»Hamburg ist die Wiege der Windenergie«

Viel Wind und – in Zukunft – viel grüner Wasserstoff: Hamburg zeigt, wie die Dekarbonisierung der Wirtschaft gelingen kann.

Jan Rispens, Geschäftsführer Erneuerbare Energien Hamburg GmbH
Jan Rispens, Geschäftsführer Erneuerbare Energien Hamburg GmbH
Erneuerbare Energien Hamburg Beitrag

Herr Rispens, die Metropolregion Hamburg soll zu einer Modellregion für Erneuerbare Energien werden. Können Sie das erklären?
In den umliegenden Bundesländern und den Offshore-Parks in der Nordsee wird sehr viel Windenergie erzeugt – wir sind quasi die Wiege der Windenergie. Das liegt nicht nur an den geographischen Gegebenheiten, sondern hat seine Wurzeln auch in der maritimen Industrie. Denn Windenergieanlagen konnten zunächst nur in Werften gebaut werden, da nur diese große Stahl- und Glasfaserelemente bauen konnten. Insgesamt wurde hier die Vorarbeit für etwa 65 % aller deutschen Offshore-Projekte geleistet und viele Windfirmen haben hier heute noch ihre Hauptquartiere. Mittlerweile sehen wir uns aber auch als Modellregion für eine funktionierende Wasserstoffwirtschaft.

Warum gerade Wasserstoff?
Es ist bekannt, dass wir in Zukunft Wasserstoff etwa für die Dekarbonisierung der Großindustrie brauchen. Bisher wird Wasserstoff aber vor allem aus Erdgas gewonnen – dabei entsteht CO2. Doch mit dem Grünstrom aus den angrenzenden Bundesländern und der Nordsee können wir grünen, also klimaneutralen, Wasserstoff per Elektrolyse produzieren, und direkt in der Metropolregion Hamburg. Dieser grüne Wasserstoff kann „systemdienlich“, also mit einer Entlastung des bundesweiten Stromübertragungsnetzes produziert werden und ohne größere Transportverluste und mit einem bereits geplanten und überschaubaren Ausbau eines Wasserstoffnetzes nach Hamburg zu den dortigen Großverbrauchern transportiert werden. Zudem kann so die künfti-ge, weiter steigende Produktion von Windstrom speicherbar und nutzbar gemacht werden. Außerdem kann Hamburg eine Wasserstoffdrehscheibe für Deutschland werden, etwa mit umgewidmeten Pipelines in die Niederlande und nach Dänemark und Terminals für den Import per Schiff. So können Wasserstoff und seine Derivate, etwa Ammoniak, über weite Entfernungen transportiert werden.

Praktisch erprobt wird das Wasserstoffökosystem im Norddeutschen Reallabor …
Das Norddeutsche Reallabor (NRL) ist ein auf fünf Jahre angelegtes sektorenübergreifendes Verbundprojekt, das Teil der Förderinitiative „Reallabore der Energiewende“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) ist. 2021 gestartet und basierend auf den Erfahrungen des Vorgängerprojekts „Norddeutsche Energiewende 4.0 (NEW 4.0), in dem wir zum Beispiel den Einsatz digitaler Tools getestet haben, erproben wir mit dem NRL Wege, um die Industrie, aber auch die Wärmeversorgung und den Mobilitätssektor zu dekarbonisieren. Dafür arbeitet eine Energiewende-Allianz aus über 50 Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen - mit dem Ziel, den Transformationspfad für ein in-tegriertes Energiesystem zu erproben. Gelingt dies, kann das Projekt zeigen, dass bis zum Jahr 2035 eine Reduzierung der CO2-Emissionen im Norden um 75 % möglich ist. Beispielprojekte sind etwa die Errichtung einer Elektrolyseanlage im Hamburger Hafen mit 25 MW Erzeugungskapazität, die Nutzbarmachung von Industrieabwärme für die städtische Wärmeversorgung oder der Einsatz von wasserstoffbetriebenen Abfallsammelfahrzeugen bei der Hamburger Stadtreinigung.

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