Suche nach Sinn

Mehr und mehr Start-ups verschreiben sich dem Umwelt- und Klimaschutz. Ihr Image als Problemlöser kommt bei Bewerberinnen und Bewerbern gut an, viele Fachkräfte suchen nach Sinnhaftigkeit im Job. 

Illustration: Marina Labella
Illustration: Marina Labella
Steffen Ermisch Redaktion

Das Gefühl, auf der Arbeit etwas Sinnvolles zu machen, hatte Matthias Martensen nicht immer. Als Unternehmensberater habe er anfangs Risikomodelle für Banken erstellt, berichtet der 32-Jährige. „Natürlich wird das gebraucht. Aber besonders motivierend war das für mich nicht.“ Als Unternehmer hat er dagegen nun eine klare Mission: Mit seinem Start-up Ostrom, das er zusammen mit Karl Villanueva gegründet hat, will er zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen. Das Mittel: dynamische Stromtarife.

„Wenn wir die Energiewende schaffen wollen, müssen Erzeugung und Verbrauch besser zusammengebracht werden“, erläutert der Gründer. Stromtarife, die sich im Stundentakt ändern, sind nach seiner Überzeugung ein wichtiges Puzzlestück dafür: Denn sie schaffen einen Anreiz, flexible Verbraucher im Haus wie eine Wärmepumpe oder eine Wallbox fürs E-Auto dann laufen zu lassen, wenn Strom günstig ist. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn nachts Windräder auf Hochtouren drehen, der allgemeine Stromverbrauch aber gering ist. Mehrere hundert Kunden versorgt das Berliner Start-up schon mit Ökostrom. Diese sparten Geld und reduzierten ihre Emissionen, sagt Martensen.
 

Klimaschutz treibt Gründer an


Die Welt ein kleines bisschen besser machen: Dieser Wunsch eint die Ostrom-Macher mit vielen anderen Gründern. 35 Prozent der deutschen Start-ups lassen sich der Green Economy zuordnen – so viele wie nie zuvor. Das ergab der jüngste „Green Startup Monitor“, den der Bundesverband Deutsche Startups und das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit jährlich erstellen. Als „grün“ werden dabei Start-ups gewertet, die nach eigener Einschätzung einen Beitrag zum Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz leisten – und das auch in ihrer Strategie verankert haben. Ein drittes Kriterium ist die Frage, ob die Unternehmen Kennzahlen zu ihrer ökologischen und gesellschaftlichen Wirkung erheben. 

Die Bandbreite der Geschäftsfelder ist enorm: Ostrom etwa zählt zu jenen Unternehmen, die die Energiewende voranbringen könnten. Dutzende andere wollen den Umstieg auf klimafreundliche Technologien im Verkehr beschleunigen, wieder andere haben sich zur Aufgabe gemacht, den ökologischen Fußabdruck bestimmter Produkte zu reduzieren. Ein weiterer großer Block ist der Gebäudesektor: Start-ups treiben die Installation von Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen voran, entwickeln klimaschonendere Baumaterialien oder erstellen digital gestützte Sanierungsfahrpläne.

 

Nachhaltigkeit zieht bei Bewerberinnen und Bewerbern

 

Grüne Start-ups haben auch einen speziellen Personalbedarf. Natürlich braucht es wie in anderen Unternehmen auch Softwareentwickler, Buchhalter und Vertriebler. Hinzu kommen je nach Ausrichtung aber Spezialisten, die es weitaus seltener in die Start-up-Welt verschlägt: Ineratec etwa sucht Verfahrenstechniker und Anlagenbauer, bei Ecoworks sind Stellen für Bauleiter und Heizungsmonteure ausgeschrieben – und Enpal umwirbt Elektriker, die PV-Anlagen anschließen. Für die Montage auf den Dächern bildet das Start-up in einer eigenen Akademie Quereinsteiger aus. 

Trotz des hohen Fachkräftebedarfs klagen Gründer grüner Start-ups aber weniger stark über Personalprobleme als andere Gründer. Das Problemlöser-Image kommt bei Bewerbern an: Sechs von zehn Beschäftigten wollen bei einem Jobwechsel gezielt nach Stellen bei nachhaltigen Unternehmen suchen, ergab eine Umfrage des Portals Stepstone. Davon profitiert auch Ostrom. Das Start-up beschäftigt aktuell knapp 30 Mitarbeiter – und kann laut Mitgründer Martensen nicht über mangelndes Interesse von Bewerbern klagen. „Entscheidend ist für viele Kandidaten, dass sie hier etwas Sinnstiftendes machen“, sagt er.  

 

Grüne Start-ups im Klub der Einhörner

 

Doch bei aller Sorge um den Planeten lockt die Gründer auch die Aussicht auf gute Geschäfte. Seit sich Staaten wie Unternehmen vorgenommen haben, klimaneutral zu werden, wächst der Bedarf für grüne Technologien rasant. Der Green Startup Monitor schreibt den Nachhaltigkeit-Start-ups eine herausragende Stellung zu: Zum einen hätten sie einen positiven ökologisch-gesellschaftlichen Einfluss, der sonst typischerweise von gemeinwohlorientierten Unternehmen ausgehe. Zum anderen schafften sie – wie rein gewinnorientierte Start-ups – neue Jobs und zahlen Steuern. „Hier lässt sich deshalb von einer doppelten Dividende sprechen“, so die Autoren der Studie. 

Dass sich Nachhaltigkeit und Gewinnstreben bestens miteinander vereinbaren lassen, zeigen zum Beispiel Enpal und 1komma5°. Beide Unternehmen wollen in hohem Tempo Photovoltaikanlagen auf die Dächer von Einfamilienhäusern bringen – und sind innerhalb weniger Jahre zu Riesen auf ihrem Markt geworden. Enpal, 2017 gegründet, macht inzwischen 415 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt mehr als 2.400 Mitarbeiter. Beim im Juni 2021 gegründeten Konkurrenten 1komma5° lag der Jahresumsatz 2022 bei 206 Millionen Euro, 1.500 Mitarbeiter arbeiten dort. Beide gehören dem Klub der „Einhörner“ an – jenen seltenen Start-ups, die nach Einschätzung ihrer Investoren mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. 

Die hohen Bewertungen sind allerdings noch eine Ausnahme. Insgesamt tun sich junge Unternehmen mit Klimaschutz-Mission noch schwerer bei der Investorensuche, ergab der Green Startup Monitor – und liefert Erklärungsansätze: Grüne Start-ups bewegen sich demnach regulatorisch oft auf schwierigem Terrain. Hinzu kommt, dass ihre Innovationen überdurchschnittlich häufig mit kapitalintensiven Produktionsprozessen verbunden sind. Um nur drei Beispiele zu nennen: Ineratec, eine Ausgründung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), baut Anlagen für die Herstellung klimaneutraler Kraftstoffe. Ecoworks aus Berlin produziert Fertigbauelemente für die Gebäudedämmung. Das Hamburger Start-up Traceless will kompostierbare Kunststoffalternativen im industriellen Maßstab herstellen. All das braucht Geldgeber mit tiefen Taschen und langem Atem.
 

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