Alternative zur Metropole

September 2019 | Wirtschaftswoche | Unternehmertum

Alternative zur Metropole

Die Lebenshaltungskosten in den Städten steigen. Immer mehr Start-ups zieht es aufs Land oder in kleinere Städte. Entscheidend ist die dortige Innovationskultur.

Illustration: Tolga Akdogan
Mirko Heinemann / Redaktion

Alle 20 Stunden werde in Berlin ein neues Start-up gegründet, tönt der Rundfunk Berlin Brandenburg großspurig. Das hauseigene Portal Munich Start-up hingegen erklärt zur „Tech-Metropole“ natürlich die eigene, nämlich die bayerische Landeshauptstadt. Hamburg will auch ganz vorne mit dabei sein, Köln sowieso. Stuttgart? Ist natürlich „Start-up-Region“. Die Medien sind voll mit Jubelparolen über die Innovationskraft der Metropolen. Geht es nach ihnen, dann sind Städte die Brutkästen des innovativen Mittelstands von morgen. Unternehmensgründungen auf dem platten Land? Sie kommen nicht vor.


Dabei entstehen auf dem Land sogar die womöglich wichtigeren, weil in die Wertschöpfungskette der traditionellen Industrie enger eingebundenen Unternehmen. Immerhin sind mehr als die Hälfte der 3,5 Millionen Betriebe in Deutschland im ländlichen Raum ansässig. Mehr als die Hälfte der Menschen leben in ländlichen Regionen. Mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird dort erzielt.


Eine Umfrage des Internetportals Für-Gründer.de hat die Top 50 Start-ups näher untersucht. Dabei fällt auf, dass zwar mit zehn Gewinnern aus München, acht aus Berlin, vier aus Hamburg und zwei aus Köln knapp die Hälfte aus den deutschen Millionenstädten stammt. Ein Viertel der Top 50 Start-ups hat seinen Sitz jedoch in Städten mit weniger als 150.000 Einwohnern: auch in kleineren Städten wie Gießen, Passau oder Reutlingen oder im ländlichen Umkreis wie in Bad Abbach, Garbsen oder Weßling wird also offenbar erfolgreich gegründet.


Bestätigung findet sich im Detail. Der promovierte Mathematiker Dr. Christoph Weiß etwa gründete sein Unternehmen WSoptics 2013 in Altenstadt, einer Gemeinde in Oberbayern mit rund 3.500 Einwohnern, gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Florian Sepp. Das Unternehmen entwickelt Soft- und Hardware für die Metallbearbeitung, insbesondere für die Laserbearbeitung von Blechen. „Mein Kollege und ich kennen uns aus Schulzeiten, wir sind hier aufgewachsen und hatten zu Firmenbeginn den Vorteil, dass wir bei einem uns bekannten Unternehmen vor Ort unsere Lösungen testen konnten“, erzählt Weiß gegenüber dem Portal produktion.de. Heute arbeiten elf Mitarbeiter für WSoptics, etwa jeder Zweite wohnt in der näheren Umgebung, während die andere Hälfte täglich aufs Land pendelt, etwa aus Augsburg oder München. Die längste Anfahrtszeit liegt bei rund einer Stunde.


Da bei dem Unternehmen in Altenstadt ausschließlich qualifizierte Fachkräfte mit akademischem Abschluss arbeiten, sei es schwieriger, Personal zu gewinnen. Weitere Nachteile: eine schlechte Internetanbindung und die Anfahrt nach München für „Meet-ups der Software-Szene“ sei zu weit. Auf der anderen Seite sind da die günstigen Mietpreise und die schwache Konkurrenz um die Arbeitskräfte. Die Versuchung zu wechseln, sei also geringer. Außerdem sei der ländliche Standort für Kunden positiv, da diese selbst meist nicht in Großstädten starten und mit dem Firmenwagen anreisen. „Die geringen Lebenshaltungskosten auf dem Land und ein Arbeitgeber in einer Region, wo es sonst wenige hochqualifizierte Arbeitsplätze gibt, können durchaus attraktiv sein und ein Leben auf dem Land ermöglichen.“


Franz-Reinhard Habbel, Leiter des Innovators Clubs des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, kann dies nur bekräftigen: „Wenn Deutschland weiterhin ökonomisch stark bleiben will, sind wir auch in Zukunft auf die Attraktivität ländlicher Räume angewiesen“, erklärte er der Programmreihe „EXIST im Dialog“. „Wir müssen deshalb sicherstellen, dass ländliche Regionen im digitalen Zeitalter attraktive Rahmenbedingungen für Gründer, Unternehmer und Arbeitnehmer vorhalten.“

 

Lebensader Breitband

 

Hierzu brauche es vor allem eine flächendeckende Breitbandversorgung, „die Lebensader im 21. Jahrhundert.“ Ohne sie führten alle anderen Bereiche ins Abseits. Dennoch wäre es zu kurz gedacht, sich nur auf die technische Infrastruktur zu beschränken. Damit allein entstehe noch kein investitions- und gründungsfreudiges Klima. Habbel sieht die Kommunen in der Pflicht, kreative Ideen zu entwickeln. Statt der Neujahrs-Empfänge der örtlichen Wirtschaft könne man etwa Fachkonferenzen entwickeln, die nach Lösungen suchen, um vor Ort Gründungen von innovativen Unternehmen zu unterstützen.


