Die neue Lebensqualität

 Smog, saurer Regen, tote Flüsse – solche Szenarien sind in Deutschland selten geworden. In letzten Jahrzehnten wurden enorme Fortschritte im Umweltschutz gemacht.

Illustrationen: Ivonne Schreiber
Illustrationen: Ivonne Schreiber
Verena Mörath Redaktion

In den 1960er-Jahren war Umweltverschmutzung keine abstrakte Größe, sondern Teil des alltäglichen Lebens und sinnlich wahrnehmbar. Wer damals im Ruhrgebiet die Wäsche hinaus hing, konnte sicher sein, dass sie binnen Stunden von einer feinen Rußschicht überzogen war. „Es stank, es war dreckig, die Wäsche verrußte regelrecht und konnte gleich wieder gewaschen werden“, schildert Frank Uekötter. Die Umweltbelastung lag in der Luft, färbte Fassaden grau und trübte Flüsse. 

Frank Uekötter weiß, wovon er spricht. Er gilt als einer der profiliertesten deutschen Umwelthistoriker und lehrte schon an der University of Birmingham und an der Münchner LMU, bevor er an die Ruhr-Universität Bochum berufen wurde – mitten ins Ruhrgebiet, wo in den 1960er-Jahren Ruß und Rauch den Himmel verdunkelten. Von hier aus blickt er zurück, zum Beispiel auf die Smog-Katastrophe von Dezember 1962. 

Meteorologische Inversionswetterlagen ließen Schadstoffe in Bodennähe gefangen bleiben. Schwefeldioxidwerte stiegen auf bis zu 5.000 Mikrogramm pro Kubikmeter, Schwebstaubwerte erreichten 2.400 Mikrogramm – das 50- bis 100-fache heutiger Grenzwerte. Innerhalb weniger Tage stieg die Sterblichkeit hier um rund 20 Prozent, besonders ältere Menschen und Herz-Lungen-Kranke waren betroffen. Viele litten unter chronischen Atemwegserkrankungen, Kinder husteten schon auf dem Schulweg, und Ärzte berichteten von überfüllten Praxen. 
 

DAS DRECKIGSTE DORF EUROPAS


Auch in der DDR gab es drastische Beispiele: Der Ort Mölbis im Leipziger Land galt als das „dreckigste Dorf Europas“. Ein MDR-Bericht von 2020 zeigt eindrücklich die schwarzen Rauchwolken aus dem Kombinat Espenhain, und wie Fackeln am Straßenrand den Weg durch den rußigen Nebel weisen mussten. Nur eine Autostunde entfernt wurde die Dokumentation „Bitteres aus Bitterfeld“ illegal gedreht und machte 1988 die Chemieverseuchung einer ganzen Region sichtbar. Braunkohlekraftwerke stießen ungehindert Schwefel und Staub aus, Chemiewerke entließen Abwässer direkt in Flüsse. Anwohner berichteten von „süßlich-fauligem Chemiegeruch“. Offizielle Warnungen blieben aus. Umweltpolitik war in der DDR ein Randthema – Kritik galt als Staatskritik.
 

RHEIN: FRÜHER KLOAKE, HEUTE TRINKWASSERRESERVOIR


Viele Flüsse und Gewässer waren Spiegel dieser Zeit. Der Rhein wurde als „Kloake Europas“ getauft und galt biologisch als „tot“. Baden oder Angeln war ausgeschlossen, die Trinkwasseraufbereitung wurde immer schwieriger. Besonders dramatisch war die Sandoz-Katastrophe 1986 bei Basel: ein Brand in einer Lagerhalle spülte große Mengen Pestizide in den Rhein, das Wasser färbte sich rot, Millionen Fische starben. 

