbundesamt werden in vielen urbanen Ballungsräumen regelmäßig die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide überschritten.

 

Das ist auch kein Wunder, denn immer noch mindestens 98 Prozent aller Autos fahren mit Benzin oder Diesel, den Hauptverursachern der Luftverschmutzung. Daran scheinen im Augenblick auch die technischen Fortschritte im Bereich alternativer Antriebe nichts zu ändern, wie sie auch auf der aktuellen Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) wieder zu besichtigen waren. Allein der VW-Konzern stellte mit dem Porsche Mission E, einem VW Tiguan und dem Audi E-Tron Quattro Concept drei neue E-Modelle vor. Der neue Audi A4 wurde zudem in einer Erdgas-Version präsentiert. Der Avant-g-tron liegt beim CO2-Ausstoß unter 100 Gramm pro Kilometer und kann im reinen Erdgasbetrieb eine Strecke von 500 Kilometern zurücklegen.

 

Interessanterweise wird besonders dem Erdgas-Antrieb, im Augenblick etwa ähnlich weit verbreitet wie Hybrid- und Elektroantriebe zusammengenommen, unter Experten eine gute langfristige Bestandsperspektive zugesprochen. So prognostiziert das Institut für Kraftfahrzeuge (IKA) der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen Erdgas-Antrieben für das Jahr 2030 einen höheren Marktanteil als Elektroautos. Auch die Deutsche Energie-Agentur (dena) hält vier Prozent Marktanteil bis 2024 zumindest für „denkbar“.

 

Der Grund ist: Erdgasantriebe gelten als perfekte Übergangstechnologie in eine immer schadstoffärmere automobile Zukunft. Sie stoßen nicht nur rund ein Viertel weniger klimaschädliches CO2 aus als Benziner, sondern auch deutliche weniger gesundheitsgefährdenden Ruß, vor allem als Dieselfahrzeuge. Bei Stickoxiden liegen sie – je nach Modell – sogar um 50 bis 95 Prozent unter den Werten von Diesel. Und was gerade in Städten wichtig ist: „Erdgasmotoren laufen etwa nur halb so laut“, sagt Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Erdgas e.V. Dem Verein gehören rund 80 deutsche Energieunternehmen an, von großen wie E.ON und RheinEnergie bis zu kleinen Stadtwerken. Im Mobilitätssektor wollen sie gemeinsam Erdgas als alternativen Kraftstoff verankern.

 

Neben dem Ausbau des Tankstellennetzes – derzeit stehen ungefähr 900 Erdgas-Zapfstellen zur Verfügung, laut Expertenmeinung wären aber deutschlandweit mindestens 2000 notwendig – fordert Zukunft Erdgas auch Transparenz an der Zapfsäule, um Erdgas auf der Straße zum Durchbruch zu verhelfen. „Erst wenn die Erdgas-Preise an den Tankstellen nicht pro Kilogramm sondern pro Liter-Äquivalenz ausgezeichnet werden, wird jeder auf den ersten Blick erkennen, wie günstig Fahren mit Erdgas wirklich ist“, so Timm Kehler.