Aufschwung Ost

März 2020 | Wirtschaftswoche | Unternehmertum

Aufschwung Ost

Die Rede vom rückständigen Osten ist überholt. Und einen bedeutenden Anteil daran haben Familienunternehmen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Illustration: Alin Bosnoyan
Klaus Lüber / Redaktion

Günter Steinmetz ist Personalchef bei Bauerfeind, einem Hersteller von medizinischen Bandagen mit Firmensitz in der Thüringer Kleinstadt Zeulenroda. „Wir sind mit 1.100 Mitarbeitern nicht nur bei weitem der größte Arbeitgeber vor Ort, sondern leisten Unterstützung in so gut wie allen zivilgesellschaftlichen Belangen“, erklärt er stolz. Grundschulen, Vereine, Feuerwehr, Hochschulen in der Region – sie alle werden durch das Unternehmen unterstützt.


Dass ein Familienunternehmen Engagement vor Ort zeigt, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Es passiert überall in Deutschland. Kontinuität und Zusammenhalt, zwei zentrale Werte inhabergeführter Firmen, sorgen für eine entsprechend unternehmerische Perspektive. Und doch ist die Geschichte der Bauerfeind AG eine ganz besondere. Es ist die Geschichte von drohender Zerstörung, Vertreibung, Rückkehr und Wiederaufbau. Es ist die Geschichte eines ostdeutschen Familienunternehmens in einem geteilten Deutschland.


Mit dieser wirtschaftshistorischen Periode beschäftigt sich eine aktuelle Studie der Stiftung Familienunternehmen. Lange zählten die Länder im Osten zu den stärksten Wirtschaftsregionen Deutschlands, wobei Familienunternehmen eine herausragende Rolle spielten. Das änderte sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg. „Zehntausende Familienunternehmen gaben auf oder wanderten notgedrungen in den Westen ab“, erklärt Geschäftsführer Stefan Heidbreder.


Viele UnternehmerInnen blieben dennoch stark mit ihrer Heimat verbunden und kehrten nach der Wende nach Ostdeutschland zurück. So wie Bauerfeind-Firmenchef Hans B. Bauerfeind, der 1991 zurück nach Zeulenroda zog, den Standort dort aufbaute und ab 1997 wieder zum zentralen Firmensitz des Unternehmens machte.


Als besonders herausragend beschreibt die Studie jene Fälle, in denen die Unternehmen trotz vollkommener Zerschlagung dennoch den Mut aufbrachten, einen Neuanfang zu wagen. Etwa das 1951 in Halle gegründete ostdeutsche Familienunternehmen Kathi, ein Anbieter von Backmischungen, das 1972 zwangsverstaatlicht wurde. 1991 ging die Firma per Reprivatisierung erneut in Familienbesitz über und kämpfte sich zurück.


Die Aufbauarbeit einer Firma wie Kathi, eines der wenigen Familienunternehmen in rein ostdeutscher Hand, spiegelt sich, auch das ist interessant an der Studie, selbst in Unternehmen wider, die sich aktuell gar nicht mehr als Familienunternehmen bezeichnen würden. „Ich bekomme häufig Anfragen von Messen zur Karriere in Familienunternehmen und muss dann immer zuerst erklären, dass wir uns im Grunde gar nicht mehr als solches bezeichnen“, so Claus Kohls, Personaldirektor beim Gebäudemanagement-Dienstleister Gegenbauer.

„Das heißt aber nicht, dass wir nicht nach wie vor die Werte eines Familienunternehmens vertreten, wie Zusammenhalt und Engagement für den Standort.“


So unterschiedlich die Einzelgeschichten ostdeutscher Familienunternehmen im Detail sein mögen, eines zeigen sie deutlich: Die Rede vom rückständigen Osten ist überholt. ■