Wir Menschen sind bekanntlich soziale Wesen – und wir brauchen Nähe. „Nur in Beziehungen und in der direkten Interaktion wird Bindung gestiftet und erhalten sowie die subjektive Lebenszufriedenheit erhöht“, erklärt die Soziologin Romy Simon von der TU Dresden. Und Sabine Remdisch, Professorin für Personal- und Organisationspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg, weiß, wie wichtig persönlicher Kontakt in Unternehmensstrukturen ist: „Persönliche Treffen, bei denen man sich sprichwörtlich in die Augen schaut, sind äußerst wertvoll. Sie helfen nicht nur, die Distanz abzubauen, sondern fördern auch den Vertrauensaufbau.“ (siehe auch das Interview ab Seite 6).
Der Trend gibt beiden Forscherinnen Recht: Er führt die Beschäftigten zurück in die Büros. Immer mehr Manager merken, dass durch persönliche Begegnungen Dinge passieren, die im Homeoffice nicht möglich sind. Und immer mehr Unternehmen wollen die seit Pandemiezeiten sehr flexiblen Arbeitsregelungen wieder verbindlicher fassen. In der Regel ist die Handhabung weniger restriktiv als in früheren Zeiten; häufig wird eine wohl dosierte Anwesenheitspflicht verordnet, um mehr persönliche Begegnung zu ermöglichen. Viele Arbeitgeber seien überzeugt, dass sich Leistung, Reaktionsgeschwindigkeit und Verbindlichkeit besser sicherstellen lassen, wenn Teams vor Ort arbeiten, erklärt der US-amerikanische Founder Report.
Auch persönliche Treffen auf Messen, Kongressen und in Meetings liegen nach der Pandemie wieder deutlich stärker im Trend. Die Besuchszahlen in Kongress- und Messezentren liegen zwar teils noch unter 2019, aber deutlich über 2022 und mit höherem Anteil an wirklichen Entscheidern – Präsenz wird gezielter für „hochwertige“ Kontakte genutzt, so die Standortanalyse-Plattform Placer. Globale Geschäftsreisebudgets steigen wieder und sollen in diesem ausgehenden Jahr das Vorkrisenniveau nicht nur erreichen, sondern übertreffen, prognostiziert die Global Business Travel Association. Ein wesentlicher Treiber: die Rückkehr zu Präsenzmeetings und Events.
Branchenverbände beziffern den durch Messen generierten jährlichen Geschäftsumsatz weltweit auf mehrere hundert Milliarden Euro, inklusive starker Effekte auf lokale Wertschöpfung über Tourismus, Dienstleistungen und Jobs vor Ort. Und laut einer Erhebung der Hotelgruppe Accor unter 9.000 Fachund Führungskräften sollen Unternehmen im Schnitt mit rund einem Drittel höherem Umsatzpotenzial rechnen, wenn alle wichtigen Meetings persönlich stattfinden könnten.
Die ökonomischen Wertschöpfungseffekte liegen auf der Hand: Natürlich sind sie größer, wenn Menschen persönlich in Verkehrsmittel steigen, Unterkünfte buchen und Geschäftsessen in Restaurants organisieren, anstatt zu Hause zu sitzen. Ob die Investition in Zeit und Geld sich auszahlt, weiß man vorher nicht. Aber bei persönlichen Treffen entstehen Verbindlichkeiten, die weit über den technischen Vorgang des Geschäftemachens hinausgehen. In analogen Zeiten markierte der Handschlag den verbindlichen Abschluss. Schön, wenn diese persönliche Geste wieder aufleben würde.
Illustrationen: Nadine Schmidt