Mit Brief & Siegel

Nur wenige Kennzeichnungen von Lebensmitteln sind gesetzlich verpflichtend. Sie helfen aber beim bewussten Konsum.

Mirko Heinemann Redaktion

Lange war es umstritten, hart war es umkämpft: Jetzt ist das gesetzliche Tierhaltungs-Siegel für Fleisch vom Bundestag beschlossen worden. Nach dem von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir vorgelegten Gesetz werden Verkäufer verpflichtet, Frischfleisch mit einem Label zu versehen, das die Haltungsform der Tiere kennzeichnet. Im Laufe des Jahres soll die Kennzeichnung eingeführt werden. 

Das neue System hat fünf Kategorien. Es beginnt bei der Haltungsform „Stall“ mit den gesetzlichen Mindestanforderungen. Die Stufe „Stall+Platz“ gibt unter anderem 12,5 Prozent mehr Platz vor, die Stufe „Frischluftstall“ Kontakt zu Außenklima – etwa mit offenen Stallseiten. Es folgt die Stufe „Auslauf/Weide“, bei der die Tiere mindestens acht Stunden täglich an die frische Luft können. Ist das Fleisch mit „Bio“ gekennzeichnet, müssen die Tiere artgerecht gehalten worden sein, wie es die EU-Ökoverordnung vorschreibt. Sie haben viel mehr Platz und erhalten Bio-Futter – gentechnikfrei und ohne chemisch-synthetische Pestizide oder Kunstdünger angebaut.

Mit dem neuen Label soll die Transparenz erhöht werden, um Kunden eine informierte Entscheidung beim Einkauf von Fleisch zu ermöglichen. Bereits seit Jahren spricht sich in Umfragen eine Mehrheit der Bevölkerung für strengere gesetzliche Vorschriften zur artgerechten Haltung von Nutztieren aus. 2017 waren in einer Forsa-Umfrage 73 Prozent der Bundesbürger dafür, mehr Frauen als Männer.

Das neue Label gilt erst einmal nur für Schweinefleisch und dann auch nur für Frischfleisch, nicht für Wurst oder Aufschnitt. Zudem auch nur für inländische Erzeugnisse. Eine Ausweitung auf andere Tiere, etwa Rinder, soll bis 2025 erfolgen. Noch in diesem Jahr soll es in Restaurants und Imbissen eine Haltungskennzeichung geben. Neben der Kennzeichnung sollen weitere Elemente für einen Wandel der Tierhaltung zu höheren Standards kommen. Beschließen will der Bundestag daher auch Erleichterungen im Baurecht für Ställe. Diskutiert wird auch eine so genannte „Tierwohlabgabe“ von 40 Cent pro Kilogramm Fleisch.

Das neue Label ergänzt nicht nur die bereits bestehenden Haltungslabel, sondern eine Vielzahl von weiteren Kennzeichnungen, die es für Lebensmittel gibt. Viele Supermarktketten hatten angesichts der starken Nachfrage bereits ein eigenes Label für die Haltungsform eingeführt. Auch andere Kennzeichungen für Lebensmittel wurden in der Vergangenheit von Anbietern eingeführt, bevor es zu einer staatlichen Kennzeichung kam. So erging es etwa den Bio-Siegeln. Bevor 2010 das einheitliche EU-Biosiegel eingeführt wurde, das die Produktion von Lebensmitteln ohne Antibiotika und chemische Pflanzenschutz- und Düngemittel vorschreibt, hatten Verbände von Bio-Agrarbetrieben bereits eigene Siegel eingeführt, die noch heute parallel zum EU-Biosiegel bestehen.

In der Praxis führt dies zu einer Vielfalt von Siegeln und Labeln, die durchaus verwirrend sein können. Zudem sind die Anforderungen an Haltung und Produktionsbedindungen jeweils unterschiedlich. So müssen etwa Tiere, deren Fleisch das EU-Biosiegel trägt, zwar mit biologisch angebauten Futtermitteln und ohne Einsatz von Antibiotika aufgezogen worden sein, ebenso ist der Einsatz von genetisch veränderten Organismen nicht erlaubt. Doch ganz ausgeschlossen ist das nicht. Ein Produkt mit dem EU-Biosiegel muss nur zu 95 Prozent diesen Kriterien entsprechen.

Andere Siegel haben strengere Regeln. Bei Bioland müssen 100 Prozent der Inhaltstoffe eines Produkts aus biologischer Landwirtschaft stammen, und es sind fast um die Hälfte weniger Zusatzstoffe in verarbeiteten Lebensmittel erlaubt als bei der EU-Bioverordnung. Und Demeter basiert auf den landwirtschaftlichen Konzepten des Anthroposophen Rudolf Steiner, hier geht es in erster Linie um die Bodengesundheit als Grundlage für gesunde Nahrungsmittel. Der Boden wird durch hofeigenen Dung und Pflanzenmaterial mit Humus angereichert und nur schonend bearbeitet. Fazit: Wer sich bewusst, gesund und im Sinne des Tierwohls ernähren möchte, muss sich inhaltlich ausführlich mit den Kennzeichnungen auseinandersetzen. Und seinen Einkauf entsprechend planen.
 

Nächster Artikel
Wirtschaft
Oktober 2023
Bewusste Abkehr von männerdominierten Panels: Beim Tag der jungen Wirtschaft in Berlin gehörte die Hauptbühne ausschließlich Frauen.
Beitrag

»Wir machen es einfach«

Ein Fanal gegen die Verzagtheit: Beim Tag der jungen Wirtschaft stehen Unternehmer:innen im Mittelpunkt, die Mut haben – und mutig handeln.