Bildung post-digital

Dezember 2020 | Die Zeit | Die Arbeitswelt der Zukunft

Bildung post-digital

Neue Lernformen werden geprägt sein von digitalen Tools. Aber um sie wirklich effektiv zu nutzen, brauchen wir einen Kulturwandel im Analogen.

Illustrationen: Luisa Jung by Marsha Heyer
Klaus Lüber / Redaktion

Auf der einen Seite massenhaft wegbrechende Jobs, auf der anderen zuhauf entstehende neue Tätigkeitsfelder: Niemand weiß genau, wie die Digitalisierung unsere Arbeitswelt im Detail verändert. Je nach Studie werden quasi-apokalyptische Szenarien der endgültigen Verdrängung des Menschen durch die Maschine gemalt. Oder sich utopische Welten einer von Sinnhaftigkeit erfüllten Existenz erträumt, in der uns digitale Gerätschaften die langweiligen Jobs vom Halse halten, während wir im Grunde nur noch dem nachgehen, was uns Spaß macht.

 

Ob wird den einen oder anderen Pfad einschlagen, also uns von der Technik überrollen lassen oder sie zu unserem Vorteil nutzen können, dafür gibt es einen Schlüssel. Bezeichnet durch einen zentralen Begriff, um den sich Debatten um die Zukunft der Arbeit letztlich immer kreisen: den der Kompetenz. Zwar könnten, wie in einer Studie des Weltwirtschaftsforums von 2018 nachzulesen, weltweit bis zu 75 Millionen Arbeitsplätze wegfallen beziehungsweise durch Maschinen ersetzt werden, gleichzeitig aber 133 Millionen neu entstehen – für die dann allerdings neue Fachkenntnisse und Kompetenzen notwendig seien.

 

Die Frage ist nur: Was genau sind das eigentlich für Kompetenzen, die wir in Zukunft so dringend benötigen? Kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation und Kollaboration werden oft genannt, basierend auf einer Analyse der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation Partnership for 21st Century Learning (P21). Diese sogenannten 21st Century Skills sollen, so die Idee, ein Gegengewicht bilden zu all denjenigen Fähigkeiten, die bislang vor allem im Fokus unseres Bildungssystems standen, in Zukunft aber sehr wahrscheinlich eine Domäne von Maschinen sein werden: die Anwendung von Fachwissen oder die Analyse von Daten.

 

Wenn man aber zur „Beherrschung“ der digitalen Transformation vor allem Kompetenzen ausbilden sollte, die im Kern eher das betonen, was uns von digitalen Tools unterscheidet, hat das interessante Implikationen für diejenigen Orte, an denen diese vor allem ausgebildet werden sollen: die Schulen. Dann dürfte es dort nämlich eigentlich gar nicht nur darum gehen, besonders gut mit digitaler Technik „umgehen“ zu können. Sondern eher darum, die Bedingungen herzustellen, unter denen diese überhaupt erst sinnvoll genutzt werden können. Vereinfacht gesagt: Wenn digitale Tools mehr Kollaboration und Teilhabe möglich machen, muss man zunächst einmal die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kollaboration und Teilhabe überhaupt möglich sind.

 

Wem das immer noch zu abstrakt ist, hier ein Beispiel: Auf der Jahreskonferenz des Forums Bildung Digitalisierung, einer von acht großen Bildungsstiftungen getragenen Organisation und wahrscheinlich einer der wichtigsten Veranstaltungen zum Thema digitales Lernen, ist schon seit Jahren die Ernst-Reuter-Gesamtschule aus Karlsruhe zu Gast. 2017 wurde die Schule vom Digitalverband Bitkom als erste sogenannte Smart School in Baden-Württemberg ausgezeichnet. „Digitale Medien werden über Fächergrenzen hinweg sinnvoll in den Unterricht eingebunden, ActiveBoards und iPads werden so selbstverständlich genutzt wie Tafel und Kreide. Vor dem GreenScreen im Makerspace lernen Schüler eigenverantwortlich das Drehen und Schneiden von Filmen sowie kreatives Denken mit innovativen Methoden wie Design Thinking“, so hieß es damals in der Pressemeldung des Verbandes.

 

Inzwischen, erzählt Schulleiter Micha Pallesche, werden digitale Tools so selbstverständlich und effizient genutzt, dass man im Grunde schon in einem post-digitalen Zeitalter angekommen sei. „Digitalisierung ermöglicht es uns, die Schule nach außen zu öffnen, neue Lernorte zu erschließen, sich für das Quartier zu öffnen.“ Was das konkret bedeutet, erzählte Pallesche auf der diesjährigen „Konferenz Bildung Digitalisierung“, die Ende November coronabedingt als virtuelle Tagung stattfand. Auf Initiative der Schüler:innen entstand das „Ideenbüro“, eine Art Bürgerbüro, das auch für externe Besucher:innen offen ist. Angesiedelt in einem Gartenhaus auf dem Schulgelände wird es beispielsweise von älteren Damen und Herren aus der Umgebung genutzt, die Hilfe bei der Bedienung digitaler Geräte benötigen. Inzwischen organisiert das Ideenbüro Besuche von Schüler:innen in Altenheimen.

 

Immer wieder betont Pallesche die Notwendigkeit eines grundlegenden Kulturwandels in Schulen, ohne den die Nutzung der neuen digitalen Möglichkeiten ihre positive Wirkung nur schlecht entfalten könne, ja, im Extremfall zur berühmt-berüchtigten „Wischkompetenz“ verkomme. Gemeint ist das Anwendungswissen, mit dem junge Menschen ihre Smartphones und Tablets zwar versiert bedienen, aber nicht wirklich kreativ nutzen können.

 

Pallesche ist nicht der Einzige, der dieses neue „Mindset“, wie es inzwischen als Forderung immer häufiger in den Diskussionen um digitale Bildung auftaucht, vor allem in einem Perspektivwechsel bezüglich der Rollen von Lehrkräften und Lernenden verortet. Ein Perspektivwechsel von Lehrer:innen zu Lernbegleiter:innen, Schüler:innen zu Lernpartner:innen. Und auch hierzu hat die Ernst-Reuter-Schule ein schönes, „post-digitales“ Format entwickelt. In der Schul-Gesamtkonferenz wurde testweise eine neue Sitzordnung entwickelt: zwei Kreise, innen die Expert:innen, außen das Publikum. Nur, wie vielleicht zu erwarten, nicht die Lehrer:innen in der Mitte, sondern die Schüler:innen – als Expert:innen und gleichsam „Betroffene“ des Lernens.

 

Ein neues Mindset als Voraussetzung für gutes Lernen in einer digitalisierten Welt – diesen Punkt machen inzwischen viele Bildungsexpert:innen auch beim Thema Chancengleichheit. Man kann, wie Staatsministerin Dorothee Bär – auch virtuell zugeschaltet zur „Konferenz Bildung Digitalisierung“ – auf die inkludierende Kraft kollaborativer digitaler Tools setzen. Oder, wie die ebenfalls präsente Saraya Gomis, ehemalige Antidiskriminierungsbeauftragte der Berliner Schulen, betonen: „Digitalisierung kann die grundsätzlichen Probleme von Bildungsgerechtigkeit nicht lösen.“