Diskret in die Energiewende

 Die Bilanz der Bundesregierung zeigt: Die Energiewende ist auf Kurs. Die neue Energieministerin will aber neue Akzente setzen. Was steckt dahinter?

Illustrationen: Ivonne Schreiber
Illustrationen: Ivonne Schreiber
Axel Novak Redaktion

Greenhushing“ nennt man es, wenn Unternehmen den Weg zur nachhaltigen Transformation beschreiten, aber nicht groß darüber reden. Diskrektion: Das ist der neueste Trend bei der Energiewende. Immer mehr Unternehmen setzen still und leise auf erneuerbare Energien, Nachhaltigkeit und mehr Klimaschutz. Der Grund ist einfach: Ihr Wert steigt, Produkte verkaufen sich besser. Zugleich sind seit dem krachenden Scheitern der Ampel „grüne“ Themen nicht mehr in Mode. Im PwC-Bericht „State of Decarbonization 2025“ schreiben die Berater: „Wenn Sie genauer hinschauen, werden Sie vielleicht eine andere Realität entdecken, die sich hinter den Kulissen still und leise entwickelt hat.“ Ob derart diskretes Handeln auch die neue Bundesregierung anleitet? Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung heißt es: „Union und SPD bekennen sich zu den deutschen und europäischen Klimazielen. Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Dafür treiben die Koalitionspartner den Ausbau der erneuerbaren Energien voran und halten am EU-Emissionshandel fest.“ Sie reden aber nur ungern über die Energiewende – das Wort klingt wohl zu „grün“. Gleichzeitig ist Deutschland auf gutem Weg, die Klimaziele zu erreichen, wie das jüngste Monitoring im Auftrag der neuen Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zeigt.
 

MEHR TEMPO VERLANGT


„Heute stammen bereits fast 60 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien – ein großer Erfolg“, lobte Reiche. „Bis 2030 wollen wir 80 Prozent erreichen – daran halten wir fest.“ Unstrittig sind auch weiterhin Dekarbonisierung und Elektrifizierung notwendig, um CO2-Emissionen dauerhaft zu senken. Das erhöht natürlich den Strombedarf, vor allem aus erneuerbaren Quellen. Eine der Voraussetzungen für das Gelingen dieser Transformation ist der zügige Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Aktuell werden aber Windkraftanlagen noch zu zögerlich gebaut, ob an Land oder auf hoher See. Auch die Photovoltaik hat es nicht mehr so leicht. Statt hier aktiv zu werden, möchte Reiche die Förderung von privaten Solaranlagen auf den Hausdächern streichen. Für die Energieökonomin Claudia Kemfert vom DIW Berlin ist der Förderabbau ein großer Fehler: „Bürger-Solar ist Rückgrat und Akzeptanzmotor der Energiewende – dafür braucht es Investitionssicherheit“, sagt sie dem Magazin Utopia.

Das jüngste Monitoring im Auftrag der Regierung hatte dabei festgehalten, dass Ausbaulücken die gesamte Energiewende noch teurer machen. Bestes Beispiel für den fatalen Dominoeffekt von Verzögerungen sind die Stromnetze, die unter den Regierungen Merkel nicht so ausgebaut wurden, wie es damals schon notwendig war: Die Kosten für die Abregelung von Energiequellen wachsen seitdem, weil das Netz nicht mehr mithält mit der Erzeugung. Hinzu kommen Ausbaukosten, die laut Hans-Böckler-Stiftung in den kommenden 20 Jahren rund 650 Milliarden Euro betragen könnten. 

Dafür sollen nun die Stromkunden künftig höhere Entgelte zahlen und auch die Erzeuger erneuerbarer Energie stärker in die Pflicht genommen werden. Die Bundesregierung will außerdem die Kosten beim Netzausbau senken, indem zum Beispiel Freileitungen statt Erdkabel errichtet werden. Die sind zwar bis zu viermal so teuer, aber bislang vor allem in Bayern wichtig, um die Menschen vor Ort vom Netzausbau zu überzeugen.
 

»Bürger-Solar ist Rückgrat und Akzeptanzmotor der Energiewende – dafür braucht es Investitionssicherheit.«
 

MEHR GAS AUS DEUTSCHLAND


Neue Akzente setzt die Regierung auch bei Öl und Gas. Trotz der Dekarbonisierung und dem Abschied von fossilen Energieträgern werden sie noch lange wichtig sein. Importiertes Erdgas deckt ein Viertel des deutschen Energiebedarfs. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine müssen aber neue Importe her. Bundesministerin Reiche plant 40 bis 100 neue Gaskraftwerke, die Strom dann erzeugen sollen, wenn erneuerbare Energiequellen ausfallen. Zwar hatte auch die Vorgängerregierung solche Anlagen angekündigt. Doch inzwischen wurden Speicherkapazitäten massiv ausgebaut. Sie könnten Erzeugungspeaks und negative Strompreise besser auffangen als teure, nur unzureichend ausgelastete Gaskraftwerke. Die Bundesregierung möchte die Unternehmen unterstützen, die mit Gasproduzenten langfristige Lieferverträge abschließen. Unklar, wie sich solche langfristigen Verpflichtungen mit dem politischen Ziel der Dekarbonisierung vertragen.
 

UNSCHLÜSSIGKEIT BEI DER WASSERSTOFFWIRTSCHAFT


Dafür soll die Wasserstoffwirtschaft wieder aufblühen: Der Energieträger könnte Branchen wie die Chemie- oder Stahlindustrie nachhaltiger machen. Doch der Bereich darbt, weil die energiepolitischen Grundlinien nach der Bundestagswahl erneut verschoben wurden. „Die Ziele für den Wasserstoffhochlauf im Jahr 2030 werden krachend verfehlt“, sagt Felix Matthes vom Nationalen Wasserstoffrat. Nun soll statt nachhaltig erzeugtem Wasserstoff auch solcher importiert werden dürfen, der beispielsweise durch Verbrennung von Erdgas erzeugt wird, wenn das dabei entstehende CO2 abgeschieden und unterirdisch gelagert wird. Da entsteht weiteres Konfliktpotenzial: Denn Kohlendioxid, das bei der Wasserstoffherstellung, aber auch in der Stahl- und Zementproduktion anfällt, soll künftig teuer in der Nordsee gespeichert werden. Die günstigere Speicherung an Land ist nicht vorgesehen. 

„Die Energiewende steht an einem Scheideweg”, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bei der Vorstellung des Monitorings in Berlin: „Damit sie gelingt, müssen Verlässlichkeit, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Kostentragfähigkeit des Energiesystems für unseren Wirtschaftsstandort ins Zentrum rücken.“ Am Geld sollte die Wende eigentlich nicht scheitern, denn der massiv erweiterte Klima- und Transformationsfonds bietet gewaltigen Handlungsspielraum. Was passieren könnte: Die Bundesregierung könnte öffentlich die „grünen“ Themen dämonisieren, im Hintergrund erfolgreich dekarbonisieren. Das wäre Greenhushing auf höchster Ebene.

Nächster Artikel