»Wir müssen den Nutzen von Datenspenden besser erklären«

März 2021 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Wir müssen den Nutzen von Datenspenden besser erklären«

Zugang zu Daten ist eine wichtige Voraussetzung für den medizinischen Fortschritt. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Erwin Böttinger, Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

Illustrationen: Wyn Tiedmers
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Herr Böttinger, die Möglichkeiten, die die Digitalisierung für die Medizin der Zukunft eröffnet, sind beeindruckend. Was wir gerade erleben, schrieb das Handelsblatt kürzlich, sei die vielleicht größte Revolution seit Entdeckung des Penicillins vor 90 Jahren. Sehen Sie das auch so?

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, die Möglichkeiten, die wir durch das Sammeln und Analysieren von Daten bekommen, bedeuten einen noch größeren Fortschritt. Wir werden in immer mehr Bereichen unseres Lebens zu einem immer besseren medizinischen Verständnis kommen – und zwar in einer Breite, in der selbst ein so revolutionärer Wirkstoff wie das Penicillin als einzelnes Medikament gar nicht wirken kann. Wir werden zu vollkommen neuen Erkenntnissen kommen, etwa bei der Therapie oder Prävention von chronischen Erkrankungen, und viele Zusammenhänge besser verstehen, die wir heute noch nicht erklären können.

 

Woran denken Sie konkret?

Zum Beispiel an das Monitoring von Körperdaten über Sensoren, wie es über Smartwatches oder Fitnessarmbänder ja heute schon relativ leicht möglich ist. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir in zehn Jahren zurückblicken und uns gar nicht mehr vorstellen können, wie ein Patient oder eine Patientin nach einer OP nach Hause geschickt wurde, ohne dass man den Heilungsverlauf überwacht. Dasselbe gilt für Patient:innen mit komplizierten chronischen Krankheitsverläufen.

 

Oder man spürt mittels Monitoring Krankheiten auf, für die man noch gar keine Symptome entwickelt hat?

Ganz genau. Es ist wie in der Meteorologie oder der Seismologie: Wetterereignisse und Erdbeben können wir heute viel präziser vorhersagen als noch vor einigen Jahren, einfach deshalb, weil wir mehr Daten sammeln und unsere Instrumente zur Analyse der Daten – komplexe Algorithmen – immer besser geworden sind. Genau dasselbe gilt für die Medizin. Wir können im Bereich Gesundheit bei der Vorhersage von Krankheitsverläufen und der Einschätzung von Risiken in kurz- und mittelfristigen Zeitabschnitten heute schon Großartiges leisten.

 

Wie genau kann man sich das vorstellen?

Stellen Sie sich vor, Sie überwachen ihre Körperdaten mithilfe einer Smartwatch. Diese zeichnet auch ihren Puls auf. Nun beobachtet man eine erhöhte Herzfrequenz und es stellt sich die Frage: Ist das eine Folge von körperlicher Anstrengung, etwa weil sie gerade zur Straßenbahn gerannt sind? Oder gibt es eine Vorgeschichte und weist der hohe Puls in Kombination mit anderen Daten auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hin? Durch die Auswertung und Kombination von Daten können wir Krankheiten bereits in ihrem Frühstadium erkennen.

 

Nicht nur im Bereich Monitoring, auch in der Diagnostik erleben wir eine interessante Entwicklung. Derzeit ist viel von Künstliche-Intelligenz-Systemen zu hören, die die Ärztinnen und Ärzte beispielsweise bei radiologischen Untersuchungen unterstützen – oder in ihrer Analyse teilweise schon besser sind. Wie werden Mensch und Maschine hier in Zukunft zusammenarbeiten?

Es gibt ja immer die Befürchtung, Ärztinnen und Ärzte würden in ihrer Rolle geschwächt, weil die KI-Systeme immer besser werden. Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil. Wir haben hier die große Chance, Ärztinnen und Ärzte in ihrer Rolle aufzuwerten. In der Radiologie stehen uns schon heute digitale Analysetools zur Verfügung, die auf der Grundlage von maschinellem Lernen sehr gute Ergebnisse liefern. Dadurch können wir zum Beispiel Screenings, wie sie in der Krebsvorsorge gerade millionenfach durchgeführt werden, sehr viel effizienter gestalten, indem wir KI dafür einsetzen. Ärztinnen und Ärzte würden dann nur noch diejenigen Befunde verifizieren, bei denen die KI eine Auffälligkeit festgestellt hat.

 

Sie hatten eingangs gesagt, die Digitalisierung wird die Medizin in ihrer Breite verändern. Über Monitoring und Diagnostik haben wir schon gesprochen. Jetzt gibt es einen weiteren Bereich, der im Zuge der Pandemie gerade in aller Munde ist: die Entwicklung neuartiger Wirkstoffe. Welche Fortschritte sind in diesem Bereich zu erwarten?

Sie sprechen COVID-19 an. Ja, was wir hier an Qualität und Entwicklungsgeschwindigkeit erleben, wäre ohne die Digitalisierung natürlich nicht denkbar gewesen. Was die Entwicklung neuer Medikamente angeht, sehe ich eine große Chance in der datengetriebenen Auswahl von StudienteilnehmerInnen. Durch ein besseres Verständnis des einzelnen Probanden und der einzelnen Probandin kann man Studien sehr viel präziser im Hinblick auf bestimmte Erkrankungen designen. Dadurch spart man Zeit und Kosten. Möglich wäre auch, dass man nicht nur klinische, sondern auch molekulare Daten erfasst – beispielsweise durch Genomsequenzierungen oder die Analyse von Biomarkern im Blut.

 

Weil Sie Bluttests ansprechen: Wäre es nicht auch hier denkbar, KI-Systeme einzusetzen?

Ja, absolut. Daran wird auch schon gearbeitet. Und das ist ja auch sinnvoll. Ein Bluttest beruht ja auf der Bioprobe eines Menschen. Dann sollte man doch, wenn die Probe schon einmal vorliegt, auch versuchen, auf so viele Fragestellungen wie möglich eine Antwort zu finden. Genau dabei können KI-Systeme, die ja inzwischen sehr gut dabei sind, bestimmte Muster zu erkennen, unterstützen.

 

Nun haben wir davon gesprochen, wie nützlich es sein kann, medizinische Daten zu erfassen und sie miteinander zu kombinieren. Dafür müssten sie aber in der Breite verfügbar sein. Nun sind gerade diese Daten aber sensibel und müssen geschützt werden, oder?

Ja natürlich, aber die Priorität muss doch sein, dass wir die Daten sinnvoll nutzen können. Und der Datenschutz sollte uns eigentlich dabei unterstützen und nicht hemmen. Genau das passiert aber bei uns in einer Art und Weise, die wir in dieser Form in keinem anderen europäischen Land beobachten können – obwohl die Europäische Datenschutzgrundverordnung ja überall gleichermaßen aktiv ist. Für mich ist das im Kern ein Kommunikationsproblem. Es wäre Aufgabe insbesondere der Politik, den Nutzen von Datenspenden für den Einzelnen besser zu erklären. Dann würden wir einen großen Schritt weiterkommen und künftig solche Fehler wie ein aufwendig entwickeltes, aber nur sehr begrenzt nützliches digitales Tool wie die Corona-Warn-App hoffentlich vermeiden.

 

Prof. Dr. Erwin Böttinger ist Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam