Dortmund: eine Stadt gestaltet ihre Zukunft – und die Transformation der Arbeitswelt

Die Westfälische Metropole stellt sich erfolgreich den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte – durch mutiges Anpacken und die Zusammenarbeit aller Akteure.

HEIKE MARZEN, Geschäftsführerin, Wirtschaftsförderung Dortmund
HEIKE MARZEN, Geschäftsführerin, Wirtschaftsförderung Dortmund
Wirtschaftsförderung Dortmund Beitrag

Manchmal gibt es ruhige Zeiten, in denen sich scheinbar nur wenig ändert. Und dann gibt es Zeiten tiefgreifender Veränderungen in kurzer Frist - wir nennen dies heute Disruption. Ohne Zweifel befinden wir uns gerade heute in einer solchen Zeitenwende. Eine tiefgreifende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft und somit auch der Arbeitswelt ist in vollem Gange. Die immer weiter fortschreitende Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsprozesse grundlegend. Der demografische Wandel und geopolitisch ausgelöste Migrationswellen führen zu gesellschaftlichen Umbrüchen und neuen Herausforderungen für den Arbeitsmarkt. Der Kampf gegen die Erderwärmung zwingt zum Umbau aller privaten und öffentlichen Energiesysteme – eine Jahrhundertaufgabe. Manch einer fügt diesen drei „Großen Ds“ noch ein viertes hinzu: die Deglobalisierung, also die Rückkehr zu lokal und regional geprägten Wirtschaftskreisläufen. 

Diese Veränderungen machen vielen Städten und Regionen Sorge: Change by Design or Desaster? Es geht dabei auch um öffentliche Daseinsvorsorge und um die Frage, wie wir unsere Städte zukunftsfest machen. Eine Standortpolitik, getragen von allen Akteuren der Stadtgesellschaft, sieht den Wandel als Chance. Städte brauchen kluge Transformationskonzepte, die alle Akteure mit einbeziehen, mit dem Ziel, Wirtschaftskraft und Wohlstand zu erhalten und die Herausforderungen aktiv zu gestalten. Die vier großen D’s erweisen sich in Dortmund dabei immer mehr als Innovationstreiber einer neuen Wirtschaft und werden auch die Arbeitswelt nachhaltig verändern – als Folge und Voraussetzung.


WIE WERDEN WIR IN ZUKUNFT ARBEITEN, WOHNEN, LEBEN UND WIRTSCHAFTEN?


Die Stadt Dortmund ist geübt im Wandel: Die „Stadt der Arbeit“ von einst Kohle, Stahl und Bier gilt heute als einer der innovativsten Wirtschaftsstandorte Europas. „Wir sind ein Reallabor für den Wandel – aber auch, wie man erfolgreich mit ihm umgeht“, sagt Heike Marzen, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Dortmund. 1998, mit dem Ende der Montanindustrie, war die Zahl der Beschäftigten in Dortmund auf rund 180.000 gesunken. Doch schon Anfang des 21. Jahrhunderts stiegen Beschäftigungszahlen und Wirtschaftswachstum. Nach der Weltwirtschaftskrise 2009 ging es steil bergauf. Heute sind in Dortmund mit rund 260.000 Beschäftigten deutlich mehr Menschen in Arbeit als zur Hochzeit der Montanindustrie. Drei Wirtschaftsbereiche tun sich besonders hervor: Zwischen 2015 und 2022 wuchs die Zahl der Jobs im IT-Bereich um fast 40 Prozent. Im Gesundheitsbereich nahm die Zahl der Beschäftigten im selben Zeitraum um fast 24 Prozent zu, bei den wissensintensiven und unternehmensnahen Dienstleistungen waren es knapp 20 Prozent. Dortmund kann sich mit Fug und Recht als junge Wissensmetropole bezeichnen – und als Stadt der Gründer: Mehr als 6.000 Unternehmen mit rund 45.000 Beschäftigten in Dortmund sind jünger als 10 Jahre. Dortmund wird immer mehr zu einem Innovations- und Wachstumslabor – auch für Unternehmen aus dem westfälischen Umland.

„Wir haben den Mut gehabt, das Ende der Montanindustrie als Chance zu begreifen, Altes hinter uns zu lassen und konsequent auf Erneuerung zu setzen“, so Heike Marzen. Früh wurden Industrie- und Gewerbeflächen umgewidmet und weiterentwickelt. Auf ehemaligen Hochofen- und Bergwerksflächen entstanden moderne Gewerbe und Wohnareale, zum Beispiel der PHOENIX See oder PHOENIX West. Sie bieten Platz für Naherholungsgebiete, Kreativquartiere, Startup-Hotspots und technologische Kompetenzzentren. Dortmund ist Standort von sieben Hochschulen, mehreren Fraunhofer-Instituten, einem großen Max-Planck-Institut und einem der größten Technologiezentren Europas. Im Jahr 2021 wurde Dortmund als erste deutsche Stadt von der Europäischen Kommission mit dem iCapital Award als „Innovationshauptstadt Europas“ ausgezeichnet. Erfolgreich ins Rennen gegangen war die Stadt mit dem Konzept „Innovation Next Door“, das eine große Bandbreite an sozialen, nachhaltigen und technologieorientierten Projekten umfasst. 

