Mit vielen Bällen jonglieren

April 2020 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Mit vielen Bällen jonglieren

Der Pflegenotstand spitzt sich seit Jahrzehnten zu. Nun nun soll eine Aktion der Bundesregierung die Situation schnell und spürbar entschärfen. Mit welchen Aussichten?

Illustration: Wyn Tiedmers
Verena Mörath / Redaktion

„Wir sind erschöpft. Wir sind frustriert. Wir sind wütend“, heißt es auf dem Onlineportal von CareSlam. Die Veranstaltungsreihe bietet Menschen aus der Pflege eine öffentliche Plattform, um über ihre individuellen Erfahrungen mit dem Pflegenotstand zu berichten. Hier ist schon die Pflege in ihrer großen Vielfalt aufgetreten – ob Präsident des Deutschen Pflegerats, Vertretungen von Landespflegekammern oder Auszubildende in der Kranken-, Kinderkranken- oder Altenpflege sowie Pflegehelfer, Gewerkschafterin oder Sexualassistentinnen, sogar Patientinnen und Patienten. Ziel aller Aktionen ist es, aus erster Hand über den Pflegealltag zu berichten und Forderungen zu artikulieren.


Yvonne Falckner, Mit-Initiatorin von CareSlam, examinierte Krankenschwester und Dozentin, charakterisiert die aktuelle Situation in der Pflege als „hart auf Kante gespannt”. Eine Tatsache, die schon der CARE Klima-Index 2018 zutage brachte. 78 Prozent der befragten Fachkräfte aus Medizin und Pflege sagten aus, die Sicherheit der Patienten sei als niedrig oder nur teilweise als gewährleistet anzusehen. Yvonne Falckner sagt dazu, dass „es manchenorts zugeht wie in einer Realsatire”.

 

Versorgungslücke vergrößert sich

 

Laut Institut der deutschen Wirtschaft Köln werden in Deutschland in der stationären Versorgung bis zum Jahr 2035 rund 307.000 Pflegekräfte fehlen. Die Versorgungslücke im Pflegebereich – in der ambulanten und in der Langzeitpflege sowie in Krankhäusern – könnte sich bis zu diesem Jahr auf insgesamt knapp 500.000 Fachkräfte vergrößern. Allein in Kliniken, so eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, fehlen heute rund 100.000 Vollzeitstellen. So kommen in Deutschland 13 Patienten auf eine Pflegefachkraft, in den Niederlanden beispielsweise nur 8,6. Auch deutsche Seniorenpflegeheime müssten mehr als 100.000 Pflegekräfte zusätzlich einsetzen (ein Plus von 36 Prozent), um die zu hohe Arbeitsbelastung von hier Tätigen zu senken und eine angemessene Betreuung Pflegebedürftiger zu gewährleisten. Dies war das Ergebnis eines Gutachtens der Universität Bremen, die der Pflegewissenschaftler Heinz Rothgang im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums verfasst hat.


Und noch ein bedrohliches Hintergrundrauschen ist zu vernehmen: Rund 40 Prozent der Pflegefachkräfte wird in den nächsten 15 Jahren in Rente gehen. Darum ist längst nicht mehr die Frage, in welchem Versorgungsbereich eventuell der größte Pflegenotstand vorherrscht. „Am Ende ist es Wurst“, sagt Christine Vogler, Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerats. „Überall herrscht Mangelwirtschaft.“

 

Das will die Konzertierte Aktion Pflege erreichen

 

Am 1. März dieses Jahres ist das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft getreten, das, so die Hoffnung, die Zuwanderung qualifizierter Pflegefachkräfte befördern soll. Einer von vielen ambitionierten Vorhaben im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege (KAP), um die Rahmenbedingungen pflegerischer Arbeit „spürbar und schnell” zu verbessern, wünschen sich Gesundheits-, Arbeits- und Familienministerium. Vereinbart wurden eine bundesweite Bezahlung nach Tarif, ein Personalbemessungsverfahren für Einrichtungen und 2019 rund 100 Maßnahmen für eine Ausbildungsreform im Bereich Pflege, um die Zahl von Auszubildenden und Ausbildungseinrichtungen zu steigern und Karrierechancen des Pflegenachwuchses zu erhöhen.


Leider haben laut EU-Mobilitätsstatistik 2018 viel mehr examinierte Pflegekräfte aus Deutschland ihren Berufsabschluss im europäischen Ausland anerkennen lassen (rund 10.600) als umgekehrt europäische Pflegekräfte in Deutschland (knapp 3.500). „Wir stehen mit vielen Ländern in starker Konkurrenz”, kommentiert Marcus Jorgest. Er selbst betreibt einen ambulanten Pflegedienst und ein Seniorenhaus im baden-württembergischen Renchen. Das EU-Ausland, wie zum Beispiel die Schweiz oder Österreich, locken mit „besseren Arbeitsbedingungen und Bezahlung”. Deshalb ist eine Wertschätzung der herausfordernden Pflegetätigkeit durch höhere Gehälter für ihn der „Dreh- und Angelpunkt“, um den Pflegenotstand langfristig abzumildern. Eine weitere Notwendigkeit aus seiner Sicht sei, Pflegefachkräfte im Arbeitsalltag durch Personalaufstockung und einem Zuschnitt der Aufgaben entsprechend ihrer Fachkompetenzen zu entlasten.

 

Bessere Vergütung und familienfreundliche Arbeitszeiten

 

Auch Yvonne Falckner und Christine Vogler denken, dass mittels einer angemessenen Vergütung in allen Pflegebereichen – noch werden beispielsweise ambulante Pflegekräfte deutlich geringer entlohnt als Fachkräfte in Krankenhäusern – und einer zuverlässig planbaren Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon einiges gewonnen wäre. Weniger bekannt ist, dass Pflegefachpersonen kein Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht haben, sie verfügen in Entscheidungsgremien auf Bundes- auf Landesebene lediglich über Beratungsfunktionen. „Diese Berufsgruppe bräuchte mehr Autonomie und leistungsrechtliche Verantwortung“, sagt Vogler und wünscht sich eine Heilberufskammer als politisches Gewicht. Um die Gewinnung von Pflegenachwuchs geht es auch bei der generalisierten Pflegefachausbildung, die seit dem 1. Januar 2020 angeboten wird. Sie soll junge Menschen besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, ihre Aufstiegschancen erhöhen und so ein höheres Gehalt ermöglichen. Der Abschluss erlaubt es, in allen stationären und ambulanten Einrichtungen der Gesundheitsversorgung zu arbeiten und ist sogar in der gesamten Europäischen Union automatisch anerkannt. Langfristig eine gute Strategie, eine von vielen. Falckner, Jorgest und Vogler prognostizieren dennoch, dass die geplanten KAP-Vorhaben weder schnell noch spürbar zu einer hohen Pflegequalität oder Arbeitszufriedenheit von Pflegfachkräften führen werden. „Wir müssen halt heute 1000 Bälle in die Luft werfen, damit jonglieren und einen langen Atem haben”, meint Christine Vogler. Wie viel Zeit also vergehen wird, bis bei CareSlam pflegende Bühnenamateure zufrieden ausrufen werden, „wir pflegen wieder”, ist leider nicht vorauszusagen.