»Wir brauchen komplexe Behandlungssysteme« 

Alkohol, Drogen – wer nicht gelernt hat, mit negativen Gefühlen umzugehen, gerät schnell in die Abhängigkeit. Der Weg raus ist oftmals mühsam, wie Suchtmediziner Dr. med. Eckart Grau zu berichten weiß.

 

Dr. med.  Eckart Grau Chefarzt Suchtmedizinisches Zentrum Diakonie-Krankenhaus Harz GmbH in Elbingerode
Dr. med. Eckart Grau Chefarzt Suchtmedizinisches Zentrum Diakonie-Krankenhaus Harz GmbH in Elbingerode
DIAKONIE-KRANKENHAUS HARZ GMBH Beitrag

Sucht ist nicht gleich Sucht – zumindest nicht aus Sicht der Gesellschaft. Während Alkohol als Genussmittel anerkannt ist, sind es härtere Drogen nicht. Nehmen gerade in Bezug auf Alkohol viele Menschen ihre Sucht deshalb gar nicht als solche wahr?

Das trifft in der Tat auf einen sehr hohen Prozentsatz zu. Inhaltlich lässt sich das Thema besser greifen, wenn wir nicht über Menge oder Häufigkeit sprechen – da ist die Bandbreite sehr hoch. Unsere Definition von Abhängigkeit unterscheidet sich in eine seelische und körperliche Abhängigkeit. Seelisch abhängig ist ein Mensch, wenn er, um seine normalen Lebensbezüge wie schlafen, arbeiten, soziale Interaktion hinzukriegen, ein Suchtmittel benötigt. Wenn Sie also nur dann schlafen können, wenn Sie zwei Weizenbiere trinken, haben Sie ein Suchtproblem. Diese seelische Abhängigkeit geht dann erst unmerklich über in eine körperliche.

Warum greift der Mensch überhaupt zu Suchtmitteln?

Meist, weil er für den Umgang mit seinen aversiven Gefühlen – denn in der Regel sind es ja die negativen, die zu einer Abhängigkeit führen – kein ausreichendes Instrumentarium zur Verfügung hat. Und deshalb werden die dann mit Alkohol oder anderen Drogen betäubt.

 

Wie passen aufputschende Drogen in ein solches Bild?

Auch hier ist Stress in der Regel ursächlich, nur wird nicht versucht, den Stress am Abend auszublenden und die negativen Gefühle zu betäuben. Vielmehr wird beispielsweise mit Hilfe von Methamphetaminen die Leistungsfähigkeit hochgehalten. Es gibt Menschen, die diese Drogen „gekonnt“ konsumieren, sodass man es ihnen über Jahre und Jahrzehnte nicht anmerkt. Wir haben Mütter, mit zwei, drei Kindern, die auf geringen Dosen Methamphetamin „gute Mütter und gute Hausfrauen“ sind. Die Droge hat in unserer Gesellschaft einen hohen Dopingfaktor. Gesunde Lebensbewältigungsmechanismen haben diese Menschen jedoch ebenfalls nicht gelernt.

 

Diese Mechanismen vermitteln Sie in der Therapie?

Genau, der Entzug beginnt zunächst auf körperlicher Ebene und wenn der geschafft ist, kommen die Menschen zu uns ins Suchtmedizinische Zentrum, wo wir beispielsweise an Bewältigungsmechanismen arbeiten, aber eben auch versuchen, maximal zu thematisieren und durchzuspielen, wie das Leben nach der Therapie verläuft. Denn die ersten anderthalb bis zwei Jahre nach der Therapie sind entscheidend. Da ist besondere Achtsamkeit gefragt – gerade auch mit Blick auf das soziale Umfeld.

 

Wie hoch sind Ihre Erfolgsquoten?

Bei Alkoholabhängigen haben wir eine Erfolgsquote von etwa 60 Prozent, bei Drogenabhängigen liegt die bei rund 35 Prozent – das sind hohe Werte, die wir aber auch nur erreichen, weil wir die Patienten von der Entgiftung über die Therapie bis zur Nachsorge ganzheitlich betreuen. Und das ist aus meiner Sicht der Schlüssel: Wir brauchen komplexe Behandlungssysteme, die ineinandergreifen. Die meisten Menschen müssen unter abstinenten Bedingungen noch einmal neu leben lernen. Und das ist einer der ganz großen Vorzüge unseres Suchtmedizinischen Zentrums: Für alle Behandlungsintensitäten haben wir ein Angebot. Und nur so kann der Weg raus aus der Sucht überhaupt gelingen.

www.diako-harz.de
 

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