Enormer Nachholbedarf

Viele Unternehmen nutzen bereits Künstliche Intelligenz. Doch insgesamt hakt es bei der Digitalisierung. Hilfreich wäre mehr staatliche 
Unterstützung – nicht nur durch  Kredite, sondern durch frühzeitige öffentliche Aufträge für neue  Produkte und Dienstleistungen. 

Illustration: Emanuela Carnevale
Illustration: Emanuela Carnevale
Andrea Hessler Redaktion

Der Science-Fiction-Autor William Gibson ist von Berufs wegen Visionär – und damit sehr erfolgreich: In seinem ersten Roman „Neuromancer“, der 1984 erschien, prägte er die Begriffe Cyberspace und Matrix – 15 Jahre, bevor sich Keanu Reeves als Hacker Neo durch die Matrix des gleichnamigen Films kämpfte. Auch der Begriff Metaverse, der vor allem durch die Umbenennung von Facebook in Meta bekannt ist, stammt aus einem Science-Fiction-Roman aus dem Jahr 1992. Inzwischen hat die Realität die Phantasie in Buch und Film eingeholt. Internet, Digitalisierung und 3D-Welten bestimmen weite Teile unseres Lebens. Gleichzeitig fürchten viele Menschen, dass Künstliche Intelligenz (KI) und Digitalisierung ihre Arbeitsplätze vernichten und der Homo Sapiens den Platz an der Spitze der Evolution verliert.

Laut einer vom Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) durchgeführten Mitgliederbefragung nutzen bereits 80 Prozent der Unternehmen KI. 65 Prozent glauben, dass KI die internen Arbeitsprozesse verbessern und Mitarbeiter:innen von langweiligen, sich wiederholenden Aufgaben entlasten wird. Trotz dieser Erkenntnisse plant nur ein Drittel der Unternehmen, sein Geschäftsmodell entsprechend anzupassen. Eine Ursache ist, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen von EU-Gremien noch geschaffen werden müssen. Daher warten viele Entscheidungsträger noch ab. 

Dies legt auch der Digitalisierungsindex nahe, den das Institut der deutschen Wirtschaft mit verschiedenen Projektpartnern entwickelt hat. Referenzgröße ist der Wert des Startjahres 2020 von 100 für Deutschland insgesamt. Im Jahr 2021 lag der Wert bei 107,9, im Jahr 2022 stieg er nur auf 108,9. Es gibt allerdings deutliche Unterschiede in einzelnen Bereichen und Branchen. So verbesserten sich die unternehmensinternen Bereiche Prozesse, Forschungs- und Innovationsaktivitäten; unternehmensextern legte vor allem die technische Infrastruktur zu. Bei den Branchen lag mit rund 276 Indexpunkten die Informations- und Kommunikationstechnologie vorn. Stark zurück ging der Digitalisierungsgrad in den Segmenten Innovationslandschaft sowie bei administrativ-rechtlichen Rahmenbedingungen. Noch schlechter als der Innovationsindex bewerten die Digitalverbände Bitkom und Eco den Status Quo der Digitalisierung in Deutschland. Insbesondere bei der Verwaltung sei Deutschland ein „Failed State“, beklagt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. Die Bürokratie sei aktuell der größte Bremsklotz für das digitale Deutschland.

 

SINKENDE GESCHWINDIGKEIT SENKT TECHNOSTRESS

Doch die Verschnaufpause bei der Digitalisierung im Zuge von Coronakrise und wirtschaftlicher Flaute hat nicht nur Nachteile. So gibt Daniel Thiemann, Professor für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management (ISM) in Dortmund zu bedenken, dass die durch neue Medien angetriebene Kommunikationsflut ein Phänomen verstärkt, das Fachleute als „Technostress“ bezeichnen, Stress durch Technologien wie nicht funktionierende Geräte oder durch Ängste. Neue Programme, Plattformen und Geräte versprechen oft zahlreiche Vorteile, etwa flexiblere und schnellere Abläufe, alles soll schneller und effizienter ablaufen, der Druck steigt und die Zeit für Pausen wird geringer.

Anzeichen für Technostress sind nach den Erkenntnissen des Wirtschaftspsychologen Thiemann die Überforderung bei der Anwendung genutzter Technologien, Probleme, die höhere Informationsmenge über verschiedene Kanäle zu bewältigen, und das Auftreten von Mehrarbeit außerhalb der Bürozeiten. Gefragt sind daher mitarbeiterorientierte Führungsstile für die individuelle Unterstützung und die Stärkung von Kompetenzen wie Selbstorganisation. „Das ist dann ein essenzieller Bestandteil zur Vermeidung von Technostress“, betont Thiemann. „Wenn Mitarbeiter das Gefühl bekommen, anspruchsvolle Technologien gut zu beherrschen, steht das positive Erlebnis bei der Bewältigung der Herausforderung sogar im Vordergrund.“

Insbesondere die Arbeit mit virtueller Realität kann Mitarbeiter:innen unterstützen, so die Hoffnung in vielen Unternehmen. Sie planen und erproben das industrielle Metaverse, ein Konglomerat aus verschiedenen 3D-Welten, in dem zum Beispiel Produktionsprozesse und die Wartung von Anlagen im dreidimensionalen Raum über Datenbrillen und digitale Zwillinge der Beschäftigten begleitet werden. Im Rahmen des Projekts Sensors4Rail testet etwa die Bahn sensorbasierte Wahrnehmungssysteme für die Streckenbeobachtung, das Erkennen von Gefahren und die Ortung von Fahrzeugen. Ein weiteres Beispiel ist die Digital Native Factory von Siemens in Nanjing. Bei diesem Pionierprojekt wurde die gesamte Fabrik vor dem Bau in der Realität vollständig virtuell geplant, getestet und optimiert. Produktivität, Flexibilität und Effizienz wurden um 20 bis 40 Prozent gesteigert.

Derartige Projekte sind mit enormen Kosten verbunden und daher eher für Großunternehmen als für kleine und mittelständische Betriebe umsetzbar. KMU können für den digitalen Wandel zwar Förderkredite bekommen, zum Beispiel den ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit der KfW. Doch das Risiko, zu scheitern und kein marktfähiges Produkt zu entwickeln, ist enorm. Andere Länder bieten daher außer Geld noch andere Fördermöglichkeiten für digitale Innovationen. Einer der wichtigsten Geldgeber auf dem Markt ist das US-Verteidigungsministerium. Es bestellt neue Produkte lange bevor sie tatsächlich einsatztauglich sind, sodass die beauftragten Unternehmen schneller und ohne größeren finanziellen Druck weiter forschen und entwickeln können. Auch Frankreich und Finnland bestellen Produkte und Dienstleistungen, die noch nicht marktreif sind, bei jungen High-Tech-Unternehmen, wie Autor Rafael Laguna de la Vera in seinem Buch „Sprunginnovation“ beschreibt. In Deutschland sind derartige Initiativen unwahrscheinlich. Im kommenden Haushalt sind für Digitalisierung von Behörden statt bisher 377 Millionen Euro nur noch 3,3 Millionen Euro eingeplant.

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