Die Physis ist weiblich

März 2016 | Die Zeit | Frauengesundheit

Die Physis ist weiblich

Lange Zeit wurden die spezifischen körperlichen, biologischen und psychischen Merkmale von Frauen in der Medizin kaum berücksichtigt. Das ändert sich.

Illustration: Katja Budinger
Mirko Heinemann / Redaktion

41 Millionen Deutsche sind weiblich. Und noch nie haben so viele Frauen ein so hohes Alter erreicht wie heute. Die Lebenserwartung von Frauen in Deutschland liegt inzwischen bei 82,7 Jahren. Männer sterben beinahe fünf Jahre früher. Ein großer Teil der Ursachen liegt darin begründet, dass Frauen und Männer den eigenen Körper in verschiedener Weise wahrnehmen und unterschiedliche Vorstellungen von Gesundheit und gesunder Lebensweise haben. Etwa Sport: Männer betreiben eher Belastungssport, etwa Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball oder Basketball. Die Frauen hingegen widmen sich Einzelsportarten wie Schwimmen, Nordic Walking, Gymnastik, Aerobic, Yoga oder Laufen. Natürlich ist das nicht der einzige Unterschied zwischen Frauen und Männern. Dennoch hat die Schulmedizin außerhalb der Geschlechtsmerkmale lange kaum Unterschiede gesehen – oder sehen wollen. Die klassische Disziplin der Gynäkologie widmet sich der Behandlung von Erkrankungen des weiblichen Sexual- und Fortpflanzungstraktes. Aber was ist mit den körperlichen Merkmalen, die sich auf den ersten Blick nicht oder nur wenig von denen der Männer unterscheiden: Knochen, Blutgefäße, innere Organe? Auch hier gibt es Unterschiede. Zuvorderst: Frauen haben ein etwa zehn Prozent kleineres Herzvolumen, ihre Lungen fassen etwa einen halben bis einen Liter weniger Luft. Sie nehmen zehn bis 15 Prozent weniger Sauerstoff auf. Ihr Hormonhaushalt unterscheidet sich stark von dem der Männer, die etwa die zehnfache Menge von dem Hormon Testosteron im Körper haben. 

 

Bisher war das Gesundheitssystem und die medizinische Forschung auf ein medizinisch-biologisches Verständnis von Krankheit und Gesundheit festgelegt. Der Referenzkörper war lange Zeit vor allem männlich. Wissenschaft und medizinische Praxis wurden lange Zeit durch Männer geprägt: Nicht allein, dass die Forscher selbst lange Zeit fast ausschließlich Männer waren – im Rahmen von klinischen Studien wurden vorwiegend männliche Versuchspersonen getestet. Ergebnisse wurden einfach auf beide Geschlechter übertragen. Weibliche Muster wurden als Abweichungen von der Norm betrachtet.

 

Es gibt viele Krankheiten, an denen sowohl Frauen als Männer gleichermaßen leiden. Jedoch treten einige gesundheitliche Besonderheiten ausschließlich bei Männern und andere ausschließlich bei Frauen auf. Da wäre etwa die Rolle des weiblichen Zyklus, der in der historischen Betrachtung als Abweichung von der „stringenten“, männlichen Funktionsweise verstanden wurde. Inzwischen ist zwar bekannt, dass auch Männer einen Zyklus haben. Sinkt etwa der Testosteronspiegel, werden sie gereizt und launisch. Dieser männliche Zyklus ist jedoch vermutlich von äußeren Faktoren abhängig und äußert sich bei extremen Situationen wie Trennungen, schweren Krankheiten oder Trauerfällen. 

 

Der weibliche Zyklus ist durch seine zeitliche Regelmäßigkeit und die Menstruation offensichtlicher. Menstruationsbeschwerden galten lange als individuelle Unpässlichkeit, ihrer Erforschung wurde keine besondere Priorität beigemessen. Bis heute ist unklar, warum die Periode bei manchen Frauen schmerzhafter ist als bei anderen und warum manche Frauen fast gar keine Beschwerden haben. Der Zusammenhang von Schmerzen mit dem Botenstoff
Prostaglandin wird zwar vermutet, die Zusammenhänge jedoch sind unklar.

»Auch geschlechtsspezifische soziale Bedingungen spielen eine Rolle.«

Oder die Menopause. Die Wechseljahre, das Klimakterium, sind eine Zeit des Wandels im Leben einer Frau. Auch wenn sie sich keine Kinder mehr wünscht, ist der allmähliche Abschied von der Fruchtbarkeit in den Wechseljahren eine psychische Belastung. Das individuelle Empfinden der Wechseljahre ist ganz unterschiedlich. Dazu kommen körperliche Symptome. Ein neuer Lebensabschnitt, der neue Lebensziele und neue Aufgabenstellungen mit sich bringt. Inzwischen ist bekannt, dass auch Männer unter „Wechseljahren“ leiden. Ab 50 Jahren sinkt der Testosteronspiegel kontinuierlich, und die Männer werden von Antriebsschwäche, Müdigkeit und Depressionen gequält.

 

Bestimmte Erkrankungen treten bei Frauen zudem in anderen Häufungen auf als bei Männern. So werden laut dem „Psychoreport“ der Krankenkasse DAK Frauen beinahe doppelt so häufig mit Depressionen krankgeschrieben als Männer. Als Ursache wird die zunehmende Mehrfachbelastung gesehen, zu dem traditionellen Rollenbild in der Familie kommt noch der Anspruch, beruflich erfolgreich zu sein. Dies kann auch zu psychischen Erkrankungen führen; diesem Thema widmete sich im vergangenen Jahr die Bundeskonferenz Frauengesundheit. 

 

Die Frauengesundheitsforschung zeigt außerdem, dass auch Erkrankungen, die sowohl Frauen als auch Männer betreffen – zum Beispiel ein Herzinfarkt – bei Frauen andere Symptome zeigen und einen anderen Verlauf nehmen. Häufige Krankheiten wie Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Diabetes, Rheuma zeigen bei Frauen und Männern unterschiedliche Verläufe und Ausprägungen. An der Berliner Charité arbeiten Forscher an der Erforschung von Geschlechterunterschieden bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Frauen haben etwa bei Herzinsuffizienz eine bessere Prognose als Männer. Auch auf europäischer Ebene arbeitet eine Gruppe an einer „Roadmap“, um das Thema „Gender Medizin“ in der Biomedizin und Gesundheitsforschung zu etablieren und die medizinische Praxis für geschlechtsspezifische Unterschiede zu sensibilisieren. 

 

Die Frauengesundheitsforschung zeigt, dass auch geschlechtsspezifische soziale Bedingungen, etwa unterschiedliche Lebenssituationen oder Lebensverläufe, eine Rolle spielen. Gesundheit hat eine starke Wurzel im Alltag, der durch familiäre, berufliche, gesellschaftliche und persönliche Bedingungen bestimmt ist. Laut Gender-Medizinern müssen daher in der gesundheitlichen Versorgung und in der Gesundheitsvorsorge auch die unterschiedlichen Lebenslagen von Frauen – wie Mutterschaft und Berufstätigkeit, Jugend und Alter, Armut und Reichtum – berücksichtigt werden.