Neues Plastik

Juli 2020 | Handelsblatt | Innovation 4.0

Neues Plastik

Wir brauchen dringend innovative, umweltfreundlichere Verpackungslösungen. Eine EU-Initiative will nun dafür sorgen, dass es mehr Ideen bis zur Marktreife schaffen.

Illustration: Magda Wilk
Julia Thiem / Redaktion

Heute ist sie ein Kultobjekt. 1978 aber musste sie weichen, die Glasflasche von Coca Cola. An ihre Stelle trat die modernere, innovative PET-Flasche, in der das Getränk bis heute überwiegend verkauft wird. Der „Tod“ der legendären Coca-Cola-Glasflasche in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts steht stellvertretend für den Siegeszug von Plastik. Damals hatte man nämlich entdeckt, dass aus einem Abfallprodukt der chemischen Industrie der Kunststoff PVC hergestellt werden kann. Seitdem ist Plastik aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken.


Heute müssen wir mit den Folgen leben. Laut Schätzungen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) machen Einwegprodukte den größten Teil des seit den 1950-Jahren produzierten Plastiks aus. Nicht einmal zehn Prozent des jemals produzierten Kunststoffes seien recycelt worden. Stellvertretend hierfür stehen sicherlich die Berge an Plastikmüll, die in den Weltmeeren schwimmen oder die wir in Richtung Asien verschiffen.
Allerdings spornt diese Herausforderung mittlerweile immer mehr Unternehmen an, Lösungen für das Plastik-Problem zu finden, etwa durch den Einsatz neuartiger Polymerzusammensetzungen auf biologischer oder biologisch abbaubarer Basis. Polymere sind große Molekülketten, die aus kleinen, sich wiederholenden Untereinheiten bestehen. Natürliche Beispiele sind unsere eigene DNA oder auch Proteine.


Allerdings gibt es einen Haken: Insbesondere Start-ups und KMUs, die an Innovationen forschen, haben meist nur begrenzte finanzielle Ressourcen und Kapazitäten für die Pilotproduktion. Investoren sind  zwar grundsätzlich bereit, umweltfreundliche Lösungen zu unterstützen. Sie verfügen jedoch nicht immer über das nötige technische Wissen oder den Zugang zu unabhängigen Bewertungsstellen, um Ideen, Produkte und Geschäftsmodelle adäquat einschätzen zu können. In Fachkreisen wird diese Hürde zwischen Forschung und Kommerzialisierung als „Tal des Todes“ für Start-ups und Unternehmen bezeichnet.


Damit mehr neue Ideen dieses Tal „überleben“, hat die Europäische Union am 1. April dieses Jahres im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon 2020 nun eine neue Initiative ins Leben gerufen: FlexFunction2Sustain soll als Open Innovation Test Bed (OITB) die Nanofunktionalisierung von Kunststoff- und Papieroberflächen vorantreiben. Im Fokus stehen recyclingfähige oder kompostierbare Lebensmittel- und Kosmetikverpackungen, intelligente Kunststoffoberflächen für die Automobilindustrie oder biologisch abbaubare Sicherheits- und Fälschungsschutzetiketten.


Lokaler Ansprechpartner für die Initiative in Deutschland ist das Fraunhofer-Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP. Koordinator Dr. John Fahlteich sagt dazu: „Die Stärke des FlexFunction2Sustain OITB lieg in der einzigartigen Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Ingenieuren und Unternehmen. Durch einen lokalen Ansprechpartner erhalten KMU Zugang zu einem gesamteuropäischen Netzwerk. Und mit der Auswahl der am besten geeigneten Technologien und Dienstleister wird sichergestellt, dass Nutzer das Optimum hinsichtlich Kosten, Markteinführungszeit, Zuverlässigkeit und Leistung erwarten können.“