Herr Beck, Energiekosten, Dekarbonisierung und internationaler Wettbewerbsdruck verändern die Industrie grundlegend. Warum ist die Elektrifizierung der entscheidende Hebel?
Oliver Beck: Als einer der weltweit führenden Anbieter elektrischer Antriebssysteme erleben wir täglich, wie sich die Anforderungen unserer Kunden verändern. Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob Unternehmen elektrifizieren, sondern wie schnell sie den Wandel umsetzen. Rund 95 Prozent der Lebenszykluskosten eines Elektromotors entstehen während seines Betriebs. Jede Effizienzsteigerung senkt daher dauerhaft Energieverbrauch, Betriebskosten und CO2-Emissionen. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gehen heute Hand in Hand – genau deshalb ist die Elektrifizierung einer der wichtigsten Hebel für eine wettbewerbsfähige und klimaneutrale Industrie.
Viele verbinden Antriebstechnik noch immer mit einzelnen Motoren. Welche Erwartungen haben Unternehmen heute an einen Partner wie Innomotics?
Dirk Schwanke: Die Anforderungen haben sich grundlegend verändert. Unternehmen betrachten ihre Anlagen zunehmend als Gesamtsystem und suchen Partner, die weit über einzelne Komponenten hinausdenken. Genau hier setzt Innomotics an. Wir begleiten Projekte von der Planung über Engineering und Inbetriebnahme bis hin zu Modernisierung, Digitalisierung und Service. Im Mittelpunkt stehen Lösungen, die Energieeffizienz, Anlagenverfügbarkeit und Investitionssicherheit gleichermaßen verbessern. Unser Ziel sind Technologien, die langfristig wirtschaftlich arbeiten. Gerade in energieintensiven Branchen entsteht echter Mehrwert erst durch das optimale Zusammenspiel aller Komponenten. Eine zentrale Stärke von Innomotics ist die Kombination aus Technologiekompetenz und langjährigem Prozessverständnis in unterschiedlichsten Industrien.
Wo zeigt sich besonders deutlich, welchen Beitrag intelligente Antriebssysteme bereits heute leisten können?
Dirk Schwanke: Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Turbinenersatz. In vielen Raffinerien, chemischen oder petrochemischen Anlagen verrichten Dampf- oder Gasturbinen seit Jahrzehnten zuverlässig ihren Dienst. Ihr Ersatz durch moderne elektrische Antriebssysteme kann Energieverbrauch, Betriebskosten und CO2-Emissionen erheblich senken. So können unsere Kunden in einzelnen Projekten bis zu 96.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Zugleich sinken Wartungsaufwand und Stillstandszeiten. Das erhöht Anlagenverfügbarkeit, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Viele Modernisierungen lassen sich zudem innerhalb bestehender Anlagen realisieren. Unternehmen können so bestehende Infrastruktur wirtschaftlich und nachhaltig fit für die Zukunft machen.
Oliver Beck: Zugleich entstehen völlig neue Anwendungsfelder. Rechenzentren etwa zählen zu den weltweit dynamischsten Wachstumsmärkten überhaupt. Künstliche Intelligenz und Cloud-Anwendungen treiben den Bedarf an Rechenleistung und Energie rasant nach oben. Neben einer zuverlässigen Stromversorgung gewinnen auch Netzstabilität und Verfügbarkeit zunehmend an Bedeutung. Um den steigenden Leistungsbedarf zu decken, kommen zusätzliche Erzeugungskapazitäten wie Gasturbinen, Dieselaggregate oder künftig kleine modulare Kernkraftwerke zum Einsatz. Umso wichtiger ist es, die eingesetzte Energie möglichst effizient zu nutzen – sowohl bei der Stromerzeugung als auch bei der Kühlung, die einen erheblichen Anteil des Energiebedarfs von Rechenzentren ausmacht. Mit hocheffizienten Motoren, Generatoren und Frequenzumrichtern ermöglichen wir einen zuverlässigen und energieeffizienten Betrieb.
Welche Entwicklungen werden die industrielle Wertschöpfung in den kommenden Jahren besonders prägen?
Dirk Schwanke: Die Transformation der Industrie wird sich weiter beschleunigen. Elektrifizierung, Digitalisierung und der Ausbau erneuerbarer Energien greifen immer stärker ineinander. Zugleich steigen die Anforderungen an Netze und industrielle Infrastruktur. Unternehmen müssen Energie intelligenter nutzen und ihre Anlagen resilient aufstellen. Effizienz, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit werden damit zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren. Viele Unternehmen verfügen bereits über leistungsfähige Anlagen. Deshalb wird es künftig häufig nicht nur um komplette Neubauten gehen, sondern darum, bestehende Systeme intelligent zu modernisieren und fit für die Anforderungen einer klimaneutralen Industrie zu machen.
Elektrifizierung allein reicht also nicht aus?
Oliver Beck: Nein. Elektrifizierung entfaltet ihren vollen Nutzen erst als Teil eines Gesamtsystems. Moderne Antriebstechnik, intelligente Steuerung, Digitalisierung und eine leistungsfähige Netzinfrastruktur müssen ineinandergreifen. Ebenso wichtig sind Service und langfristige Betreuung. Industrieunternehmen investieren in Lösungen, die über Jahrzehnte zuverlässig funktionieren. Deshalb begleiten wir unsere Kunden über den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlagen hinweg – von der Planung bis zur Modernisierung im laufenden Betrieb.
Was bedeutet diese Entwicklung für die strategische Ausrichtung von Innomotics?
Oliver Beck: Unser Anspruch ist es, industrielle Bewegung neu zu denken – zuverlässiger, effizienter und nachhaltiger. Dabei verbinden wir rund 160 Jahre Erfahrung in der elektrischen Antriebstechnik – viele kennen uns noch als Siemens-Motoren – mit kontinuierlicher Innovation. Gemeinsam mit unseren Kunden gestalten wir den Weg zu einer energieeffizienten und wettbewerbsfähigen Industrie.
Dirk Schwanke: Die Energiewende ist weit mehr als der Umstieg auf erneuerbare Energien. Sie verändert industrielle Prozesse, Infrastrukturen und Geschäftsmodelle grundlegend. Unsere Rolle sehen wir darin, Unternehmen mit integrierten Lösungen dabei zu unterstützen, ihre Produktion wirtschaftlicher, resilienter und nachhaltiger aufzustellen. Dafür braucht es Technologiekompetenz und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie entscheidet sich künftig nicht an einzelnen Komponenten, sondern am intelligenten Zusammenspiel des Gesamtsystems.
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