Sicherheit bedeutet das Geschütztsein vor Gefahr oder Schaden. So beschreibt es der Duden. Doch Sicherheit ist immer auch – und vor allem – ein subjektives Gefühl. Bislang fühlten sich viele Menschen hierzulande zumindest relativ sicher. Krisen gab es zwar schon immer. Man erinnere sich nur an den sauren Regen, Golfkrise und Irakkrieg, die Dotcom-Blase oder die Wirtschaftskrise 2008/2009. Sie verunsicherten – doch für die meisten Menschen ging das Leben danach ohne größere Einschnitte weiter. Spätestens mit der Corona-Pandemie änderte sich das: Alle waren betroffen, und die Einschnitte reichten vom öffentlichen Leben bis tief in den persönlichen Alltag. Das subjektive Gefühl von Sicherheit geriet bei vielen ins Wanken.
Es ist kein Zufall, dass der Begriff Polykrise in dieser Zeit sehr populär wurde, obwohl der Begriff bereits in den 1990er-Jahren vom Philosophen Edgar Morin und der Journalistin Anne-Brigitte Kern verwendet wurde. Er beschreibt eine Situation, in der mehrere Krisen gleichzeitig oder in kurzer Abfolge auftreten, die miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig verstärken. In vieler Hinsicht erinnert die aktuelle Lage daran: Geopolitische Konflikte, der Klimawandel, offene Fragen der Energieversorgung, zunehmende Bedrohungen durch Cyberkriminalität und gesellschaftliche Polarisierung lassen eine neue Qualität der Unsicherheit entstehen. Was tun? Die Polykrise zur Polychance umdeuten? Oder sich ins Private zurückziehen und die Decke über den Kopf ziehen?
MEHRHEIT FÜHLT SICH SICHER
Mehr Differenzierung ist nötig. Ein Blick auf die persönliche Ebene: „Die Sicherheit, die wir Menschen gerne hätten, das Gefühl, dass schon alles so weitergehen wird, wie gewohnt, ist eine Illusion“, sagt die Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin Florence Gaub. Immerhin: Einer aktuellen, repräsentativen Umfrage des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) zufolge fühlen sich 61,5 Prozent zurzeit „sehr sicher“ oder „relativ sicher“ im öffentlichen Raum. Für viele Menschen stehen persönliche Aspekte im Vordergrund: Sicherheit in der Öffentlichkeit, Familie und Freundeskreis sowie finanzielle Absicherung. Gleichwohl werden Themen wie der Ukraine-Krieg, die Rolle von NATO und EU oder das Wirtschaftswachstum nicht ausgeblendet. Sie scheinen jedoch weniger Einfluss auf das persönliche, subjektive Sicherheitsempfinden zu haben.
Insgesamt sind die Vorstellungen von Sicherheit und Unsicherheit von Widersprüchen geprägt, heißt es beim ZOiS weiter. Die Besinnung auf das Private, einschließlich der persönlichen Sicherheit, sei nicht selten eine Reaktion auf komplexe innen- und außenpolitische Entwicklungen beziehungsweise ein Versuch, sich diesen zu entziehen. Für die Politik ist das nicht einfach: Sie muss die großen Probleme lösen, darf dabei aber nicht die Themen aus den Augen verlieren, die die Menschen individuell am meisten bewegen.
Für die einzelne Person geht es umso mehr darum, Resilienz zu entwickeln, zu lernen, mit Unsicherheit umzugehen, und die Zukunft aktiv mitzugestalten. Dies ist eine der zentralen Empfehlungen von Florence Gaub. Denn das Gefühl der Selbstwirksamkeit trägt zur eigenen psychischen Sicherheit bei.
Doch niemand lebt für sich allein. Themen wie globale Lieferketten, Migration oder KI haben einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen. Sie sind nicht per se gut oder schlecht, doch sich dazu als Einzelperson zu positionieren, fällt vielen schwer. Soll man überhaupt? Ja, denn was eine Gesellschaft unter Sicherheit versteht, unterliegt einem stetigen Wandel. Dass man diese Chance hat, ist ein Privileg gegenüber autoritären Staaten. Hierzulande hängt die Sicherheit nicht von der Macht und dem Willen eines Herrschers ab. Was die Gesellschaft als sicher definiert, ist Verhandlungssache.
SUCHE NACH DEM KONSENS
Spannend wird es da, wo Sicherheit und Freiheit gegeneinander abgewogen werden müssen. Ist es richtig, Grundrechte zum Schutz der Sicherheit einzuschränken? Ist es richtig, so hohe Sicherheitsanforderungen zu stellen, dass Volksfeste finanziell nicht mehr gestemmt werden können? Fragen wie diese müssen Gesellschaften immer wieder neu verhandeln, um zu definieren, was Sicherheit für sie bedeuten soll. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Deutschland im internationalen Vergleich immer noch als eines der sichersten Länder der Welt gilt. Die Lebensqualität ist insgesamt hoch, der Sozialstaat stark und die Gewaltkriminalität gering. Es gibt jedoch keine Garantie, dass es so bleibt – insbesondere dann nicht, wenn man das alles als selbstverständlich ansieht.
Einer der derzeit größten gesamtgesellschaftlichen Unsicherheitsfaktoren liegt allerdings kaum noch in der eigenen Hand: die Geopolitik. Wähnte man sich jahrzehntelang in relativer Sicherheit, muss man mittlerweile erkennen, dass diese Zeiten vorbei sind. Deutschland spielt bei internationalen Entscheidungen nicht immer eine führende Rolle. Hinzu kommt, dass geopolitische Sicherheit früher primär als Schutz vor militärischen Angriffen verstanden wurde. Heute trägt sie weitere Züge, etwa wirtschaftspolitische (Seltene Erden, KI), mediale (Desinformation) und technologische (Cyberangriffe, politische Einflussnahme). Anders gesagt: Verteidigungsfähigkeit, wirtschaftliche Resilienz und technologische Souveränität sind heute allesamt geopolitische Faktoren.
Veränderung ist notwendig, meint der Politikwissenschaftler Carlo Masala: „Wir müssen viel stärker geopolitisch denken. Wir müssen auf das schlimmste Szenario vorbereitet sein, wir brauchen resiliente Gesellschaften und wir dürfen nicht an der Demokratie zweifeln.“ Wer (wieder) mitreden will, muss aber zunächst einmal ernstgenommen werden. Eine Rückbesinnung auf wirtschaftliche Stärke und technologisches Know-how des Standorts Deutschland wäre ein erster Schritt.