Kollege Roboter

In den kommenden acht bis zehn Jahren werden dem deutschen Arbeitsmarkt rund fünf Millionen Fachkräfte fehlen. Kann die Robotik helfen, die Lage zu entschärfen?

Illustration: Christian Sommer
Illustration: Christian Sommer
Thomas Feldhaus Redaktion

Jedermann hat eine Vorstellung von einem Roboter. Was vor einigen Jahrzehnten noch Science-Fiction war, ist heute in den meisten Produktionsbetrieben längst Realität. Große Roboter mit riesigen Greifarmen machen im Gleichklang der Hydraulik ihren Job. Man sollte ihnen nicht zu nahe kommen, deshalb verrichten sie ihr Werk überwiegend hinter Schutzeinrichtungen. Sie können große Werkstücke bearbeiten, schweißen oder montieren, präzise, ausdauernd und schnell. Industrieroboter haben nicht nur in der Automobilindustrie ein neues Level der Produktivität ermöglicht.

Diese Art der Industrieroboter hat inzwischen Nachwuchs bekommen, kleinere kollaborative und kooperative Roboter, meist Cobots genannt, die unmittelbar mit dem Menschen zusammenarbeiten. Die erste Begegnung mit einem Cobot ist durchaus ein ungewöhnliches Erlebnis. Er bewegt sich nahezu geräuschlos, arbeitet bis auf den Zehntelmillimeter präzise und ist mit einer beeindruckenden Sensitivität ausgestattet. Roboter verändern die Arbeitswelt und häufig sieht man in ihnen die Lösung zur Beseitigung des Fachkräftemangels. Doch können sie das wirklich leisten?

In den kommenden acht bis zehn Jahren werden dem deutschen Arbeitsmarkt rund fünf Millionen Fachkräfte fehlen. Der Grund ist die Generation der Boomer, die in den nächsten Jahren in Rente geht. Diese Zahlen vom Deutschen Institut für Wirtschaft sind nur ein Beleg für den drohenden Fachkräftemangel. Politik und Verbände drängen deshalb auf qualifizierte Zuwanderung, um die Lücken zu schließen. Andere Ansätze verfolgt der Deutsche Robotik Verband, der nicht ganz uneigennützig zunehmend leistungsfähigere Roboter als Lösung präsentiert. In einem Arbeitspapier werden eine Million Roboter genannt, die bis 2030 den Arbeitskräftemangel beseitigen könnten. Und zwar nicht nur in der Industrie, sondern ebenso in der Pflege und der Gastronomie.
 

»Die erste Begegnung mit einem Cobot ist durchaus
ein ungewöhnliches Erlebnis.«
 

Dabei wird schnell klar: Roboter ist nicht gleich Roboter. „Wir müssen zwischen klassischen Industrierobotern und modernen Cobots sowie Servicerobotern unterscheiden“, sagt Prof. Dr. Oliver Bendel von der Fachhochschule Nordwestschweiz, der zu ethischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen der Robotik forscht. „Manche Serviceroboter sind ansatzweise humanoid gestaltet, haben etwa Augen oder einen Mund.“ Während in industriellen Wertschöpfungsketten häufig große Industrieroboter zum Einsatz kommen, mit denen tatsächlich auch Arbeitsplätze ersetzt werden, verfolgt der Einsatz von Cobots oder Servicerobotern einen anderen Zweck. „Cobots arbeiten Hand in Hand mit menschlichen Arbeitskräften“, so Bendel. Ausgestattet mit ein oder zwei Armen interagiert der Cobot direkt mit einem Mitarbeiter. Man kommt sich sehr nahe und auch Berührungen sind nicht ausgeschlossen. Darauf reagiert der Cobot mit einer kurzen Unterbrechung, oder er zieht seinen Arm zurück.

