Wandel in kleinen Schritten

Ökologischer, regionaler, weniger Fleisch – die großen Veränderungen in der Landwirtschaft lassen auf sich warten. Das liegt vorallem an den globalen Verflechtungen.

Illustration: Lara Paulussen
Illustration: Lara Paulussen
Julia Thiem Redaktion

Tofu statt Steak, regional statt exotisch, Bio statt Massenware – die Deutschen achten immer mehr darauf, was auf ihren Tellern landet. Laut des Ernährungsreports des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft sagen mittlerweile 82 Prozent, dass es sinnvoll sei, weniger Fleisch zu essen. Sieben Prozent der Menschen hierzulande ernähren sich sogar vegetarisch, ein Prozent isst vegan und 44 Prozent bezeichnen sich als „Flexitarier“, essen also nur gelegentlich Fleisch. Täglich die Wurst auf das Brötchen oder das Steak auf den Grill legen demnach gerade mal ein Viertel der Deutschen. Wobei die Fleischmengen, die jeder Mensch in Deutschland jährlich verzehrt, nach wie vor sehr hoch sind. Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, BZL, spricht von 52 Kilogramm pro Person in 2022. Das sei jedoch der niedrigste Wert seit Beginn der Berechnung 1989 und rund 4,2 Kilogramm weniger als noch 2021 – und spiegele sich auch in der Nettoerzeugung, also der im Inland geschlachteten Tiere, wider. Knapp zehn Prozent weniger Schweinefleisch, 8,2 Prozent weniger Rind- und Kalbfleisch und 2,9 Prozent weniger Geflügelfleisch verzeichnet die Bilanz des BZL.

Deutsches Fleisch wird exportiert


Was diese Zahlen auf den ersten Blick suggerieren: Verbraucher haben mit ihrem Konsumverhalten einen direkten Einfluss darauf, was in der Landwirtschaft produziert wird oder wie die Lebensbedingungen der Nutztiere sind. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, weiß Katrin Zander. Die Leiterin des Fachgebietes Agrar- und Lebensmittelmarketing am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel, Campus Witzenhausen, sagt, dass die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge in unserer globalen Welt nicht einfach abzubilden sind: „Gerade weil die deutsche Fleischindustrie so hocheffizient ist, also zu relativ geringen Stückkosten produzieren kann, versorgt die heimische Landwirtschaft viele Märkte weltweit. Konsumeffekte aus dem Inland haben deshalb nur einen begrenzten Einfluss auf die Preise und damit darauf, wie produziert wird.“ Und auch das belegen Zahlen des BZL: 2022 lag die Fleischproduktion insgesamt bei 116 Prozent des Inlandsbedarfs. Dabei werden bestimmte Teile der jeweiligen Tiere grundsätzlich für den Export produziert, weil hierzulande eher die Premiumteile – das Steak vom Rind, Brust und Schenkel vom Huhn – nachgefragt werden.
Die von der Professorin Zander beschriebenen Zusammenhänge sind dabei aber keinesfalls eine Einbahnstraße, denn auch umgekehrt kurbeln wir beispielsweise mit unserer starken Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln die ökologische Landwirtschaft in anderen EU-Ländern wie Spanien, Italien oder Frankreich an, woher wir vor allem wärmeliebendes Bio-Obst und -Gemüse in erheblichem Umfang importieren. Deswegen sagt Zander: „Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln hat schon Auswirkungen auf die heimische Landwirtschaft, aber nicht in dem Ausmaß, wie man es sich wünschen würde. Auch hier werden die Effekte durch den hohen Importanteil verzerrt. Wir sind eben auch auf Länderebene schon lange keine Selbstversorger mehr.“

Woher kommen die Lebensmittel?


Sieht das Konzept „Bio-Regional-Nachhaltig“ also nur abgedruckt auf dem Angebotsheftchen des lokalen Lebensmitteleinzelhändlers gut aus? Katrin Zander bestätigt zwar den Trend, dass Verbraucher gerade auch nach der Corona-Krise verstärkt auf regionale Produkte und Erzeugung achten, die Industrie hätte sich jedoch sehr erfolgreich gegen eine umfassende Kennzeichnungspflicht gewährt. So muss die Herkunft bei frischem Obst und Gemüse und auch bei Fleisch gekennzeichnet sein, bei Wurst, Konserven oder Tiefkühlware bereits nicht mehr.

Dass ein „Made in Germany“-Siegel bei Verbrauchern gut ankommt, wissen wir aus anderen Branchen. Für Lebensmittelproduzenten sind jedoch auch die Preise landwirtschaftlicher Produkte sowie eine Verlässlichkeit bei den Mengen entscheidend. Beispielsweise wird auch in Deutschland mittlerweile vermehrt Soja angebaut – als Futtermittel und zur Weiterverarbeitung für die Lebensmittelindustrie. Zahlen des Sojaförderrings zeigen zwar, dass sich die Anbauflächen von 1.000 Hektar in 2008 auf geschätzte 50.000 Hektar in 2022 vervielfacht haben, die rund 100.000 Tonnen heimische Sojabohnen, die so mittlerweile geerntet werden, fallen gegen die 6,3 Millionen Tonnen importierter Sojabohnen in 2021 jedoch kaum ins Gewicht. Dabei wären solche Leguminosen auch für die Bodenqualität wichtig, da sie Stickstoff im Boden anreichern. Auch deshalb können Landwirte alternative Eiweißpflanzen wie Ackerbohnen, Erbsen, Lupinen oder eben Soja als „ökologische Vorrangfläche“ anrechnen lassen – mit entsprechender Greening-Prämie vom Bund. Das Beispiel der Sojabohne unterstreicht allerdings auch: Die heimische Landwirtschaft wandelt sich nur langsam – trotz steigender Nachfrage nach Fleischersatzprodukten, für die Leguminosen eine entscheidende Rolle spielen, trotz des Trends zu regionalen Lebensmitteln und trotz der Prämienanreize der Regierung.

Bio-Landwirtschaft als Vorreiter


Die Studierenden von Kartrin Zander haben zu diesem Phänomen ihre ganz eigene Meinung, die in den Kursen und Vorlesungen auch viel diskutiert wird, wie sie berichtet: „Wir kommen immer wieder zu der Erkenntnis, dass die westliche Welt sehr geschickt darin ist, ihre heimischen Märkte und die dahinterstehende Industrie zu schützen.“ Resignieren sollten Verbraucher dennoch nicht, betont die Professorin. Denn auch wenn es zunächst so scheint, dass die eigene Konsumentscheidung in dem großen, internationalen Geflecht kaum Auswirkungen hat, kann unser Verhalten doch Anregung für die Landwirtschaft sein, etwas zu verändern. Als Positivbeispiel führt sie doch noch einmal die ökologische Landwirtschaft an: „Die starke Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln hat in der Landwirtschaft etwas verändert – weil Bio mit strengen Auflagen verbunden ist, weil Bio geschützt ist und weil sich die Verbraucher darauf verlassen können. So ist ein echter Markt mit fairen Wettbewerbsverhältnissen entstanden, der Erzeuger, Produzenten und Konsumenten gleichermaßen vor Falschdeklarationen schützt.“ Und ob ein Hektar Land ökologisch oder konventionell bewirtschaftet wird, macht am Ende des Tages eben doch einen Unterschied – überall auf der Welt.
 

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