Die Welt braucht Mediziner

Oktober 2016 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Die Welt braucht Mediziner

Antibiotikaresistenzen, Seuchen, Volkskrankheiten: Je älter die Menschen aufgrund einer verbesserten Gesundheitsversorgung werden, desto mehr Rückschläge muss die Medizin hinnehmen. In gleichem Maß steigt die Bedeutung der Medizinforschung.

Illustration: Ivonne Schulze
Mirko Heinemann / Redaktion

Ein immer neuer Anlauf, und immer wieder scheitert er: Sisyphos schaffte den Stein bei keinem seiner Versuche höher den Berg hinauf. Stets scheitert der für seine Aufmüpfigkeit gegen die Götter bestrafte König an gleicher Stelle kurz vor dem Ziel. Der Brocken fällt herunter, und der auf alle Ewigkeit zu dieser Arbeit Verdammte muss wieder von vorne anfangen.

Nein, wie Sisyphos müssen sich Mediziner nicht fühlen, wenn sie im Kampf gegen Krankheiten auch mal Niederlagen erleiden. Schließlich hat die Medizin in den vergangenen Jahrhunderten so viele Quantensprünge gemacht, dass sich Rückschläge auf einem hohen Niveau abspielen. Der Medizin ist es zuzurechnen, dass sich die Lebenserwartung der Deutschen in den vergangenen 130 Jahren mehr als verdoppelt hat: Damals konnten neugeborene Jungen nur mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 35 Jahren und sieben Monaten rechnen, neugeborene Mädchen mit 38 Jahren und fünf Monaten. Mit dem Rückgang der Kindersterblichkeit und einer steigenden Zahl von Menschen höheren Alters wuchs die statistische Lebenserwartung neugeborener Mädchen auf im Schnitt 82 Jahre und sieben Monate an. Männliche Säuglinge haben 77,5 Jahre vor sich. Und laut Statistischem Bundesamt steigt die Lebenserwartung beider Geschlechter jedes Jahr weiter an.

Dass eine derart dynamische Entwicklung auch neue Probleme mit sich bringt, liegt auf der Hand. So haben Faktoren wie die Bevökerungsexplosion und die industrielle Nahrungsproduktion dazu geführt, dass Antibiotika in hohen Mengen in den Kreislauf der Natur gelangen, sei es durch die flächendendeckende Behandlung von Patienten mit Infektionskrankheiten oder durch die Tiermast. Mit verheerenden Folgen: Jedes Jahr sterben weltweit 700.000 Menschen durch resistente Keime. Bei der Tagung der Hochrangigen Kommission der Vereinten Nationen im September wurde eine UN-Generalversammlung zu dem Thema Antibiotika-Resistenzen abgehalten. Die internationale Gemeinschaft unterstrich dabei die Bedeutung der gemeinsamen Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen mit der Annahme einer politischen Erklärung.

In einer dramatischen Rede erklärte die Vertreterin des deutschen Gesundheitsministeriums, kein Staat alleine könne den weltweiten Anstieg von Antibiotika-Resistenzen aufhalten. „Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, bricht eine tragende Säule unserer Gesundheitsversorgung weg“,  so die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz. „Deshalb ist es wichtig, dass wir international an einem Strang ziehen.“

Nur ein Viertel der Länder weltweit habe Maßnahmen zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen ergriffen, so Widmann-Mauz. Nur 50 Prozent der Länder haben Überwachungssysteme und weniger als 40 Prozent der Länder haben derzeit Programme zur Infektionsprävention und Kontrolle von Antibiotika-Resistenzen. Mit der politischen Deklaration der Vereinten Nationen soll sich dies ändern. Immerhin werde „ein starkes Zeichen“ zur globalen Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen gesetzt. Vor allem der sektorenübergreifende Ansatz von „One Health“ wird herausgestellt: Er berücksichtigt nicht nur die Human- und Veterinärmedizin, sondern auch die Landwirtschaft.

Mit der Entdeckung des Penicillins durch den schottischen Bakterienforscher Alexander Fleming hat sich die Medizin radikal verändert. Dabei ist seine Entdeckung nicht einmal 90 Jahre her, und dessen erste medizinische Einsätze im Zweiten Weltkrieg hat die heutige Großelterngeneration noch erlebt. Zugleich mit dem großflächigen Einsatz entwickelten sich die ersten Resistenzen. Die Bakterien, die den antibiotischen Angriff überleben, geben diese Fähigkeit zur Resistenz an ihre Nachkommen weiter. Mittlerweile sind Antibiotika bei zahlreichen Bakterienstämmen wirkungslos, auch Penicillin macht da keine Ausnahme.

Ein Sisyphos-Faktor ist das nicht. Niemand muss von vorne anfangen. Im Kampf gegen Seuchen, chronische und seltene Krankheiten, Infektionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs erringen die Mediziner derzeit Erfolge, von denen vor ein paar Jahren noch niemand zu träumen gewagt hat.  Dank verbesserter Vorsorge und neuen Therapien kann Krebs immer öfter geheilt werden. Die Digitalisierung eröffnet völlig neue Wege bei der Diagnose und Therapie. Und die Bereitschaft der Menschen, immer mehr für ihre Gesundheit zu tun und als Selbstzahler auch immer mehr Geld für sie auszugeben, entlastet die Medizin und eröffnet der Forschung immer mehr Raum.

Das schlägt sich auch in der wachsenden Bedeutung der Gesundheitswirtschaft nieder: In der Branche arbeiten in Deutschland derzeit 5,2 Millionen Menschen, mit steigender Tendenz. Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen bereits um rund eine Million zugenommen, ein Plus von über 27 Prozent. Auf der Tagung der Vereinten Nationen im September wurde die Bedeutung des Gesundheitswesens nochmal unterstrichen. Denn das starke Wachstum hat auch seine Nachteile: Es fehlen Gesundheitsfachkräfte, und zwar 40 Millionen bis 2030 weltweit, prognostizierten die Experten, davon geschätzt 18 Millionen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Die Welt braucht dringend Mediziner!

Wie wird die Entwicklung weiter fortschreiten? Ginge es nach dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan, sollen Krankheiten am Ende dieses Jahrhunderts weitestgehend ausgerottet sein. Der IT-Milliardär und die Kinderärztin wollen zu diesem Zweck über die nächsten zehn Jahre mit ihrer neu gegründeten Chan-Zuckerberg-Stiftung drei Milliarden US-Dollar für eine neue Medizin-Forschung spenden. In einem neuen Forschungszentrum namens „Biohub“ sollen Mediziner, Computer-Wissenschaftler, Biologen, Chemiker, Ingenieure und andere Experten gemeinsam an der Erforschung von Krankheiten arbeiten. Zuckerberg erklärte, Ende dieses Jahrhunderts werde die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen bei 100 Jahren liegen. Wir sind gespannt!