Ein Mittelständler, der mit einem nachhaltigen Energiekonzept bis zu 70 Pozent energieffizienter wirtschaftet als zuvor? Das muss ein Fake sein. Oder „öko“, wie mancher sagen wird. Und schon scheiden sich die Geister: in diejenigen, die mit dem alten System gut zurechtkommen und es bewahren wollen. Und in diejenigen, die in der Transformation, dem Wandel, Chancen sehen: mehr Unabhängigkeit, mehr Umweltverträglichkeit, weniger Kosten.
Das Unternehmen Allnatura (nicht zu verwechseln mit der Bio-Lebensmittelmarke Alnatura) aus dem schwäbischen Heubach gehört zweifellos zu den letzteren. Sein Kerngeschäft ist die Herstellung und der Vertrieb von hochwertigen Massivholzmöbeln, vor allem Betten und Lattenrosten. Dem holzverarbeitenden Betrieb ist der Nachhaltigkeitsbegriff in die Wiege gelegt. Denn dem Wald wird nur so Holz entnommen, wie im gleichen Zeitraum auch nachwachsen kann. Seit der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz diese Maxime im Jahr 1713 formulierte, ist Nachhaltigkeit ein Grundpfeiler der Holzwirtschaft.
Nachhaltigkeit als Unternehmensprinzip setzen viele Mittelständler längst um: Unternehmerische Verantwortung, Generationenprinzip, Respekt für Mitarbeitende, soziales Engagement und vieles mehr wird längst vorbildlich gelebt. Nun erreicht der Nachhaltigkeitsanspruch zunehmend auch den Energiebereich, und zwar nicht, weil es „öko“ ist, sondern schlicht: weil es langfristig Kosten einspart. Trotz eines anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfelds, wie es heißt, investieren KMU konsequent in Transformationsprojekte, so der „Energiewende-Kompass 2025“, den die Norddeutsche Landesbank (NordLB) in Auftrag gegeben hat. Demnach fließen im Durchschnitt 36 Prozent der Investitionsbudgets in Maßnahmen rund um die Energiewende.
Die Konsequenz, mit der Alnatura dabei vorangegangen ist, nötigt Respekt ab. Das erklärte Ziel des Energiekonzepts war, möglichst ohne fossile Energien auszukommen und den gesamten thermischen und elektrischen Energiebedarf des Gebäudes durch erneuerbare Energien zu decken. Gleichzeitig sollte der Komfort nicht zu kurz kommen. Die Umsetzung erfolgte über Geothermie, PV-Anlagen, Beschattung, Wärmerückgewinnung und Klimadecken.
Allnatura rechnet auf seiner Webseite vor, wie effizient das Konzept ist: Seinen Heizenergiebedarf von 113.000 Kilowattstunden pro Jahr deckt das Gebäude durch eine Wärmepumpe und acht Geothermie-Sonden mit jeweils rund 120 Metern Bohrtiefe. Thermische Energie kommt somit aus dem Erdreich, das im Winter bis zu 12 Grad, im Sommer bis zu 15 Grad Celsius warm ist und somit die Vorlauftemperatur der Wärmepumpe entsprechend optimiert. Drei PV-Anlagen liefern einen Großtreil des Strombedarfs inklusive Wärmepumpe von etwa 124.000 Kilowattstunden pro Jahr. Insgesamt wurden 129 Kilowatt Peak installiert. Ein Batteriespeicher von 24 Kilowattstunden Kapazität reicht aus, um einen Großteil der überschüssigen Energie bis zum späteren Eigenverbrauch zu puffern. Eine PV-Anlage auf dem Dach des Carports speist mit rund 35 Kilowatt Peak unter anderem eine Ladestation für Elektrofahrzeuge.
