Virtuelle Weiterbildung

Im Zeitalter des lebenslangen Lernens stehen Bildungsangebote und Personalentwicklung ganz oben auf der Agenda. E-Learning bietet vor allem in einer Hinsicht neues Potenzial.
Illustration: Anna Ruza
Illustration: Anna Ruza
Julia Thiem Redaktion


Ist unser Bildungswesen krisenfest? Nicht wirklich, lautet das Urteil, das der Aktionsrat Bildung Ende April in seinem Jahresgutachten veröffentlicht. Das dürfe in einer unsicheren Welt nicht so bleiben, weshalb die Wissenschaftler dafür plädieren, sowohl die Bildungsinstitutionen als auch die Lehrenden und Lernenden besser auf Krisen vorzubereiten. Konkret fordert der Aktionsrat beispielsweise detaillierte Notfallpläne für Bildungseinrichtungen oder eine bessere IT-Infrastruktur.

Wie wichtig ein solch kontinuierlicher Zugang zu Bildung ist, unterstreichen auch die Vereinten Nationen mit ihren Sustainable Development Goals, unter denen Bildung eines von insgesamt 17 definierten Zielen ist. Die Corona-Krise habe „20 Jahre Bildungserrungenschaften vernichtet“, heißt es dort. 101 Millionen oder neun Prozent der Kinder in den Klassen 1 bis 8 seien in 2020 zusätzlich unterhalb der Mindestanforderungen im Lesen gerutscht.

Es gibt jedoch auch einen Lichtblick in dieser ganzen Bildungskrise und das ist das E-Learning. Überall dort, wo der direkte Zugang zu (Weiter-)Bildung nicht (mehr) möglich ist, kommen digitale Kurs- und Lernangebote ins Spiel. Und auch hier hat Corona für einen zusätzlichen Schub an neuen Anbietern und Lösungen gesorgt.

Während in Schulen und Universitäten das Präsenzlernen aus der Not heraus in den vergangenen zwei Jahren in die digitale Welt verlagert wurde, nutzen gerade Unternehmen E-Learning ganz gezielt als Mittel für die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeitenden. Denn Online-Kurse haben viele Vorteile. Zum einen kann jeder Kollege und jede Kollegin individuell für sich entscheiden, in welchem Tempo eine Weiterbildung absolviert wird. So können Lerninhalte an die aktuelle Arbeitsbelastung angepasst und auch die „Aufmerksamkeitsfalle“ umgangen werden. Denn die Aufnahmefähigkeit sinkt proportional, je länger wir Menschen uns konzentrieren. Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern wird mit maximal 15 Minuten angegeben – ist aber auch bei Erwachsenen nicht viel höher. Nach etwa 20 Minuten ist Schluss, je nachdem, wie leicht eine Person in die Ablenkung geht. Bei den meisten ist das jedoch wesentlich früher der Fall. Wer also ein paar Stunden am Stück physisch in einer Fortbildung sitzt, nimmt nie den ganzen Inhalt auf. Ein entscheidender Punkt für das E-Learning: Hier kann das Wissen so „portioniert“ werden, dass es unser Gehirn viel leichter verarbeiten kann – und dadurch am Ende vielleicht auch noch etwas hängen bleibt.


Weiterbildungen sind elementar

 

Dass wir uns im Berufsleben hingegen permanent weiterbilden, ist elementar. Denn unsere Welt verändert sich ständig, sodass wir immer wieder neue Fähigkeiten brauchen, um in der Arbeitswelt erfolgreich zu bleiben. Die OECD schätzt, dass digitale Technologien in Zukunft mehr als eine Milliarde Arbeitsplätze verändern werden. Das ist fast ein Drittel aller Arbeitsplätze weltweit. Laut dem World Economic Forum muss sich bis 2030 mehr als eine Milliarde Menschen umqualifizieren. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass rund 42 Prozent der Kompetenzen für bestehende Arbeitsplätze bereits im kommenden Jahr ganz andere sein werden.

Das erkennen auch immer mehr Unternehmen und investieren gezielt in Weiterbildung und Personalentwicklung. Laut einer Studie des Retail Instituts EHI wollen im Einzelhandel beispielsweise 64 Prozent der HR-Verantwortlichen ihr Weiterbildungsbudget ausbauen. 79 Prozent sagen, dass Personalentwicklung in Zukunft an Relevanz gewinnen wird. Dabei soll vor allem Software helfen – oder eine Kombination aus Präsenz- und E-Learning, dem sogenannten Blended Learning. Die Vorteile für die Befragten: Lerninhalte sind orts- und zeitflexibel abrufbar und der Stoff kann in kleinere Einheiten verpackt werden.


E-Learning und die Qualität

 

Doch auch wenn die Vorteile von E- oder Blended-Learning-Angeboten auf der Hand liegen: Die Qualität muss stimmen. Der US-Wissenschaftler Will Thalheimer, PhD, geht in seiner Metastudie genau dieser Frage nach: „Does eLearing work?“, und kommt zu der Erkenntnis: Es kommt darauf an! In den zahlreichen Studien, die er ausgewertet hat, schneidet E-Learning manchmal besser ab, manchmal aber auch genauso gut oder sogar schlechter als der Präsenzunterricht. Daraus schließt er, dass es weniger auf die Lernmodalitäten, also Präsenz oder online, ankommt, sondern vielmehr auf die Lernmethoden. Als wichtige Faktoren nennt er realistische Praktiken, gut verteilte Wiederholungen, den Bezug zur echten Welt und Feedback. Deshalb schneidet in dieser Metaanalyse das Blended Learning auch besonders gut ab, vermutet Thalheimer, weil der Online-Anteil bei den hybriden Modellen auf besonders effektiven Lernmethoden basiert.

Damit auch Nicht-Forscher die Qualität eines digitalen Bildungsangebots beurteilen können, gibt es zudem in Deutschland verschiedene Qualitätssiegel – beispielsweise die Comenius-EduMedia-Auszeichnung der Gesellschaft für Pädagogik, Information und Medien e.V., das DELZert von der Zertifizierungsgesellschaft DELZert Gbr. oder aber man informiert sich vorab beim Bundesverband für Online-Bildung.

In jedem Fall haben gut gemachte E-Learning-Angebote große Kostenvorteile gegenüber der Präsenzschulung. Zum einen ist die Reichweite wesentlich größer, zum anderen muss nicht ein Großteil der Belegschaft aus dem Tagesgeschäft abgezogen werden und im Idealfall wird das Wissen auch noch nachhaltig vermittelt, wenn die von Thalheimer analysierten Kriterien passen. Interessierte werden sich in den kommenden Jahren also vermutlich zwischen noch mehr Anbietern mit noch mehr Kursangeboten entscheiden können – was grundsätzlich eine gute Entwicklung ist, wie die Vereinten Nationen unterstreichen. Denn durch die Verlagerung in die digitale Welt verringern sich auch die Zugangshürden zu (guter) Bildung.

 

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