Der Medizin-Detektiv

Die Entdeckung einer neuen, seltenen Erkrankung gleicht einem Krimi.
Prof. Dr. Thorsten Marquardt  ist Experte für Stoffwechselerkrankungen am Universitätsklinikum Münster (UKM)
Prof. Dr. Thorsten Marquardt ist Experte für Stoffwechselerkrankungen am Universitätsklinikum Münster (UKM)
Interview: Mirko Heinemann Redaktion

Seit mehr als 30 Jahren forscht Prof. Thorsten Marquardt, Universitätsklinikum Münster, im Interesse von Kindern und Jugendlichen an der Diagnose und Therapie von seltenen Erkrankungen. Er erhält in diesem Jahr gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Julien Park vom Universitätsklinikum Münster und Prof. Dr. Karl Kunzelmann von der Universität Regensburg den Eva Luise Köhler-Forschungspreis für Seltene Erkrankungen.

Herr Professor Marquardt, wie darf man sich die Entdeckung einer seltenen Krankheit vorstellen?

Es ist eine Detektivarbeit. Ich kann Ihnen das an einem Beispiel erklären. Es ist schon mehr als fünf Jahre her, da kam zu uns in die Kinderklinik ein auffälliger Säugling, nur wenige Monate alt. Das Mädchen war sehr krank, konnte nicht schlucken, nicht hören, nicht sehen. Wenn sie wach war, schrie sie jämmerlich. Sie hatte heftige Krampfanfälle, viele Male am Tag. Sie hatte bereits viele Medikamente verabreicht bekommen, von denen keines half.  

War das für Sie ein Problem?

Ein großes Problem. Kriminalisten würden sagen: Der Tatort war kontaminiert. Ich empfehle den Kollegen in solchen Fällen immer, eine Urin- und eine Blutprobe einzufrieren, bevor Medikamente verabreicht werden. Das Kind musste in diesem Fall erst die Rückstände loswerden, die uns eine falsche Krankheit vorspiegelten. Dann führten wir die üblichen Untersuchungen durch: Stoffwechseluntersuchungen im Blut, Urin, Gehirnwasser. Bei diesem Kind war aber alles normal. Bis auf einen bestimmten Test, der eigentlich nur dann positiv wird, wenn man regelmäßig viel Alkohol trinkt. Diese Veränderung im Transferrin – ein Eiweiß – lag bei dem Kind vor, obwohl es definitiv keinen Kontakt zu Alkohol hatte. Das war unsere erste Spur.

Wie sind Sie weiter vorgegangen?

Wir haben das Transferrin mit Hilfe der Massenspektrometrie analysieren lassen, wir arbeiten dazu mit Kollegen in Japan und in den USA zusammen. Es hat sich ergeben, dass eine bestimmte Zuckerart, nämlich die Galaktose, gefehlt hat. Dann haben wir dem Kind über die Nahrung Galaktose verabreicht. Was danach passierte, war phänomenal. Dem Kind ging es besser, und innerhalb von vier Wochen hatten sich die Blutwerte fast normalisiert.

War damit die Krankheit identifiziert, der Fall also gelöst?

Mitnichten. Die Fahndung lief weiter. Denn wir kannten die Ursachen nicht und hatten keine Ahnung, wie es zu dem Galaktosemangel kam. Zu allem Unglück wurde das Kind in eine andere Klinik verlegt. Dort wurde aus Unwissenheit die Galaktosegabe abgesetzt, worauf das Kind wieder schwer erkrankte. Dann wurde es wieder zu uns zurückverlegt. So schlimm diese Zeit war: Zumindest hatten wir nun Klarheit darüber, dass die Erkrankung direkt mit der Galaktose zusammenhing und mit nichts anderem. Wir haben uns dann entschlossen, den genetischen Bauplan des Kindes zu analysieren – das sind Milliarden von Buchstaben. Wir haben jede einzelne Erbanlage ausgelesen und auf Fehler hin untersucht.

So eine DNA-Sequenzierung ist nur mit Hilfe modernster Software möglich. Wer hat Ihnen geholfen?

Eine Ausgründung der Universität Tübingen hat die Sequenzierung durchgeführt. Die Daten haben aber unsere Biologen und Chemiker am UKM ausgewertet. Und dabei stellte sich heraus: Alles war in Ordnung. Sogar im Galaktosestoffwechsel war alles normal.

Was für ein Rückschlag!

Jetzt kam mein Kollege und jetziger Mit-Preisträger Dr. Julien Park ins Spiel. Er war damals noch Student bei mir. Er hatte die Idee, nach Ko-Faktoren zu suchen. Also: Welche Stoffe brauchen die Galaktose-Stoffwechselprozesse noch, um korrekt zu arbeiten? Dabei fand er heraus, dass dem Kind das wichtige Spurenelement Mangan fehlte. Warum? Das Kind hatte eine Störung in einem Mangan-Transporter: Es war also nicht in der Lage Mangan im Körper aufzunehmen. Das führte zu Galaktosemangel, aber auch zu Störungen vieler anderer Prozesse im Körper. Das war schließlich die Krankheit, die wir entdeckten: die Mangan-Transporter-Krankheit.

Welche Therapie half dagegen?

Das Kind bekommt Mangan in einer 200-mal so hohen Dosis, die Menschen üblicherweise durch die Nahrung zu sich nehmen. Für andere Menschen wäre diese Menge giftig. Aber bei dem Kind wird dadurch ein normaler Manganhaushalt hergestellt. Und die Therapie wirkt. Alle Symptome besserten sich nachhaltig: Das Kind war blind. Es kann jetzt sehen. Es war taub. Es kann jetzt hören. Es hat keine Krampfanfälle mehr. Keine Frage: Es ist kein gesundes Kind. Die Zeit des Manganmangels hat es geschädigt. Aber es ist jetzt sieben Jahre alt, es lacht oft, isst alleine, entwickelt sich und hat keine Schmerzen. Inzwischen wurde die Krankheit bei einer Reihe von Patienten auf der ganzen Welt diagnostiziert. Sie werden jetzt alle erfolgreich mit Mangan behandelt.

Was für ein Erfolg! Wann haben Sie zum ersten Mal eine neue Krankheit entdeckt?

Bei mir ist das jetzt fast dreißig Jahre her, da war ich noch Assistenzarzt. Zusammen mit zwei Medizinstudenten gelang es, unsere erste, bis dahin noch unbekannte Erkrankung zu entdecken und gleich auch eine Therapie dafür zu entwickeln. Das war natürlich ein sehr besonderes Erlebnis. Ich habe gedacht, das passiert nie wieder im Leben.

Inzwischen haben Sie mehr als 20 Krankheiten entdeckt. Für eine Entdeckung erhalten Sie in diesem Jahr einen renommierten Forschungspreis. Jetzt scheint es sogar, als könnten Ihre Forschungen auch bei der Behandlung von Mukoviszidose helfen.

Genau, in unserem Fall hilft die Entdeckung einer ultraseltenen Krankheit einer anderen seltenen Krankheit. Es gab einen Patienten hier am UKM mit Mukoviszidose, den habe ich begleitet, seit ich hier arbeite. Er ist vor gut einem Jahr verstorben. Es war eines der letzten Dinge, die er vor seinem Tod mitbekommen hat: dass wir etwas gefunden haben, das möglicherweise irgendwann seine Krankheit bessern könnte. Er wollte sich als Allererster zur Verfügung stellen, damit wir es an ihm testen könnten. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen. Sie erleben nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern auch traurige Schicksale, wenn Sie seltene Erkrankungen behandeln.

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