»Es kann unglaublich Großes entstehen«

März 2020 | Wirtschaftswoche | Unternehmertum

»Es kann unglaublich Großes entstehen«

Zu wenig Gründergeist, zu wenig Innovationsdynamik, zu wenig Talentförderung – das Unternehmertum in Deutschland steht in der Kritik.

Illustration: Alin Bosnoyan
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Dabei ist die Lage bei weitem nicht so dramatisch. Im Gegenteil, Deutschland habe ein unglaublich großes Potenzial an leistungsstarken, innovativen GründerInnen, befindet etwa Prof. Helmut Schönenberger. Mit der Unternehmerin Susanne Klatten baute er an der TU München ein Zentrum mit über 250 Mitarbeitern auf, in dem Gründer von der ersten Idee bis zum Börsengang beraten und gefördert werden: die UnternehmerTUM.

 

 

Prof. Dr. Helmut Schönenberger ist Mitgründer und Geschäftsführer der UnternehmerTUM GmbH, das der Technischen Universität München angegliedert ist. Es gilt als Europas größtes Zentrum für Innovation und Gründung.

 

Herr Schönenberger, gern definiert sich Deutschland als Hightech-Standort. Analysiert man die aktuelle Entwicklung der Gründerszene, sehen Experten die Lage nicht ganz so optimistisch. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Man muss hier tatsächlich etwas differenzieren. Zum einen hat sich Deutschland im Start-up-Bereich gut und teilweise sehr gut entwickelt. Wir sehen das vor allem in der aktuellen Dynamik, die in den großen Hubs in Berlin und München zu beobachten ist. Allein aus der TU München werden jährlich 70 wachstumsstarke Start-ups gegründet; im letzten Jahr konnten diese Teams über eine Milliarde Euro an Risikokapital einsammeln. Das sind absolute Rekordstände. Gleichzeitig entwickeln sich ja aber auch weltweit die Szenen weiter. Es reicht also nicht, einfach nur besser zu werden. Man muss besser werden als der internationale Wettbewerb. Und der gibt gerade richtig Gas.

 

Etwas widersprüchlich ist auch die Einschätzung bezüglich der Innovationsstärke Deutschlands. Die einen warnen, wir seien im Bereich der sogenannten Zukunftstechnologien gegenüber großen Playern wie den USA und China längst abgehängt worden. Die anderen halten das für übertrieben, schließlich sei es die EU, die etwa im Bereich Künstliche Intelligenz die internationale Forschungsgemeinschaft anführe.
Wenn Sie die Innovationskraft anschauen, dann haben wir sicher eine extrem gute Basis an den Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, in denen unglaublich gute Arbeit geleistet wird und auch sehr gute WissenschaftlerInnen ausgebildet werden. Unser Problem ist, dass wir es, auch im Vergleich zu den erwähnten großen Playern, nicht so gut schaffen, Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft in reale Produkte umzusetzen, die am Markt erfolgreich sind. Das ist ein durchaus ernstzunehmendes strukturelles Problem, das meiner Meinung nach im Augenblick noch viel zu wenig Aufmerksamkeit von der Politik bekommt. Man fokussiert sich sehr stark darauf, talentierte ForscherInnen anzuwerben, vernachlässigt dabei aber die Frage, wie aus der Spitzenforschung am Ende reale, innovative Produkte werden können.

 

Hinzu kommt der inzwischen ja regelrecht berüchtigte Mangel an Risikokapital in Deutschland. Ist die Lage hier immer noch so dramatisch?
Also man muss sagen, dass sich im Bereich Venture Capital schon sehr viel getan hat. Besonders zu Beginn der Finanzierungsrunden, in der sogenannten Seed und Series-A-Phase, steht Start-ups immer mehr Geld zur Verfügung. Hier beobachten wir einen starken Zuwachs an privaten und öffentlichen Kapitalgebern. Wo wir als Deutsche immer noch relativ schwach aufgestellt sind, ist im Bereich großer Wachstumsfinanzierungsrunden.

 

Hat die Politik das denn erkannt?
Es sieht so aus. Wie man hört, hat die Bundesregierung im Rahmen ihrer Digitalklausur auf Schloss Meseberg beschlossen, milliardenschwere Zukunftsfonds für dieses Thema bereitzustellen. Jetzt ist es wichtig, dass die finanziellen Mittel auch schnell im Markt ankommen und deutsche Start-ups davon profitieren.

 

Sie sind mit UnternehmerTUM, die der TU München angegliedert ist, maßgeblich an der Gründung und am Erfolg einiger herausragenden deutschen Firmen beteiligt, unter anderem Flixbus und Celonis. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich denke, das Besondere an UnternehmerTUM ist, dass wir den kompletten Weg eines Gründers oder einer Gründerin von der ersten Idee über die Wachstumsphase bis zum Börsengang abdecken. Die Reise wird also nicht nach den ersten zehn Schritten abgebrochen oder erst im zweiten Teil unterstützt, sondern wir bieten den jungen UnternehmerInnen ein Komplettpaket. Das hilft den Start-ups natürlich enorm und ermöglicht es uns als Förderer, die GründerInnen optimal zu begleiten.

 

Das klingt einleuchtend.
Ja, im Grunde ist das ja auch relativ banal, dennoch ziemlich schwierig umzusetzen: Wenn Sie bedenken, welche Herausforderungen ein solches Gründerteam auf einer Reise von fünf bis zehn Jahren bis zum wirklich großen Erfolg zu meistern hat. Da brauchen Sie auch eine kritische Masse an Mitarbeitern, die Kompetenzen vereinen und auch fähig sind, GründerInnen durch die verschiedenen Phasen eines Unternehmenswachstums zu begleiten.

