Video-Interviews sind Unwohl-Faktor für Bewerber

Candidate Experience Studie zeigt: Bewerber sehen Video-Interviews überraschend negativ. Recruiting-Experte Christoph Athanas weiß, woran es liegt und was man dagegen tun kann.
Christoph Athanas – Learnings vom Recruiting-Experten
Christoph Athanas – Learnings vom Recruiting-Experten
Stellenanzeigen.de Beitrag


Das Interview ist im Bewerbungsprozess mit Abstand der wichtigste Touchpoint bei der Entscheidung, ob ein Bewerber einen Job annimmt. Deshalb ist es besonders wichtig, dass sich Bewerber in dieser Schlüsselsituation wohlfühlen.  
  
Herr Athanas, Video-Interviews sind in vielen Unternehmen normal geworden. Wie sehen das die Bewerber?
Viele unserer über 800 Studienteilnehmer sehen Video-Bewerbungsgespräche überraschend kritisch. Über 55 Prozent empfinden Video-Interviews schlechter als klassische Vorstellungsgespräche, nur knapp 35 Prozent finden sie in etwa gleich gut oder besser.
 

Warum sehen mehr als die Hälfte der Bewerber Video-Interviews so kritisch?
Hinter den Zahlen stecken konkrete Sorgen der Bewerber. Erstens ist da die Befürchtung, beim Video-Interview keinen ausreichenden Eindruck vom zukünftigen Arbeitgeber zu bekommen. Die zweite große Sorge dreht sich um das Thema, sich nicht passend präsentieren zu können oder durch technische Probleme weniger kompetent zu wirken. Wenn mir das als Personaler bewusst ist, kann ich meine Bewerber gleich viel besser abholen.
 

Wie kann dieses “Bewerber abholen” konkret aussehen?
Wenn Personaler Abläufe schaffen, die die Befürchtungen der Bewerber ernst nehmen und auffangen, kommt das sehr gut an. Ein Beispiel wäre ein vorab vereinbarter Zeit-Slot vor dem eigentlichen Video-Interview, um den Bewerber zu begrüßen und einen kleinen Technik-Check zu machen. Das ist dann eine Art virtuelles Treppenhausgespräch, das Bewerber einfach gut in die Interview-Situation führt.  

 

Was kann HR Ihrer Ansicht nach noch aus der Studie lernen?
Aus der Sorge der Bewerber, in Video-Interviews keinen ausreichenden Eindruck vom Arbeitsort oder von zukünftigen Vorgesetzten oder Kollegen zu bekommen, lässt sich eine klare Empfehlung ableiten: Wenn ein persönliches Treffen irgendwie möglich ist, sollte man sich treffen. Falls das nicht umsetzbar ist, wäre zum Beispiel ein virtueller Rundgang durchs Büro eine Option. Und warum aussichtsreiche Kandidaten nicht bei einem virtuellen Meeting zuschalten, damit sie einen Eindruck vom Team bekommen?
 

Ist die Affinität zu Video-Interviews nicht auch eine Frage des Alters?
Ja, natürlich. Knapp die Hälfte der U-30-Bewerber finden Video-Interviews in etwa gleich gut oder besser als klassische Interviews.  Allerdings sollte man meiner Meinung nach im Hinterkopf behalten: Auch wenn mein Bewerber ein 26-jähriger Programmierer ist und Video-Interviews prinzipiell toll findet, kann es für seine Zusage ausschlaggebend sein, ob sich Zeit für einen virtuellen Büro-Rundgang oder ein persönliches Treffen genommen wurde. Denn solche Schritte erzeugen emotionale Verbundenheit und vermitteln Transparenz und Wertschätzung. Und das sind alles relevante Faktoren bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber.


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