Es gibt sie auch bei uns! Experten für KI im Gesundheitswesen

April 2020 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Es gibt sie auch bei uns! Experten für KI im Gesundheitswesen

Unternehmen im Spannungsfeld zwischen Markt, Regulierung und Innovation

CEO Dr. Daniel Diekmann und CTO André Sander, ID Information und Dokumentation im Gesundheitswesen
ID Information und Dokumentation im Gesundheitswesen GmbH & Co. KGaA / Anzeige

Besorgt blicken hierzulande viele Digitalisierungsbefürworter auf das Gesundheitswesen. Sie prognostizieren eine zunehmende Abhängigkeit von vor allem US-amerikanischen Firmen, die unsere Daten nutzen werden, um eigene Geschäftsmodelle zu etablieren. Stark gestiegene Datenschutzvorgaben und unklare Rahmenbedingungen erschweren es der heimischen IT-Industrie marktfähige und innovative Lösungen nachhaltig zu entwickeln. Dass es trotzdem möglich ist, berichten Dr. Daniel Diekmann, Geschäftsführer und André Sander, Entwicklungsleiter von ID. Sie arbeiten mit ihrem Unternehmen bereits seit 35 Jahren daran, KI für deutsche Krankenhäuser zu nutzen. Ein Gespräch über den richtigen Weg, Versorgungsqualität digital zu fördern.

 

Wie unterstützen Sie die Qualität der Gesundheitsversorgung?
Diekmann: In unserem Unternehmen entwickeln wir technologische Grundlagen zur Strukturierung von medizinischem und pharmazeutischem Wissen. Auf Basis dieses Wissens entsteht Software, die Krankenhäuser in den Bereichen Codierung, Medizinische Dokumentation, klinische Analysen und Arzneimittelsicherheit einsetzen. Ziel unseres Schaffens ist es, den Menschen bei seinen verantwortungsvollen Tätig-keiten zu begleiten und ihm eine spürbare Erleichterung bei administrativen wie patientenbezogenen Aufgaben zu bieten. Damit wir hier Erfolg haben, setzen wir auf internationale Standards und Terminologien. Nur mit multilingualen Strukturen können wir medizinisches Wissen mit einem hohen Nutzen für unsere Kunden verfügbar machen.

 

Können Sie das, was Ihre Produkte leisten an einem Beispiel konkretisieren?
Sander: Mit unserer Software werden unter anderem jeden Tag rund 500.000 Verordnungen vollautomatisch geprüft. So unterstützen wir Ärzte und Apotheker dabei, Medikamente nicht nur strukturiert und damit nachvollziehbar zu verordnen, sondern geben zu jederzeit Hinweise, ob ein Medikament für den Patienten das richtige ist. Die Software prüft innerhalb von Sekunden: Passen Alter, Geschlecht, Laborwerte, Diagnosen und Allergien zu den verordneten Medikamenten? Ist das Medikament mit Schwangerschaft oder Kinderwunsch vereinbar? Bekommt der Patient ein Medikament, dass die Fahrtüchtigkeit beeinflusst, kurz vor der Entlassung? Solche Aspekte können von den Mitarbeitern im oftmals hektischen Krankenhausalltag leicht übersehen werden – aber eben nicht von einer Software.

 

Ihre Software bündelt also Wissen, damit Ärzte bessere Entscheidungen treffen können?
Diekmann: Richtig, doch es profitieren nicht nur Ärzte davon, wenn der Computer intelligent unterstützt. Mit unserer Software kann zum Beispiel eine Patientenakte in wenigen Augenblicken automatisch analysiert werden. Das spart Zeit bei einer Qualitätskontrolle oder bei juristischen Nachfragen. Auch leiten unsere Produkte dazu an, vollständig und korrekt zu dokumentieren. Das ist sowohl wichtig für eine erfolgreiche Therapie aber auch für die Erlössituation in einem Krankenhaus. Wir schaffen Freiräume für die eigentlichen Aufgaben, nämlich das Heilen und Pflegen von Patienten sowie das wirtschaftliche Steuern eines Krankenhauses. Der Mensch behält in dieser Situation zu jederzeit die Entscheidungshoheit.

 

Und warum kann die Software das?
Sander: Grundlage unserer Produkte sind Terminologien, mit denen wir die Fachsprache der Pharmazeuten und der Medizin abbilden. Um zum Beispiel bei der Erlösdokumentation unterstützen zu können, muss die Software erkennen, wenn unterschiedliche Ärzte verschiedene Begriffe für ein und dasselbe Phänomen verwendet haben. Zum Beispiel beschreiben »Myokardinfarkt«, »Herzinfarkt« und »AMI« alle dieselbe Erkrankung. Wichtig dabei ist, individuelle Besonderheiten einzelner Fachabteilungen, Krankenhäuser und auch länderspezifische Aspekte abzubilden. Damit unsere Software zum Beispiel mit einem Arzneimitteltherapiecheck für mehr Sicherheit sorgen kann, braucht es ein ganzes Orchester an KI-Komponenten wie Terminologien, Ontologien, Regelwissen sowie statistische Verfahren. Der Terminologieserver ist der Dirigent, der dafür sorgt, dass die Musik am Ende in der gesamten Klinik spielt. Ob Operationssaal, Station, Verwaltung, Apotheke oder IT-Abteilung: In allen Bereichen kann die Technologie mit Plausibilitätschecks, Analysen, Warnungen oder Empfehlungen unterstützen.

 

Das heißt, Sie sind Anbieter von Künstlicher Intelligenz?
Diekmann: Ja! Auch wenn in letzter Zeit der Begriff Künstliche Intelligenz insbesondere mit machine- learning-Verfahren und neuronalen Netzen gleichgesetzt wird, zählen auch regelbasierte Systeme dazu. Wir bei ID kombinieren regelbasierte Ansätze mit machine-learning-Verfahren, da sich beide ganz hervorragend ergänzen.

 

Gesundheit ist ein globales Thema. Wie bewerten Sie die Rolle Deutschlands bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz in der Medizin?
Diekmann: Aus technischer Sicht könnte Deutschland von internatio-nalen Terminologien noch stark profitieren. Es bringt aber nichts,  wenn es Definitionen für eImpfpass, eAU und eGK gibt, wir die Terminologien dazu aber manuell anwenden und deren kontinuierliche Pflege völlig außer Acht lassen. Doch leider passiert genau das. Mit strengen nationalen Richtlinien und Regularien manövrieren wir uns selbst ins Abseits. Bei all den Bestrebungen zur Standardisierung, die derzeit in den Ministerien diskutiert werden, wird leider vergessen, dass es am Ende darauf ankommt eine nutzbringende Anwendung zu erhalten.


Sander: Eine gesetzliche Bestrebung zur Digitalisierung des Gesundheitssystems auf Grundlage von Standards darf nicht zum Rückschritt führen. Viele intelligente Systeme, wie die von ID, laufen bereits heute in der Routine und beweisen sich trotz komplexer regulatorischer Anforderungen tagtäglich. Ich sehe die Gefahr, dass uns Firmen anderer Länder überholen. Sie entwickeln KI-Produkte mit dem Fokus auf den Nutzen für die Versorgung, wir entwickeln mit Fokus auf gesetzliche Anforderungen und versuchen dabei den Nutzen im Auge zu behalten. Das ist ein sehr kraftraubender
Spagat.

 

Interview: Juliane Dannert, Freie Journalistin

 


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