 

Waren US-amerikanische Universitäten wie Stanford hier ein Vorbild, die ja bekannt ist für ihre hohe Gründungskompetenz? Der deutsche Startup Verband forderte neulich ein „deutsches Stanford“.
Stanford ist ein strategischer Kooperationspartner von uns. Wir lernen viel miteinander und voneinander. Der Unterschied zu unserer Situation hier in München ist, dass die einzelnen Akteure im Standford- Ökosystem sehr viel stärker verteilt sind. Deshalb halte ich unseren Ansatz auch für effizienter. Bei uns sind einfach alle wichtigen Institutionen unter einem Dach versammelt. Und alles ist Teil der Gesamtstrategie der Universität, was man zum Beispiel auch daran sehen kann, dass ich nicht nur der Geschäftsführer von UnternehmerTUM bin, sondern gleichzeitig auch das Amt des Vice President Entrepreneurship an der TU München innehabe.

 

Es gibt diesen schon seit Jahren geäußerten Vorwurf, Deutschland sei im Bereich der sogenannten Zukunftstechnologien nicht wirklich innovativ. Was halten Sie davon?
Diese These bezieht sich auf die Phase der Internet- und E-Commerce-Start-ups und hatte dort sicher ihre Berechtigung. Aber heute hat sich das Gründerumfeld ja deutlich weiterentwickelt. Wir stehen heute an einem Umbruch weg von consumerorientierten und hin zu stark technologiegetriebenen B2B-Geschäftsmodellen.

 

Aber man kann sich doch fragen: Sind Zalando, Delivery Hero, Auto1 wirklich innovativ?
Da gebe ich Ihnen recht. Die Stärke des Industriestandortes Deutschland liegt in seinem stark von B2B-Geschäftsmodellen getriebenen Mittelstand. Und es wird ganz entscheidend für unseren zukünftigen Wohlstand sein, dass wir in der Lage sind, diese Unternehmen in die nächste Phase zu führen. Die nächste Phase, das ist eine digitalisierte Wirtschaft, die auf hochautomatisierten Prozessen aufbaut. Die entscheidende Frage ist nun, was bedeutet das strategisch für die Forschung, für die Start-up-Szene und für etablierte Unternehmen?

 

Haben Sie eine Antwort?
Was die Digitalisierung angeht, benötigen wir vor allem Talente, damit wir in der Lage sind, die nötige Infrastruktur zu schaffen und Anwendungen darauf zu betreiben. In einem nächsten Schritt wird es dann wichtig sein, die nötigen Werkzeuge und Prozesse zu etablieren und für die Unternehmen nutzbar zu machen. Denn nur dann bleiben sie in Zukunft auch wettbewerbsfähig.

 

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die deutsche Unternehmenskultur? Ist sie noch zeitgemäß? Oder neigen wir, wie es oft heißt, zur Überoptimierung und sind deshalb gar nicht in der Lage, die hohe Geschwindigkeit aktueller Innovationsprozesse mitzugehen?
Es ist sicher richtig, dass neue digitale Technologien auch einen neuen Umgang mit diesen Werkzeugen erfordern. Und wir brauchen Menschen, die in der Lage sind, mit diesen neuen Technologien umzugehen und neue Produkte und Dienstleistungen zu schaffen. Gleichzeitig können wir hier in Deutschland auf ein umfassendes Know-how im Bereich industrielle Fertigung zurückgreifen. Das ist ja ein Schatz, und den sollten wir natürlich behalten. Die Herausforderung ist es nun, auf den bestehenden Kompetenzen aufzubauen und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür zu schaffen, die neuen Technologien integrieren zu können.

 

Der „Global Entrepreneurship Monitor Report“ zeigt: Der Gründergeist in Deutschland ist erschreckend schwach ausgeprägt. Nur jeder 20. Deutsche hat in seinem Leben jemals ein Unternehmen gegründet, in den USA hingegen jeder siebte. Müssen wir uns Sorgen machen?
Also ich sehe das nicht ganz so dramatisch. Ich erlebe unglaublich offene und engagierte Studierende. Aber es ist natürlich entscheidend, ihnen ein Umfeld zu geben, das sie unterstützt und in dem unternehmerische Kompetenz und Vorbilder vorhanden sind. Wenn das gelingt, zeigt sich auch das ungeheure unternehmerische Potenzial, dass wir hier in Deutschland haben: An der TU München setzt sich ein Viertel aller Studierenden aktiv mit dem Thema Unternehmertum auseinander.

 

Wie ist es um die politischen Rahmenbedingungen für Unternehmertum in Deutschland bestellt?
Sowohl in der Landes- als auch in der Bundespolitik fällt positiv auf, dass man offenbar erkannt hat, wie wichtig Start-ups sind. Was uns nach wie vor fehlt, ist die praktische Umsetzung in reale Programme, in reale Gesetze. Da sind uns Länder wie Israel, China und die USA weit voraus. Das ist aber inakzeptabel. Wir leben in einer stabilen Gesellschaft, wir können auf unglaublich viele gute junge Leute zurückgreifen, die etwas bewegen wollen. Diese müssen wir auf ihren unternehmerischen Wegen unterstützen und optimal fördern. Dann kann unglaublich Großes entstehen.