Zukunft der Arbeit

November 2019 | Die Welt | Arbeitswelt der Zukunft

Zukunft der Arbeit

Kaum ein Begriff ist in der modernen Arbeitswelt gerade so präsent wie New Work. Was auch daran liegen mag, dass er für jeden etwas anderes bedeutet.

Illustration: Julia Schwarz
Mirko Heinemann / Redaktion

Waren Sie schon mal in New Work? Diesen kleinen Scherz erlauben sich Vortragsredner schon mal, wenn sie über den Wandel der Arbeitswelt referieren. Der Hintergrund ist aber ernst: Nach New Work will nämlich irgendwie jeder, ob Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, aber niemand weiß genau, wo das eigentlich liegt. In beinahe jedem aktuellen Aufsatz zum Wandel der Arbeitswelt ist der Begriff zu lesen, aber was er im Einzelnen bedeutet, dazu pflegt jeder seine eigene – und oftmals zu anderen völlig konträre – Meinung.


Bei Licht besehen ist das nicht verwunderlich. Denn Unternehmen sind wie Zivilisationsinseln im Netzwerk der Gesamtwirtschaft. Jedes pflegt seine eigene, gewachsene Kultur. Und jedes Unternehmen möchte sich und seine Strukturen zwar modernisieren – aber bitteschön innerhalb des Wertegerüsts, das dieses Unternehmen auf die Erfolgsschiene gebracht hat und von dem es – zu Recht – nicht grundsätzlich abrücken möchte. So fordert der eine mit dem Slogan „New Work” einen Obstteller auf dem Konferenztisch, der andere den Abbau fester Arbeitszeiten, ein Dritter flache Hierarchien und agiles Arbeiten. Wieder andere möchten mit diesem Slogan eher Teamstrukturen stärken oder mehr Vielfalt in die Vorstandsetagen bringen.


Im Kern geht es um die Etablierung einer neuen Arbeitskultur. Als der Philosoph Frithjof Bergmann den Begriff in den 1970er-Jahren prägte, arbeitete er beim US-Autobauer General Motors. Dort sorgten Rationalisierungsmaßnahmen für eine steigende Arbeitseffizienz, sodass Massenentlassungen unausweichbar schienen. Bergmann schlug den Managern damals vor, statt die Leute zu entlassen, die Arbeitszeiten zu verkürzen und den Angestellten die Möglichkeit zu geben, sich weiter zu qualifizieren, um so ihre wahre Berufung zu finden. Das verstand er unter New Work.


Was damals ziemlich verwegen klang, ist heute ein weit verbreiteter Anspruch. Sinnvolle Arbeit soll keine Betätigung mehr sein, um den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern Spaß machen und erfüllend sein. Ist das in der „neuen Arbeitswelt“ eher möglich als früher? Die Herausforderungen an Arbeitnehmer wie auch an Unternehmen sind jedenfalls gewachsen. Zum einen ist Nachwuchs zunehmend schwieriger zu rekrutieren. Dazu kommt die Digitalisierung und die Transformation der Industrie. Sie sorgt dafür, dass sich die Anforderungen an künftige Industriearbeiter wandeln. Neue Technologien, die Digitalisierung, die Automatisierung und die allumfassende Vernetzung führen dazu, dass bestimmte Berufe überflüssig werden. Andere werden im Gegenzug stärker nachgefragt.


So sehen viele Personalmanager in New Work heute einen Lösungsweg zur Bewältigung des Fachkräftemangels. Denn früher war alles einfach: Wer einen Job zu vergeben hat, schaltet eine Stellenanzeige in der lokalen oder überregionalen Tageszeitung. Unter den ersten zehn Bewerbungsschreiben fanden sich drei bis vier fähige Bewerber, die man sofort zum Vorstellungsgespräch einlud. Die anderen Bewerbungen schickte man mit einer kurzen Mitteilung des Bedauerns zurück – oder meldete sich einfach gar nicht mehr.


Diese Zeiten sind vorbei. Es reicht nicht mehr aus, Stellenanzeigen zu schalten. Unternehmen müssen proaktiv, wie es heute heißt, nach Bewerbern suchen. Das hat aber nicht allein mit der veränderten demografischen Situation zu tun, wie oft kolportiert wird. Sondern durchaus auch mit den gestiegenen Anforderungen, die Unternehmen an künftige Mitarbeiter stellen, mit der hohen Verantwortung, der Position und den diversifizierten Arbeitsprofilen in den Unternehmen, die es den Personalern immer schwieriger machen, den passenden Bewerber für die Position zu finden.


Wie kann New Work helfen? Indem der Arbeitsplatz nicht nur attraktiver wird für die stets sinkende Zahl an Bewerbern, sondern indem er sich für eine erweiterte Zielgruppe öffnet: Die durch die Stellenausschreibung angesprochene Gruppe darf sich nicht mehr auf Hintertupfingen beschränken, sie muss Experten europaweit ansprechen, ja vielleicht sogar weltweit. Auch der Investmentexperte aus London oder die Prozessingenieurin aus China müssen von der Ausschreibung angesprochen werden. New Work wird so auch zu einer zwangsläufigen Entwicklung: der evolutionären Anpassung des Unternehmens an seine Mitarbeiter. In der von Technologie geprägten Wirtschaft bilden sich hierbei Organisationsformen aus, in denen Mensch und Maschine immer enger zusammenarbeiten. Diese Kollaboration prägt natürlich außerdem die Arbeitsweisen. Künstliche Intelligenz wird zum neuen Kollegen. New Work fordert daher nicht nur die Veränderung von Unternehmen, sondern auch die Veränderung der dort arbeitenden Menschen.


Und fordert Veränderung derjenigen, die in Unternehmen arbeiten wollen: AbsolventInnen, wechselwillige ExpertInnen, Führungskräfte und solche, die es werden wollen. Sie müssen angesichts einer wachsenden Differenzierung von Unternehmens- und Arbeitsmodellen schauen: Welches Unternehmen, welche Arbeitsweise, passt am besten zu mir? Bin ich ein selbstständig arbeitender Teleworker, der gern alleine mit seinem Computer in seiner Zelle sitzt und als einzelgängerischer Tüftler die besten Ergebnisse abliefert? Oder bin ich ein kommunikativer Teamplayer, der es mag, sich mit seinen KollegInnen auf morgendlichen Meetings Ideen gegenseitig zuzuspielen und sie wie ein Spin Doctor immer weiter zu entwickeln?


New Work bedeutet insofern vor allem eines: zwischen immer mehr verschiedenen Möglichkeiten wählen zu können. Die wachsende Diversifizierung von Unternehmenskulturen bietet ArbeitnehmerInnen immer mehr Möglichkeiten, ihre spezifischen Talente auszuprägen – mit dem Wissen, am Ende das tun zu können, was einem am meisten liegt. Für die Unternehmen wird es in Zukunft darauf ankommen, in einer zunehmend diversifizierten Arbeitswelt diejenigen Talente zu finden, die das eigene Unternehmen perfekt ergänzen.