»Es geht um das Leben, nicht um das Sterben«

Heiner Melching war lange in der Betreuung Trauernder tätig. Er hat unter anderem verwaiste Eltern und Geschwister betreut und auf einer Palliativstation gearbeitet.
Illustration: Lara Paulussen
Illustration: Lara Paulussen
Interview: Andrea Hessler Redaktion

Seit 2012 arbeitet er für die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, deren Geschäftsführer er heute ist. Ein Gespräch über Zuwendung, Empathie und Humor.

Herr Melching, für betroffene Patienten wie auch für deren Angehörige ist es schwer, mit der Diagnose einer schweren Erkrankung umzugehen. Wie können Palliativmediziner unterstützen?

Am wichtigsten ist die Kommunikation, sowohl mit Patienten, im Team als auch mit Angehörigen, wobei für letztere rund 50 Prozent der Betreuungszeit aufgewendet werden. Es ist häufig immer noch erschütternd, wie mit Schwerkranken kommuniziert wird. Dabei wünschen sie sich in der Regel Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, von Anfang an. Auch deshalb ist es besonders wichtig, dass die Palliativmedizin möglichst früh zum Einsatz kommt. Es ist erwiesen, dass sie die Lebensqualität stark verbessert und in einigen Fällen sogar die Lebenszeit verlängert. Es gilt, den Blick zu weiten, den ganzen Menschen wahrzunehmen, auch seine Psyche und spirituellen Bedürfnisse zu berücksichtigen, zu spüren, zu schauen, Angst und Schmerzen zu erkennen. Wir müssen wieder das Bewusstsein kultivieren, dass der Mensch ein ganzheitliches Subjekt ist und kein Objekt verschiedener medizinischer Fachrichtungen.

Die permanente Konfrontation mit Leiden und Tod ist eine starke psychische Belastung. Wie gehen Beschäftigte in Hospizen und in der Palliativversorgung damit um?

Es gibt in diesen Bereichen eine extrem geringe Mitarbeiterfluktuation. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schätzen vor allem drei Dinge bei ihrer Arbeit. Das sind flache Hierarchien, Humor – auch beim Umgang mit den Kranken – und die Sinnhaftigkeit, die Chance, etwas zu gestalten. Dabei müssen wir uns von falschen Erwartungen verabschieden und Lebenskonzepte der Betroffenen akzeptieren – der Tod ist nicht immer schön und romantisch. Und wie in anderen Berufen auch muss man selbst für einen Ausgleich sorgen, zum Beispiel mit Musik oder Sport.

Wie ist die Palliativversorgung in Deutschland eigentlich organisiert?

Palliativstationen und Hospize haben verschiedene Schwerpunkte. In Hospizen werden todkranke Menschen über wenige Wochen oder Monate beim Sterben begleitet, während auf Palliativstationen, die Abteilungen eines Krankenhauses sind, nur etwa 50 Prozent der Patienten dort auch versterben. Palliativversorgung, die untrennbar mit der hospizlichen Begleitung verbunden ist, ist keine Sterbemedizin, sondern ein typisches Querschnittsfach, in dem multiprofessionelle Teams schwerstkranke Menschen unabhängig von ihrer Grunderkrankung versorgen. Gemeinsam versuchen die Mitarbeitenden in der Palliativmedizin, Leiden zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Die Palliativversorgung ist im Prinzip ein ureigenster Bereich der Pflege und der Medizin.

Wie kann man helfen, den letzten Lebensabschnitt und den Tod zu gestalten?

Neben einer guten Behandlung von belastenden Symptomen wie Schmerzen, Luftnot oder Angst geht es darum, den Betroffenen den Raum und die Erlaubnis zu geben, ihre Bedürfnisse und Wünsche mitzuteilen. Und zwar unabhängig davon, ob diese rational begründbar oder vernünftig erscheinen. Das können Dinge sein, die noch im Umfeld ausgesprochen oder geklärt werden müssen, aber auch vermeintliche Kleinigkeiten, wie das Rauchen einer Zigarre mittels einer Luftröhrenkanüle oder ein Whisky, den ich einmal einem Patienten, der nicht mehr schlucken konnte, als Eiswürfel in den Mund legen konnte. In der Beziehung, die sich mit Patienten und Angehörigen entwickelt, geht es dann häufig gar nicht um das Sterben, sondern um das – gelebte – Leben. Neben Traurigkeit spielt dabei oft auch Humor eine große Rolle, der vieles leichter macht.

Angebote zur Hospiz- und Palliativversorgung unter: www.wegweiser-hospiz-palliativmedizin.de

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