Next Level

Mit Hilfe neuer Technologien kann Landwirtschaft effizienter, ertragreicher und nachhaltiger werden. Überzeugende Beispiele aus Forschung und Praxis gibt es rund um den Globus.

Illustration: Lara Paulussen
Illustration: Lara Paulussen
Johanna Schwabe Redaktion

In einem Industriegebiet in der Nähe der dänischen Hauptstadt Kopenhagen werden auf gerade einmal 3.500 Quadratmetern Salate und Kräuter angebaut, dabei bringt diese Mini-Farm bis zu drei Tonnen Ertrag – pro Tag! Wie das möglich ist? Bei Nordic Harvest wird in die Höhe angebaut, genauer gesagt auf 14 Etagen, mit künstlichem LED-Licht, viel Software und der Hilfe von Robotern. Für Firmengründer und CEO Anders Riemann ist die 2021 fertiggestellte Farm allerdings nur ein Prototyp. Die nächste Vertical Farm von Nordic Harvest könnte bereits zehn Mal größer sein.

Bis dahin dürfte allerdings noch etwas Zeit vergehen. Denn auch wenn das Unternehmen die bisher größte vertikale Farm in Europa betreibt, der Anbau ohne Pestizide auskommt, deutlich weniger Wasser verbraucht und das ganze Jahr über geerntet werden kann, gibt es doch auch negative Faktoren – allen voran der immense Energieverbrauch und die auch deshalb vergleichsweise hohen Preise für solche Lebensmittel. Ein Blick an die US-Börsen zeigt außerdem: Vertical-Farming-Start-ups wie AppHarvest, Kalera oder Aero Farms haben ihren Anlegern bisher nur wenig Freude bereitet. Die AppHarvest-Aktie hatte zwischenzeitlich 90 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Übersetzt heißt das: Hier wurde eine Zukunftsvision verkauft, die (bisher) dem Realitätscheck nicht standhalten konnte. Denn Investoren ziehen sich immer dann zurück, wenn Erfolgsaussichten oder Gewinnprognosen nicht eingehalten werden konnten.

Vielleicht hat die Investoren auch abgeschreckt, dass Vertical Farming als besonders nachhaltig angepriesen wurde, es das bei genauerem Hinsehen aber nicht ist, jedenfalls noch nicht. Grundsätzlich gibt es für Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft einen großen Bedarf. Die Klimakrise mit ihren Wetterextremen sorgt dafür, dass die Ertragsschwankungen in der klassischen Landwirtschaft immer größer werden. Wasser ist knapp, und anhaltende Dürreperioden werden auch in vielen deutschen Regionen schon heute zu einer großen Bedrohung.

Grundsätzlich könnte Vertical Farming eine gute Lösung sein, allerdings zeigen die ersten Erfahrungswerte, dass die Produktion pro Kilogramm Lebensmittel rund 40 Kilowatt Energie benötigt, um in den Innenräumen die optimalen Klima- und Wachstumsbedingungen für die Pflanzen zu schaffen. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung ist daher unabdingbar und Vertical Farming vor allem in den Regionen interessant, wo Obst und Gemüse ansonsten teuer importiert werden müssten. Deshalb setzt sich diese neue Art der Landwirtschaft derzeit in Ländern wie Dubai oder Kuwait durch, wo über Photovoltaik und dank der vielen Sonnenstunden die Energiekosten von Vertical Farming nicht so stark ins Gewicht fallen.

Weniger spektakulär, weil nicht ganz so disruptiv, sind hingegen die Versuche, die konventionelle Landwirtschaft dank neuer Technologien nachhaltiger zu gestalten. Und auch das ist dringend nötig. Denn mit ihrer Farm-to-Fork-Strategie hat die EU Europas Landwirtschaft ambitionierte Ziele gesetzt: 50 Prozent weniger Pestizide, 50 Prozent weniger Nährstoffverluste, 30 Prozent weniger Düngemittel – und das alles bis 2030.

»Bevor deutsche Landwirte in den Ausbau neuer Technologien investieren können, müssen erst einmal Mobilfunk und Internet ausgebaut werden.«

Präzisionslandwirtschaft – englisch Precision Farming – soll helfen, diese Ziele zu erreichen. Technologien wie GPS-gesteuerte Lenksysteme, Drohnen der Pflanzenschutz-Prognosesysteme könnten beispielsweise helfen, Insektizide und Fungizide gezielt einzusetzen, also nur auf den tatsächlich befallenen Pflanzen anstatt auf dem gesamten Feld. Wie das aussehen könnte, zeigt das PFLOPF-Projekt in der Schweiz, kurz für Pflanzenschutzoptimierung mit Precision Farming. Seit 2019 werden auf rund 900 Hektar Acker-, Gemüse-, Obst- und Rebfläche sieben Precision-Farming Technologien getestet. Das Projekt läuft noch bis 2026, erste Zwischenergebnisse sind allerdings schon vielversprechend. Durch den Einsatz eines Spot-Spraying-Systems bei Salat konnte beispielsweise im Vergleich zur konventionellen Flächenbehandlung etwa 60 Prozent der Pflanzenschutzmittel eingespart werden.

Ein weiteres Vorbild, das mit neuen Technologien für mehr Nachhaltigkeit sorgt, ist Israel. Wo hierzulande die Felder noch nach dem Motto „viel hilft viel“ bewässert werden – was wir uns eigentlich auch nicht mehr leisten können –, wird in Israel schon lange nur noch tröpfchenweise bewässert. Computergesteuert geben die Anlagen das Wasser präzise und ohne große Verluste direkt an die Pflanzen. Überhaupt hat sich in Israel mittlerweile eine ganze Industrie entwickelt, die – Hand-in-Hand – dafür sorgt, dass der knappe Rohstoff Wasser so sparsam wie möglich in der Landwirtschaft eingesetzt werden kann. Es gibt Spezialisten für die Leck-Suche an den Leitungen, für Abwasserfilterung (75 Prozent des Abwassers werden in Israel wiederverwendet) oder Wasser-Monitoring – immer hocheffizient dank neuer Technologien.

Ein Blick über den Tellerrand zeigt also: Es gibt international so einiges, was sich auch die deutsche Landwirtschaft abgucken kann, um nachhaltiger zu wirtschaften. Und gerade das Beispiel Israel zeigt, wie schnell das umzusetzen ist, wenn der Druck hoch genug ist. Wobei der Umbau das Land auch einiges gekostet hat und noch kosten wird. Bevor deutsche Landwirte jedoch im großen Stil in den Ausbau neuer Technologien investieren können, muss in den ländlichen Regionen erst einmal die Grundlage für ihren Einsatz geschaffen, müssen also erst einmal die Mobilfunknetze und das Breitbandinternet ausgebaut werden. Das ist leider kein Scherz.

Um die nachhaltige digitale Transformation der Landwirtschaft weiter voranzutreiben, hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 60 Millionen Euro aus der Mobilfunkstrategie der Bundesregierung für digitale Techniken und die Nutzung von leistungsfähigem Mobilfunk und Breitband in der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt. Aber irgendwie auch praktisch: So können Glasfaserkabel und Schläuche für die Tröpfchenbewässerung gleich in einem Zug verlegt werden.
 

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