Die Vernetzung macht's: 2021 wurde Dortmund von der EU mit dem iCapital Award als „Innovationshauptstadt Europas“ ausgezeichnet
Die Vernetzung macht's: 2021 wurde Dortmund von der EU mit dem iCapital Award als „Innovationshauptstadt Europas“ ausgezeichnet
DR. STEFAN RÖLLINGHOFF, Stab Strategie & Transformation, Wirtschaftsförderung Dortmund
DR. STEFAN RÖLLINGHOFF, Stab Strategie & Transformation, Wirtschaftsförderung Dortmund

Doch zu den großen Ds gehört eben auch die Demografie. In Dortmund werden in den kommenden zehn Jahren mehr als 50.000 „Babyboomer“ in Rente gehen. Es wird immer schwieriger, Jobs und Ausbildungsplätze zu besetzen. „Das Beschäftigungswachstum von Städten hängt zurzeit weniger am allgemeinen Wirtschaftswachstum, sondern vor allem an soziodemografischen, technologischen und standortspezifischen Faktoren“, sagt Dr. Stefan Röllinghoff vom Stab Strategie und Transformation der Wirtschaftsförderung Dortmund. Darum wächst im Moment die Beschäftigung auch weiterhin – trotz schwacher gesamtwirtschaftlicher Konjunktur. Für großflächige gewerbliche Neuansiedlungen haben Städte allerdings immer weniger Platz. „Wir müssen also darauf setzen, den Wirtschaftsstandort anders attraktiv zu machen. Dafür braucht es andere, smarte Standort- und Entwicklungskonzepte, viel digitale Kollaboration und Vernetzung.“

Und Dortmund tut was: Etwa mit dem Programm DOzubi plus. Die Stadt bietet Auszubildenden vollmöblierte Unterkünfte, bezuschusst Miete und Kaution und unterstützt Betriebe beim Recruiting. Im Rahmen des „Ausbildung im Quartier“-Programms knüpfen Unternehmen Kontakte in Schulen, stellen sich vor und bieten jungen Menschen die Möglichkeit, Berufe praxisnah auszuprobieren. Über 300 junge Menschen wurden so in die Ausbildung begleitet. Eine „Welcome Agency“ unterstützt Expats mit Rat und Tat. Zukunftsträchtige Branchen wie etwa die Kreislauf- oder Digitalwirtschaft werden durch eigene Projekte gefördert, wie etwa das Recyclingprojekt DOzirkulär oder die überregional wirkende Digitale Woche Dortmund. 

Was Dortmund bei all dem einzigartig macht, ist seine ausgeprägte Netzwerkkultur. Die Transformation gelingt hier besser als anderswo, weil alle Akteure im intensiven Austausch stehen und im Kleinen wie im Großen voneinander lernen. Beispielhaft steht das „Inno-Lab Zukunft der Arbeit in Dortmund“, ein Zusammenschluss aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, den Kammern, Verbänden und Vertretern der Stadtgesellschaft. Es versteht sich als gemeinsame Innovationsplattform, um die Stadt für die Zukunft zu rüsten. Auftakt wird im Frühjahr 2024 die „Woche der Arbeit“ sein, in der die Stadtgesellschaft im öffentlichen Raum über Herausforderungen und Konzepte zur Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt Dortmunds diskutieren wird: „Damit nachwachsende Generationen gerne in der Stadt bleiben und Menschen aus anderen Regionen bei uns eine attraktive neue Heimat finden“, bringt es Heike Marzen auf den Punkt.

Und nicht nur das: „Werden wir nicht gemeinsam aktiv und verlassen unsere Komfortzonen, steht weit mehr auf dem Spiel: die Ziele des klimagerechten Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft sind in Gefahr und systemrelevante Bereiche in Wirtschaft und Gesellschaft drohen auszutrocknen, sei es in der Pflege, in der Schule, im Handwerk oder der öffentlichen Verwaltung. Dafür braucht es vor allem eins: die Schwarmintelligenz unserer Stadt, die wir in der „Woche der Arbeit“ kampagnenartig zusammenführen wollen“, so Dr. Stefan Röllinghoff. Die Fachkräftefrage wird zum entscheidenden Faktor im Standortwettbewerb und zur zentralen Zukunftsaufgabe der Städte. Dies wird auch deutlich an der aktuellen Entscheidung von Thyssen-Krupp, von Dortmund aus den nächsten großen Schritt in Richtung Dekarbonisierung zu gehen. Nach dem Ende der Stahlproduktion vor 23 Jahren wird Dortmund nun zum „Grünen Industrie-Powerhouse“. Der Industriekonzern gründet aktuell eine neue Unternehmenssparte mit dem Namen „Decarbon Technologies“ mit der Zentrale in Dortmund - mit zukünftig rund 15.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 3 Mrd. Euro. Hochqualifizierte Fachkräfte und wirtschaftliche Standortsynergien waren ausschlaggebend für diese Entscheidung. Für Heike Marzen ein Präzedenzfall für eine nachhaltige Standortpolitik: „Wie schaffen wir vor Ort die Rahmenbedingungen für die Jahrhundertaufgabe der klimagerechten Transformation unserer Energiesysteme unter den Bedingungen des demografischen Wandels? Packen wir es an. Gemeinsam!“

www.wirtschaftsfoerderung-dortmund.de
 

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