Risiko Rente

Auf die gesetzliche Rente allein ist kein Verlass mehr. Aber können private und betriebliche Vorsorge die Lücke für nachfolgende Generationen schließen? Eine Risikoanalyse.

Illustrationen: Sophie Mildner, sophiemildner.de
Illustrationen: Sophie Mildner, sophiemildner.de
Julia Thiem Redaktion

In Deutschland ist die Rentenlücke mit 33 Prozent besonders groß. Rund 19.000 Euro Rente stehen geschätzten Lebenshaltungskosten von etwa 29.000 gegenüber. Zum Vergleich: Die Rentenlücke liegt im Schnitt der EU-27 bei 20 Prozent. Und trotzdem liegt das Altersarmutsrisiko in Deutschland laut Statistischem Bundesamt Destatis mit rund 20 Prozent „nur“ im europäischen Mittelfeld – wobei Frauen mit rund 21 Prozent deutlich stärker betroffen sind als Männer mit 17 Prozent. Vom Deutschen Institut für Altersvorsorge DIA heißt es, dass dafür die private und betriebliche Vorsorge verantwortlich sei, die die Belastungen deutlich abfedern würde. Allerdings reicht sie noch nicht für alle. Deshalb fordert DIA-Sprecher Dr. Peter Schwark: „Private Vorsorge und betriebliche Modelle müssen noch in diesem Jahr konsequent gestärkt werden.“ Dazu brauche es vor allem höhere Fördervolumina, als sie im aktuell diskutierten Altersvorsorgereformgesetz vorgesehen sind.
 

LÜCKE KANN GESCHLOSSEN WERDEN


Der Schlüssel, um das Risiko Altersarmut zu minimieren, liegt also am Kapitalmarkt – und zwar sowohl für die gesetzliche Rente als auch für die betriebliche und private Vorsorge. Das unterstreicht auch der Allianz Global Pension Report 2025, wonach vor allem Länder wie Deutschland, Frankreich oder Österreich unter Reformdruck stünden, weil das Umlageverfahren dominiere und die Schritte Richtung Kapitaldeckung noch zu zaghaft seien.

Mit einer reinen Sparanstrengung ist es allerdings nicht getan, mahnt Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran. Um die europäische Rentensparlücke von durchschnittlich 350 Milliarden Euro pro Jahr zu schließen, müsse vor allem gewinnbringend investiert werden – und zwar in „zukünftiges Wachstum und Innovation“. Nur so lasse sich der demografische Wandel bewältigen. Grundsätzlich möglich ist es, rechnet Subran jedoch auch vor. Die Generation Y brauche lediglich eine um ein Viertel höhere Sparquote.
 

NEUE ANREIZE FÜR DIE PRIVATE VORSORGE


Die Bundesregierung will deshalb ab 2027 steuerliche Anreize schaffen, um mehr Menschen im Land für die private Vorsorge zu begeistern. Verabschiedet ist das Altersvorsorgereformgesetz zwar noch nicht, jedoch sollen auch Verträge ohne Garantien – klassische Altersvorsorgedepots – staatlich gefördert werden. Ein wichtiger Schritt, heißt es unisono aus Expertenkreisen. 

Auch das geplante Standardprodukt findet Fürsprache: Der Kostendeckel von 1,5 Prozent pro Jahr, eine Auswahl von nur zwei Standardprodukten – eins defensiv, eins moderat-chancenreich – sowie ein komplett digitaler Abschluss werden vom Markt positiv aufgenommen und dürften auch für Sparer ein niederschwelliges Angebot sein. Lediglich die Risikoklassen der Fonds gibt der Gesetzgeber vor.
 

REFORM DER BAV


Und auch die betriebliche Altersvorsorge fasst der Gesetzgeber an. Ende 2025 hat der Bundestag das zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz beschlossen. Ziel ist es, die betriebliche Altersvorsorge vor allem in kleineren Unternehmen und bei Geringverdienern zu verbreiten. Künftig sollen Arbeitgeber Beschäftigte automatisch in eine Betriebsrente einbeziehen – mit der Möglichkeit zum Widerspruch für Letztere. Gleichzeitig wird die staatliche Förderung für niedrige Einkommen ausgeweitet.

Das dürfte die Verbreitung der bAV gerade im Mittelstand weiter befeuern, die sich laut einer Studie des Versicherer Generali bereits großer Beliebtheit erfreut: 82 Prozent der mittelständischen Unternehmen arbeiten bei Betriebsrenten mit Versicherern zusammen. Am häufigsten genutzt wird die Direktversicherung. Daneben spielen Pensionskassen und Pensionsfonds eine Rolle, wobei letztere im Mittelstand vergleichsweise gering verbreitet sind. Allerdings müssen vor allem die Unternehmen bei der Wahl der bAV die eigenen Risiken wie etwa Zinsschwankungen, das Langlebigkeitsrisiko oder auch die Fortführung der Pensionsverpflichtungen bei einer Insolvenz im Blick haben.
 

SICHERHEITSNETZ MIT GRENZEN


Für den Insolvenzfall gibt es in Deutschland verschiedene Sicherheitsnetze wie den Pensions-Sicherungs-Verein (PSVaG), der sich über Pflichtbeiträge der Unternehmen finanziert. Das System gilt international als stabil, hat allerdings auch Grenzen. Die maximale Absicherung liegt laut PSVaG bei 11.865 Euro pro Monat. Zudem fallen nicht alle Modelle automatisch unter den Schutz. Bei bestimmten Direktversicherungen greift stattdessen der Sicherungsfonds der Lebensversicherer, Protektor. Reine Beitragszusagen ohne Garantien unterliegen ebenfalls anderen Regeln.

Für Unternehmen und ihre Beschäftigten wird es deshalb wichtiger, Altersvorsorgemodelle professionell zu steuern. Instrumente wie Asset-Liability-Management, Rückdeckungsversicherungen oder sogenannte Contractual Trust Arrangements können helfen, Risiken zu begrenzen – und dessen sind sich die Unternehmen auch bewusst. Laut Generali-Studie sind vor allem ein hohes Maß an Sicherheit sowie transparente Leistungen des Anbieters bei der Auswahl der passenden Lösung wichtig.
 

STREUUNG BIETET SICHERHEIT


Die drei Säulen der Rente haben also jede für sich genommen ihr jeweils ganz eigenes Risiko. Was sie langfristig stark machen könnten, sind kluge Kombinationen aus den drei Säulen. Ein Grund, warum die Bundesregierung bAV und private Vorsorge stärker fördert. Denn Diversifikation – also eine Risikostreuung durch breite Verteilung – könnte auch in puncto Rente der Schlüssel sein, der insgesamt zu einem sicheren und stabilen System führt. Und das nicht nur für die Generation von heute, sondern gerade für die, die erst am Anfang ihres Erwerbslebens steht. Ebenso entscheidend ist der Zeitpunkt: Je früher der Einstieg, desto länger die Spardauer für die private Vorsorge. Womit langfristig noch eine vierte Säule zum Tragen kommen muss: Finanzbildung, die bereits in Schulen ansetzt.
 

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