MEHR ALS 50 PROZENT DER ENERGIE SELBST PRODUZIERT
Besonders interessant ist die dritte Anlage an der südseitigen Energiefassade am Hauptgebäude. Sie liefert rund 21 Kilowattstunden Peak und soll vor allem den winterlichen Betrieb der Wärmepumpe gewährleisten. Während Schnee, Eis und ein flacher Sonneneinfall den Ertrag der Dachanlagen einschränken, produziert die nach Süden ausgerichtete Energiefassade noch immer genug Strom für die Grundversorgung der Wärmepumpe. Zusammen erzeugen die PV-Anlagen jedes Jahr etwa 110.000 Kilowattstunden Strom. Die Energieeffizenz wurde mit vollflächigen Klimadecken verbessert, die sowohl für Heizung als auch Kühlung sorgen: Der Heizwärmebedarf wird damit um rund 30 Prozent verringert, die Kälte im Sommer wird passiv, also energieneutral durch die Geothermie zur Verfügung gestellt. Prognostiziert wurde eine Eigenverbrauchsquote von etwa 57 Prozent und eine ebenso hohe Autarkiequote. Im Vergleich zur konventionellen Energiebeschaffung reduzieren sich die Energiekosten langfristig um über 70 Prozent.
»Die Wärmepumpe gilt endgültig als Standard für die klimafreundliche Wärmewende im Neubau und Bestand.«
It’s the Economy, Smartie! Zum einen beim Thema Energieffizenz: Eine Studie der Wirtschaftsberater von PwC hat schon vor zehn Jahren ausgerechnet, dass sich Investitionen in Energieeffizienz lohnen. In mehr als jedem dritten Unternehmen ließen sich die Energiekosten durch Investitionen in Energieeffizienz um 20 Prozent und mehr reduzieren. Mehr als die Hälfte der Investitionen der befragten Mittelständler amortisierten sich demnach nach 8,5 Jahren.
Ein wichtiger Faktor dabei ist die Elektrifizierung bestehender fossiler Wärmeinfrastruktur – vorrangig durch Wärmepumpen. Die Wärmepumpe ist eine Schlüsseltechnologie, weil sie aus erneuerbarem Strom effizient Wärme bereitstellt und damit fossile Heizungen ersetzen kann. Für Unternehmen besonders interessant sind sogenannte Großwärmepumpen ab 100 Kilowatt Leistung. Sie arbeiten nach dem gleichen Prinzip wie Haushaltswärmepumpen, sind aber deutlich leistungsstärker und erreichen höhere Temperaturen. Noch größer sind leistungsstarke Anlagen ab etwa 500 Kilowatt, die ganze Stadtteile mit Wärme versorgen können. Studien zeigen, dass solche Großwärmepumpen bis 2045 rund 70 Prozent der Fernwärmeversorgung übernehmen könnten. Noch sind in Deutschland wenige Großwärmepumpen in Betrieb, etwa in Stuttgart, Berlin und Mannheim, weitere Projekte sind geplant. Derzeit wird der Ausbau durch hohe Kosten, komplexe Genehmigungsverfahren und begrenzte Wärmequellen gebremst.
Laut Deutscher Energieagentur dena waren bereits die Hälfte der 2025 verkauften Heizungen Wärmepumpen. Ihr Anteil stieg von 27 Prozent im Vorjahr auf 48 Prozent, insgesamt rund 299.000 Anlagen. Gleichzeitig sank der Anteil von Gasheizungen auf 44 Prozent im vergangenen Jahr. Auch wenn die Wirtschaftsministerin wieder fossile Gasheizungen erlauben möchte, wird der Wärmepumpen-Boom wohl weitergehen – auch dank der Förderung mit bis zu 70 Prozent Zuschuss und stabiler, teils sogar sinkender Strompreise. Die Wärmepumpe gilt endgültig als Standard für die klimafreundliche Wärmewende im Neubau und Bestand. „Das Heizen mit Wärmepumpen wird zunehmend angenommen“, erklärte Corinna Enders, Vorsitzende der dena-Geschäftsführung. Und verdeutlicht: „Die neuen Zahlen verdeutlichen, wie Deutschland seine Abhängigkeit von Energiepreisschwankungen bei Öl und Gas reduzieren kann.“
Teilweise sind auch noch fehlende Wärmeplanungen in den Kommunen für die stockende energetische Planung von Gebäudebesitzern verantwortlich. Denn wer nicht weiß, ob er nicht bald an ein Fernwärmenetz angeschlossen wird, wartet in der Regel mit aufwendigen Einbauten neuer Heizsysteme ab. Daher ist die kommunale Perspektive zentral: Die Energieeffizienz eines einzelnen Gebäudes reicht für sich genommen nicht aus, wenn Wärmeversorgung, Stromnetze, Speicher und Erzeugung nicht gemeinsam gedacht werden. Gerade in dicht bebauten Gebieten entscheidet das Zusammenspiel von Gebäuden, Infrastruktur und kommunaler Wärmeplanung darüber, wie schnell die Wärmewende gelingt. Je frühzeitiger die Wärmeplanung begonnnen wird, desto früher können mittelständische Unternehmen ihre Investitionsentscheidung treffen und damit den Ausbau klimafreundlicher Wärmenetze beschleunigen.
