Herr Özcay, Deutschland steht als Industriestandort unter Druck. Hohe Energiekosten, Fachkräftemangel und internationaler Wettbewerb setzen viele Unternehmen unter Zugzwang. Wo sehen Sie dennoch Chancen?
Die deutsche Industrie verfügt über etwas, das sich nicht kurzfristig aufbauen und auch nicht so schnell nachmachen lässt: die breite industrielle Basis, das über Jahrzehnte aufgebaute Prozesswissen in Fabriken und Anlagen sowie exzellent qualifizierte Fachkräfte. Wenn wir dieses Wissen und die gesammelten Daten mit industrieller KI verbinden, können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken. Wir haben enorme Erfahrung in industriellen Prozessen – jetzt kommt es darauf an, dieses Potenzial zu nutzen. Darin liegt für mich die große Chance des Industriestandorts Deutschland.
Generative KI ist mittlerweile in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Wo liegt der besondere Hebel industrieller KI?
Industrielle KI schafft einen unmittelbaren, messbaren Nutzen. Mit industrieller KI lassen sich Anlagen produktiver, energieeffizienter und zuverlässiger betreiben. Industrielle KI erkennt Anomalien, sagt Ausfälle voraus oder optimiert Energie- und Materialflüsse. Dadurch entstehen Produktivitätsgewinne und Resilienz, die sich direkt auf Wettbewerbsfähigkeit, Kosten und Ressourceneinsatz auswirken.
Was hat das mit Automatisierung zu tun?
Industrielle KI entfaltet ihren größten Nutzen im Zusammenspiel mit Automatisierung. Früher war Automatisierung vor allem ein Effizienzthema. Heute ist sie ein Standortfaktor. Automatisierung liefert die Datenbasis, auf der KI Muster erkennt, Entscheidungen unterstützt und Optimierungen vorschlägt. Sie schafft damit überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, dass Systeme dazulernen und Prozesse sich eigenständig verbessern können. Erst dieses Zusammenspiel macht autonome Prozesse möglich. So entsteht Schritt für Schritt der Weg von der Automatisierung zur Autonomie.
Wie weit ist die deutsche Industrie auf diesem Weg? Ist die autonome Produktion nicht noch Zukunftsmusik?
In vielen Industrieunternehmen sind Automatisierung, Sensorik, Datenplattformen und digitale Zwillinge bereits Teil des Alltags. Die vollständig autonome Fabrik ist jedoch noch eine Vision. Unternehmen entwickeln sich schrittweise weiter und beginnen dort, wo der Nutzen erkennbar ist. Etwa bei der Qualitätskontrolle, der vorausschauenden Wartung oder der Optimierung von Energieverbräuchen.
Viele Menschen verbinden Autonomie mit der Sorge, dass Maschinen irgendwann die Kontrolle übernehmen.
Diese Sorge nehmen wir ernst. Man kann das den Terminator-Gedanken nennen: Im Film übernimmt Skynet die Macht, eine übermächtige KI. Genau darum geht es aber nicht. Der Mensch entscheidet, wie weit er sich auf Autonomie einlassen möchte. Niemand drückt einen Knopf und plötzlich läuft alles allein. Jede Entwicklungsstufe wird geplant und von Menschen verantwortet. Autonomie entsteht in vielen kleinen Entwicklungen. Jeder kann dort beginnen, wo es für den eigenen Betrieb sinnvoll ist.
Heißt das auch: Nicht jede Fabrik muss irgendwann vollständig autonom arbeiten?
Genau. Es geht nicht darum, möglichst schnell die höchste Autonomiestufe zu erreichen. Entscheidend ist, den richtigen Weg für den jeweiligen Betrieb zu finden. Der Kunde entscheidet selbst, was sinnvoll ist. Das gilt auch für kleine und mittelständische Unternehmen. Neue KI-gestützte Werkzeuge machen den Einstieg in Automatisierung und Robotik deutlich einfacher, weil weniger Spezialwissen für Programmierung und Bedienung erforderlich ist. Gerade der deutsche Mittelstand bringt dafür gute Voraussetzungen mit: Er verfügt über tiefes Prozesswissen und über große Mengen an Produktionsdaten. Dadurch können auch kleinere Unternehmen schrittweise von Automatisierung und KI profitieren, ohne ihre gesamte Produktion neu aufsetzen zu müssen.
Welche Voraussetzungen braucht es, um auf diesem Gebiet dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben?
Drei Elemente sind wichtig: Forschung, industrielle Erfahrung und die Fähigkeit, neue Technologien in die Praxis zu bringen. Als Technologieunternehmen benötigen wir nicht nur gute Algorithmen, sondern auch ein tiefes Verständnis ihrer Prozesse und Anwendungen. Deshalb investieren wir umfangreich in Forschung und Entwicklung. Daraus entstehen Lösungen, die sich gemeinsam mit unseren Kunden im Alltag bewähren.
Wenn Systeme immer mehr Aufgaben übernehmen – was bleibt dann die Aufgabe des Menschen?
Die Rolle des Menschen verändert sich. Wenn Systeme Routinen übernehmen, gewinnen Einordnung, Verantwortung, Kreativität und Urteilskraft an Bedeutung. Mitarbeiter können sich stärker auf Aufgaben konzentrieren, die Wertschöpfung schaffen. Mich beschäftigt deshalb nicht nur, was KI künftig leisten kann, sondern auch, was Menschen in einem zunehmend automatisierten Umfeld leisten können. Gerade für Deutschland und Europa ist das entscheidend. Angesichts des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und hoher Arbeitskosten wird Automatisierung zunehmend zur Voraussetzung, um industrielle Produktion und Wohlstand zu sichern.
Reichen leistungsfähige KI-Modelle aus, um industrielle Prozesse autonomer zu machen?
Unsere Erfahrung in Elektrifizierung und Automatisierung hilft uns heute, KI in industrielle Anwendungen zu übersetzen. Entscheidend sind ein tiefes Verständnis von Prozessen, Anlagen und den Anforderungen der jeweiligen Branche. ABB bringt dieses Wissen aus jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit Kunden in Bereichen wie Energieversorgung, Mobilität, Prozessindustrie und Fertigung mit. Viele dieser Anwendungen sind Teil kritischer Infrastrukturen. Dort sind Verlässlichkeit, Sicherheit und Präzision Voraussetzung. Dieses Wissen hilft dabei, KI sinnvoll in die Praxis zu bringen.
Was entscheidet am Ende darüber, ob dieser Wandel gelingt?
Technologie ist dafür nur ein Teil der Antwort. Wir können die besten Systeme entwickeln, Wirkung entsteht dadurch noch nicht. Entscheidend ist, wie Menschen mit ihnen umgehen, ob sie Vertrauen entwickeln und bereit sind, neue Wege zu gehen. Wirkung entsteht nicht durch Technologie allein. Wirkung entsteht durch Menschen.
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