Erst eine internationale Kooperation brachte die Wende: Deutschland, Schweiz, Frankreich, Luxemburg und Niederlande investierten Milliarden in Kläranlagen und einigten sich auf strenge Umweltgesetze. Heute springen Kinder im Sommer ins Wasser, wo in den 1970ern Fischkadaver trieben. Dank der Maßnahmen kehrten zahlreiche Fischarten zurück – unter anderem der Lachs, das Symboltier des Rheins. Heute ist der Fluss eine zentrale Ressource für die Trinkwasserversorgung von Millionen Menschen in NRW und Rheinland-Pfalz.

Ein weiteres Paradebeispiel für eine erfolgreiche Intervention ist der Bodensee: In den 1960er-Jahren drohte er umzukippen und konnte durch die gemeinsame Kraftanstrengung von BRD, Schweiz und Österreich gerettet werden. Zwei Milliarden D-Mark flossen damals in Kläranlagen und Abwasserleitungen – und das Wunder gelang: Der See ist heute Trinkwasserspeicher und touristische Idylle. Doch nun droht eine neue Gefahr: Die invasive Quagga-Muschel frisst sich durchs Ökosystem und entzieht Fischen ihre Nahrung. Es zeigt sich, wie verletzlich Umwelt und Natur bleiben. 

Laut Uekötter fand in den 1970er-Jahren langsam ein Umdenken vom „bornierten Wachstumsdenken“ statt. Schon die „Filterwende“ brachte mit überschaubaren Investitionen enorme Fortschritte: Entstaubungsfilter konnten Staub- und Rußemissionen um bis zu 80 Prozent reduzieren. „Aber automatisch ging gar nichts“, betont der Umwelthistoriker, „es brauchte Druck aus Politik und Gesellschaft auf die Industrie“. Bürgerinitiativen gegen Chemieverschmutzung am Rhein oder gegen Atomkraftwerke gewannen an Gewicht, 1975 wurde der BUND gegründet, 1980 die Grünen – der Umweltschutz bekam eine politische Stimme. 

„Heute kann man neben einer Fabrik stehen und sicher sein, keinen gesundheitlichen Schaden zu nehmen“, so Uekötter. Tatsächlich hat sich die Luftqualität seit 1990 nochmals deutlich verbessert: Stickstoffoxid-Emissionen sind um 66 Prozent, Feinstaub um 45 bis 58 Prozent gesunken. Schwefeldioxid, früher in Millionen Tonnen jährlich nachweisbar, spielt heute nur noch eine Nebenrolle. 
 

RISIKO LUFTVERSCHMUTZUNG: HINTER UNGESUNDER ERNÄHRUNG


Noch 2010 waren über 70 Millionen Menschen höheren Feinstaubbelastungen ausgesetzt, 2018 weniger als 20 Millionen, bilanziert der Umweltbericht 2023. Damit sanken die Risiken für Herzinfarkte, Schlaganfälle, chronische Bronchitis und Asthma deutlich, die Zahl vorzeitiger Todesfälle ging um viele Tausend pro Jahr zurück. Feinstaub bleibt zwar ein großes Umweltrisiko, doch die Verringerung hat die öffentliche Gesundheit messbar entlastet. Luftverschmutzung rangiert klar hinter anderen Risiken wie ungesunder Ernährung oder Tabak, bilanziert der Bericht “State of Health in the EU” von 2021, betont aber, dass Feinstaub und Ozon weiterhin relevant bleiben. 

Der Einbau eines Filters in den 1970er-Jahren reinigte die Luft schnell, Erfolge heutiger Klimaschutzpolitik sind dagegen schleppend. „Heute ist es ein Ultralauf, die Errungenschaften bleiben fragil.” Deshalb warnt Uekötter vor einer Rückkehr zur alten Selbstherrlichkeit – diesmal mit Hightech und Start-up-Kapitalismus. „Damals konnte man viel erreichen, weil Unternehmen Sanktionen fürchten mussten. Heute erleben wir Firmen, die glauben, Regulierung sei reine Blockade.“

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