MINT-Fachkräfte gesucht

November 2019 | Die Welt | Arbeitswelt der Zukunft

MINT-Fachkräfte gesucht

In Deutschland fehlen Fachkräfte und Ingenieure. Die bestehenden Initiativen reichen nicht aus, um den aktuellen Bedarf zu decken.

Illustration: Julia Schwarz
Axel Novak / Redaktion

Wenn man den Unternehmen und Verbänden glauben darf, besteht der Fachkräftemangel weiterhin: Ende April 2019 fehlten in den Feldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – den so genannten MINT-Fächern –  311.300 Fachkräfte. Das hat das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Frühjahrsreport von Mai 2019 festgestellt.


Aber hat sich nicht viel getan in den vergangenen Jahren, um den Rückstand in der technischen Bildung aufzuholen? So ist der Anteil der Studierenden in MINT-Studienfächern innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 56,9 Prozent gestiegen: Zwei von fünf Studierenden heute sind im mathematisch technischen Bereich tätig. Insgesamt 1.032.000 Studierende waren im vergangenen Wintersemester entsprechend eingeschrieben, rund 176.000 Studierende schlossen 2017 erfolgreich ihr Studium ab – so viele wie noch nie zuvor.


Allerdings werden die Höchstwerte der Vergangenheit nicht mehr erreicht. Die Zahl der MINT-Studienanfänger ist im Studienjahr 2018/19 um ein halbes Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Das liegt daran, dass die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften inzwischen sinkt – und außerdem jeder Dritte sein Ingenieurstudium nicht beendet.


Auch in der Ausbildung hat sich einiges getan. Das ist wichtig, weil die Praktiker das Rückgrat von Deutschlands technischer Leistungsfähigkeit sind. Doch bei Elektronikern, Laboranten, Produktionsfachkräften oder Verfahrenstechnikern droht ein noch stärkerer Fachkräftemangel als bislang, so die Bundesagentur für Arbeit.


„Für die Wirtschaft ist das ein Alarmsignal“, sagt  Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Denn die Betriebe in Deutschland brauchen MINT- Fachkräfte und sind in der Lage, sie auch selbst praxisnah auszubilden.“


Ein wichtiger Faktor dabei ist die Berufsorientierung in den letzten Schuljahren, betont Dercks. „Gerade Schülerinnen und Schüler an Gymnasien wissen zu wenig über die vielfältigen Möglichkeiten des dualen Ausbildungssystems.“ Daher sind die Industrie- und Handelskammern mit vielen Initiativen vor Ort aktiv, um junge Menschen für MINT-Berufe zu begeistern. Netzwerke mit Schulen und Unternehmen, spezielle MINT-Foren oder frühschulische Initiativen wie das „Haus der kleinen Forscher“, sind Teil dieser Aktivitäten.
Zum Teil mit Erfolg: Die Zahl der in einem MINT-Beruf neu abgeschlossenen dualen Ausbildungsverträge hat im Vergleich zum Vorjahr weiter deutlich zugenommen. Mehr als eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Auszubildende in MINT-Berufen gab es 2018 – 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr. 2018 haben rund 183.000 Personen eine duale MINT-Berufsausbildung begonnen.


Und dennoch reicht das kaum, um den theoretischen künftigen Bedarf zu decken. „Wir haben Förderung im Kindergarten, dann haben wir jahrelang nichts. Dann kommt mal wieder in der Schule was und dann ganz zum Schluss in der Universität“, sagte Prof. Ortwin Renn von der Universität Stuttgart kürzlich in einem Interview. Renn war bis 2018 Projektleiter des MINT-Nachwuchsbarometers, das die Körber-Stiftung mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech herausgibt. Das Barometer versteht sich als bundesweiter Trendreport und analysiert Daten und Fakten zum MINT-Nachwuchs. Es fordert vor allem eine ganzheitliche MINT-Bildung entlang der gesamten Bildungskette. Fazit: Wer Nachwuchs fördern will, muss das kontinuierlich tun.


Diese fehlende Kontinuität ist auch in einem anderen Bereich zu spüren: In der Zuwanderung. Derzeit schließen Fachkräfte aus dem Ausland viele Lücken bei hiesigen Arbeitgebern. Aktuell sind rund 1,9 Millionen zugewanderte MINT-Kräfte in Deutschland erwerbstätig. Auch hat jeder achte MINT-Studierende die Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben und ist zum Studium nach Deutschland gekommen. Doch wenn Unternehmen Geflüchtete oder anerkannte Asylbewerber integrieren möchten, müssen sie viele Auflagen beachten und fühlen sich von den Behörden oft im Stich gelassen.


Und natürlich gibt es einen Teil der Gesellschaft, der von technischen Berufen dauerhaft ausgeschlossen scheint: Frauen. Bei der MINT-Ausbildung beträgt der Frauenanteil 11,4 Prozent. Im Studium sind 16,3 der Studierenden in der Elektrotechnik und Informationstechnik weiblich, in der Informatik jede Vierte und im Maschinenbau jede Fünfte, so die Bundesregierung. Dabei gibt es teils seit vielen Jahren eine ganze Reihe von Ansätzen, um dies zu ändern. Das Projekt „Frauen gestalten die Informationsgesellschaft“ der Universität Paderborn zum Beispiel soll Muster aufbrechen und Schülerinnen für MINT begeistern. Die Hochschule Hannover hat den Studiengang „Mediendesign-Informatik“ eingeführt. Dadurch ist es gelungen, das Studienfach Informatik vom Nerd-Charakter zu befreien: Der Frauenanteil ist von fünf auf 40 Prozent angestiegen.


Eine andere Möglichkeit, den Anteil von Frauen in MINT-Berufen zu erhöhen, sind reine Frauenstudiengänge. Als erste deutsche Hochschule richtete 1997 die Jade Hochschule Wilhelmshaven das Bachelorstudium „Wirtschaftsingenieurwesen für Frauen“ ein. Heute gibt es dieses Studienfach in Stralsund, Informatik in Bremen, die Elektrotechnik/Informationstechnik in Jena und Wirtschaftsnetze/eBusiness in Furtwangen. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ist mit ihrem Studiengang „Informatik und Wirtschaft für Frauen“ sogar mit dem Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung 2017 ausgezeichnet worden, weil so viele Frauen das Studium mit Erfolg abgeschlossen.


Sogar im Maschinenbau ändert sich etwas: Zum Wintersemester 2018/19 ist an der Hochschule Ruhr West der Frauenstudiengang Maschinenbau gestartet. „Frauen interessieren sich durchaus für Ingenieurwissenschaften“, sagt Hochschul-Präsidentin Prof. Dr.-Ing. Gudrun Stockmanns. „Wir bieten den Studentinnen an, die ersten vier Semester ‚unter sich‘ zu studieren!“


Ob allerdings all die, die heute studieren und eine Ausbildung absolvieren in den kommenden Jahren tatsächlich einen Arbeitsplatz im MINT-Bereich finden, ist unklar. Gut möglich, dass der Fachkräftemangel schon bald Vergangenheit ist – weil sich die Konjunktur abgekühlt hat.