Cobots kommen meist in der Montage zum Einsatz, insbesondere bei Arbeitsschritten, die sehr monoton sind oder ein sehr hohes und zuverlässiges Maß an Präzision erfordern. Zusammen bilden Mensch und Roboter eine Art Dream-Team im Sinne der Produktivität. Doch das hat auch negative Aspekte. „Ich halte den Einsatz von Cobots für sinnvoll und zukunftsweisend“, sagt Bendel. „Dennoch kann es passieren, dass der Arbeiter bestimmte Handgriffe nicht machen kann und darf, die er eigentlich schätzt, und nun dem Rhythmus der Maschine folgen muss.“ In welchem Umfang dies geschieht, ist auch von der Programmierung abhängig. Tatsächlich können die Cobots, entsprechend programmiert, auch das Arbeitstempo vorgeben.

Damit das Dream-Team auch funktioniert, ist aber nicht nur eine reibungslose und unfallfreie Kollaboration notwendig. Vielmehr erfordert es auch Akzeptanz der beteiligten Mitarbeiter. Studien haben gezeigt, dass technikaffine Arbeitskräfte in ihrem mechanischen Gegenüber eher eine Maschine mit speziellen Fähigkeiten sehen, die sie von monotonen oder lästigen Aufgaben befreit. Weniger technikaffine Menschen schreiben Robotern menschenähnlichere Eigenschaften zu. Das wirkt sich unmittelbar auf die Akzeptanz aus. Laut aktuellem Robotik Spiegel 2022 des Deutschen Robotik Verbands sieht eine Mehrheit zwar eine Verbesserung des Arbeitsalltags durch den Roboter, allerdings wird dieser meist als Maschine und nicht als Kollege favorisiert. „Roboter haben dann die größte Akzeptanz, wenn sie für die Mitarbeiter einen Mehrwert bieten, etwa indem sie anstrengende, gefährliche oder verschleißende Arbeiten übernehmen“, sagt Oliver Bendel.

Diese neuen Formen von Robotern werden die Arbeitswelt der nahen Zukunft prägen. Dabei werden sie selten Arbeitskräfte ersetzen, sondern es wird eher ein Neben- und Miteinander geben. Das gilt nicht nur in den Produktionshallen, sondern zunehmend auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt. Beispielsweise in Büros, im Dienstleistungssektor, in der Pflege oder der Gastronomie. Die Studie Robots@work4.0 der TU-Darmstadt hat sich mit der Akzeptanz in den Büros beschäftigt. Diese kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen, zeigt aber auch, dass Unternehmen Roboter oftmals unreflektiert einsetzen, ohne dabei Aspekte wie Arbeitsklima und Unternehmenskultur zu berücksichtigen. Noch sind in diesen Bereichen Roboter selten anzutreffen. Das gilt auch im Pflegebereich, wo Roboter immer wieder als Lösung für den Fachkräftebedarf ins Feld geführt werden. „Dazu bräuchte es aber mehr leistungsfähige Modelle in hoher Anzahl“, sagt Oliver Bendel. „Die Realität sieht anders aus“. Der größte Teil der Cobots und animaloiden oder humanoiden Roboter für die Pflege befindet sich noch in der Entwicklungs- und Testphase. Ein großer Rollout von Serienmodellen ist noch nicht in Sicht.

Dennoch werden Roboter weiter Einzug halten in unseren Arbeitsalltag. Kosten und Produktivitätssteigerungen sind nur zwei Aspekte, die dabei eine Rolle spielen. „Unternehmen müssen dafür sorgen, dass Mitarbeitern erfüllende Aufgaben zukommen, während die monotonen Arbeiten von Robotern erledigt werden“, so Bendel. „Wahrscheinlich werden wir in ein paar Jahren sehen, dass mehrere Cobots zusammenarbeiten. Dann könnte die Robotik tatsächlich helfen, den Fachkräftemangel zu beseitigen. Aber zugleich werden weiter Arbeitsplätze verschwinden.“
 

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