Keine Alternative zur Kreislaufwirtschaft

Auf dem Weg  zur CO-Neutralität müssen Ressourcen effizienter genutzt und Rohstoffe wiederverwertet werden. 

Illustration: Emanuela Carnevale
Illustration: Emanuela Carnevale
Lars Klaaßen Redaktion

„Der ungebremste Anstieg des globalen Ressourcenverbrauchs ist Hauptverursacher des globalen Klimawandels und des Biodiversitätsverlusts“, sagt Anke Brüggemann, die in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW für Erneuerbare Energien, Energieeffizienz in Unternehmen und Ressourceneffizienz zuständig ist. Gleichzeitig nehme die Konkurrenz um knappe Rohstoffe zu. Bezüglich Abfallvermeidung, Produktnutzungsdauer, recyclingfreundliche Produktgestaltung sowie Materialeffizienz zeige sich, dass Deutschland, wie Gesamteuropa, noch große Entwicklungspotenziale aufweise. Die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft erfordere daher, so Brüggemann, „einen klaren regulativen Rahmen sowie wirtschaftliche Anreize.“ Nach einem bereits 2015 von der EU-Kommission veröffentlichten „EU Action Plan for the Circular Economy“, wird mit „Fit für 55“ein weiterer Schritt in diese Richtung beschritten.

 

DIE ZUKUNFT WIRD ZIRKULAR

Die „Circular Economy“, die Kreislaufwirtschaft, erfordert grundlegende Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Ihr Grundprinzip lautet, Ressourcen jeder Art so lange wie möglich einzusetzen. Dabei wird der gesamte Lebenszyklus berücksichtigt: von der Gewinnung einzelner Rohstoffe über die Produktgestaltung, die Produktion und den Verbrauch bis hin zur Abfallwirtschaft. Jeder Schritt orientiert sich an der Maßgabe, sowohl den Materialeinsatz als auch die Abfallentstehung zu minimieren. Dies erreicht man durch ressourcenschonendes Produktdesign, durch Recycling und Wiederverwendung von ganzen Produkten, deren Bestandteilen beziehungsweise einzelner Materialien. Weil Rohstoffe einen erheblichen Kostenfaktor für Unternehmen darstellen, zahlt Effizienz im Umgang mit ihnen sich in vielen Fällen aus – etwa durch geringere Herstellungskosten und Abfallvermeidung. Akteure diverser Branchen achten verstärkt darauf, über klassische Optimierungsmaßnahmen weniger Ressourcen zu verbrauchen. Doch nur wenige streben bislang eine echte Kreislaufwirtschaft an.

 

URBAN MINING

Einige wegweisende Projekte findet man mittlerweile in der Baubranche – nicht zuletzt, weil dort besonders großer Handlungsbedarf besteht. Sie ist für 38 Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Allein in Deutschland fallen jährlich rund 900 Millionen Tonnen Abfall an. Dieses Gewicht entspricht dem 150-fachen der Cheops-Pyramide. Mit knapp 55 Prozent haben die Bau- und Abbruchabfälle daran den größten Anteil. Nur knapp 34 Prozent davon werden recycelt. Vor allem wertvolle Metalle und Baumineralien sind oftmals lange Zeit – nicht selten über Jahrzehnte – in Infrastrukturen und Gebäuden eingelagert. Auf diese Weise haben sich enorme Materialbestände angesammelt, die großes Potenzial als zukünftige Quelle für Sekundärrohstoffe bergen. Deshalb spricht man in diesem Zusammenhang vom „Urban Mining“, der Stadt als Mine voller Rohstoffe. Um in der urbanen Mine in großem Stil zu schürfen, braucht es ein Gebäude-Materialkataster, aus dem hervorgeht, was man da genau in welcher Qualität vor sich hat. 

Die Stadt Heidelberg macht hierbei den ersten Schritt und erfasst ihren Bestand. Die Kommune nutzt einen sogenannten Urban Mining Screener. Das Programm soll mithilfe von Gebäudedaten die materielle Zusammensetzung schätzen und auf Knopfdruck ein Ergebnis liefern. Als erstes wird eine ehemalige Wohnsiedlung für Angehörige der US-Armee untersucht. Die Patrick-Henry-Village ist etwa 100 Hektar groß und könnte Raum für 10.000 Menschen und 5.000 neue Arbeitsplätze bieten. Aktuell stehen auf der Fläche noch 325 Gebäude. Diese sollen entweder abgerissen oder saniert werden – stellen also ein wertvolles Rohstofflager dar. Laut Urban Mining Screener warten im Quartier 465.884 Tonnen Material darauf, weiterverwendet zu werden, etwa die Hälfte davon Beton, ein Fünftel Mauersteine und rund fünf Prozent Metalle.

In einer Kreislaufwirtschaft braucht es detaillierte Informationen zu allen darin enthaltenen Rohstoffen. Die Möglichkeiten ihrer Wiederverwendung und Rückführung in den Kreislauf müssen erfasst werden und abrufbar sein. „Bis vor kurzem war es kaum möglich, Informationen dieser Art in der benötigten Detailliertheit zu generieren und über den kompletten Lebenszyklus hinweg transparent zu halten“, sagt Darya van de Sandt-Nassehi, Geschäftsführer der TMG Consultants. „Mit innovativen digitalen Lösungen ist dies jetzt machbar.“ 

Von den Potenzialen würde die gesamte Wirtschaft profitieren. So wie die fossilen Energiequellen Kohle, Öl und Gas sind auch die geologischen Ressourcen der Erde nicht nur begrenzt, sondern auch ungleich verteilt. Die Akteure des Industriestandorts Deutschland müssen viele dringend benötigte Rohstoffe wie Erze und Metalle importieren. Würde man auf die vor Ort vorhandenen Sekundärrohstoffe zurückgreifen, müssten hiesige Unternehmen in deutlich geringerem Maße auf Primärrohstoffe aus dem Ausland zurückgreifen.

 

MIT ABFALL WIR DIE ENEGRIEWENDE BEZAHLBAR

Für die Herstellung von Photovoltaikmodulen etwa wird reines Silizium benötigt, das knapp und teuer ist. Das Unternehmen LuxChemtech hat Technologien entwickelt, um Silizium und weitere Halbleitermaterialien zu recyceln. Bei der Herstellung von Silizium fallen große Mengen Abfall an. Diesen Ausschuss arbeitet das sächsische Unternehmen wieder auf. Chemisch behandelt und mechanisch zerkleinert ist das Material am Ende der Prozesse so rein wie Neuware. Rund 80 Tonnen Silizium im Monat werden auf diese Weise recycelt und zurück in den Kreislauf geführt. 

Wenn hiesige Unternehmen verstärkt Sekundärrohstoffe einsetzen und aufbereiten, bringt dies noch weitere wirtschaftliche Vorteile: für das produzierende Gewerbe durch Kosteneinsparungen im Materialbereich, für die Volkswirtschaft durch Erhöhung der inländischen Wertschöpfung. Die Recyclingwirtschaft kann ein Innovationsmotor und Arbeitsmarkt für Deutschland sein. 

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