Nun scheint Bewegung in die kommunale Wärmeplanung zu kommen, jedenfalls zeigen das Erhebungen des Kompetenzzentrums Kommunale Wärmewende. Demnach haben zum Ende des ersten Quartals 2026 rund 56 Prozent der großen Kommunen mit über 100.000 Einwohnern ihre Wärmeplanung abgeschlossen, 44 Prozent befinden sich derzeit im Prozess. 84 Prozent der Städte und Gemeinden mit 10.000 bis 100.000 Einwohnern haben ihre Wärmeplanung begonnen oder abgeschlossen. Bei den kleineren Gemeinden unter 10.000 ist mit 49 Prozent ebenfalls schon knapp die Hälfte im Wärmeplanungsprozess oder hat ihn abgeschlossen; die aktuelle Frist zur Bearbeitung läuft für sie bis Mitte 2028.
Für alle anderen gilt es, jetzt eine zukunftssichere Energieplanung aufzusetzen. Das tun viele bereits. Laut Energiewende-Kompass 2025 der NordLB planen 70 Prozent der Befragten, ihre Ausgaben für Innovation und Technologie in den kommenden zwölf Monaten zu erhöhen. Besonders gefragt sind KI-basierte Lastmanagementsysteme, mit denen sich kurzfristige Stromspitzen steuern lassen, sowie moderne Speichertechnologien. Das wird sich mittelfristig auszahlen, auch wenn sich die fossilen Großmächte (noch) dagegen aufbäumen. Nachhaltigkeit wird, ja muss sich durchsetzen, schon weil die Folgen des Klimawandels immer drastischer werden und der globale Raubbau keine langfristige Alternative darstellt. Als Siemens Financial Services (SFS) im vergangenen Jahr 50 weltweit führende Produktionsmaschinenhersteller hinsichtlich ihres Umgangs mit Energie und Resourcen analysiert haben, wurde festgestellt: Mehr als 75 Prozent der 50 weltweit führenden Maschinenbauunternehmen nutzen für ihre Maschinen Nachhaltigkeit als Verkaufsargument gegenüber potenziellen Kunden.
»Nachhaltigkeit wird, ja muss sich durchsetzen, schon weil die Folgen des Klimawandels immer drastischer werden und der globale Raubbau keine langfristige Alternative darstellt.«
Warum nicht selbst vorangehen? Wer jetzt ein nachhaltiges Energiekonzept umsetzt, mit PV, Wärmepumpe, elektrischem Fuhrpark, Wallbox, Speicher, Lastmanagement, kann über die KfW Zuschüsse von bis zu 30 Prozent für die energieeffiziente Produktion und von bis zu 20 Prozent bei der Umstellung auf Erneuerbare Energien beantragen. Dazu kommen viele regionale Programme.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, so lautete der Satz eines visionären politischen Führers. Er stieß bei denjenigen, die er damit meinte, auf taube Ohren. Die Konsequenz waren der Zusammenbruch und letztlich die Auflösung eines ganzen Staates und dessen maroder Wirtschaft. Wer sich gerne auf die Vergangenheit beruft, sollte auch dieses Beispiel kennen. Und die Zeichen der Zeit deuten.