Es brauche eine starke Allianz von Wissenschaft und kommunaler Verwaltung. Möchte man Abwanderung, Unternehmensschließungen und Arbeitsplatzverluste in der Region vermeiden, müsse man frühzeitig auf Studierende und Wissenschaftler zugehen und ihnen signalisieren: „Wir unterstützen dich bei der Gründung deines Unternehmens hier vor Ort und wir sorgen dafür, dass du dich mit deiner Familie hier wohlfühlen wirst. Das bedeutet, man muss sich Gedanken darüber machen, welche weichen Standortfaktoren für die jungen Leute attraktiv sein könnten. Was für ein Wohn- und Lebensumfeld wünschen sie sich? Darüber müsse man mit allen Beteiligten sprechen, auch in den digitalen Netzwerken“, so Habbel.  


„In Ballungsräumen treffe man Gleichgesinnte, weil es eine Szene gibt, weil kulturell mehr los ist und es insgesamt einfach spannend ist.“ Aber letztlich gehe es immer um Attraktivität, so Habbel. „Aufmerksamkeit ist die Währung im digitalen Zeitalter, und die muss und kann auch im ländlichen Raum sichergestellt werden. Voraussetzung ist, dass man mit viel Fantasie und Offenheit an die Sache herangeht.“ Natürlich könne man Berlin, Hamburg oder New York nicht vergleichen mit Hückeswagen, Angermünde oder mit anderen Orten, die vielleicht nur zweitausend Einwohner haben. Umso wichtiger sei es, regionale innovative Konzepte zu entwickeln. Habbels Vorschlag: Bibliotheken im ländlichen Raum könnten neu ausgerichtet werden, indem man sie zu „Points of Interest“ macht. Also dort „nicht nur Bücher ausleiht, sondern Räume schafft, wo Menschen sich begegnen können, wo Start-ups Räume finden, wo 3D-Drucker stehen.“ Aber mindestens genauso wichtig ist es, eine Innovationskultur zu schaffen. Das sei Aufgabe des Bürgermeisters und der lokalen Multiplikatoren. „Sie müssen sich die Frage stellen, wie sie in ihrer Gemeinde für ein Ambiente der Offenheit, der Transparenz, des Miteinanders sorgen.


Auch die Wirtschaftsförderung müsse sich da neu ausrichten, so Habbel. „Wirtschaftsförderung bedeutet zukünftig eben auch Wissensförderung. Darüber hinaus müssen wir lernen, junge Leute stärker zu unterstützen. Die unterschiedlichen Arbeitskulturen zu überwinden, muss von beiden Seiten kommen. Beide müssen aufeinander zugehen. Ein bisschen Offenheit und Lust aufeinander wäre da glaube ich ganz gut.“


Ein Beispiel ist die agile Gründerszene im Nachbarland Österreich. Abseits der Hauptstadt Wien gründen sich zahlreiche Start-ups – etwa in Niederösterreich. „Für die klassischen Hipster unter den Start-ups, die sich eher an Webplattformen orientieren und das städtische, vibrierende Umfeld suchen, ist Niederösterreich sicher nicht der präferierte Standort“, sagte Michael Moll, Geschäftsführer des accent Gründerservices der Zeitung Die Presse. „Wir haben aber einen Vorteil für Personen oder Forschungsgruppen, die im Gegensatz dazu eher fokussiert an ihren Geschäftsideen arbeiten und sich nicht ablenken lassen wollen.“


Das gefürchtete „Networker-Syndrom“ könne dafür sorgen, dass Gründer kaum Zeit übrig hätten, ihre Geschäftsidee voranzutreiben. Denn in der Hauptstadt gebe es nahezu jeden Abend große Stammtische und Vernetzungstreffen. Das Bundesland Niederösterreich hingegen sei ein verlässlicher Partner für Hochtechnologien wie die Pharmabranche, Industrietechnik und GreenTech. „Es gibt ein ausgezeichnetes Umfeld für Forschung und Entwicklung. Hier finden sich viele ‚Hidden Champions‘, wie Zizala Lichtsysteme oder die Betonbaugruppe Doka, die eng mit innovativen Start-ups zusammenarbeiten. Eines unserer Unternehmen entwickelt zum Beispiel einen Satellitenantrieb und rekrutiert dafür die weltweiten Experten vom MIT und aus Singapur. Hier ist der Standort zweitrangig“, so Moll weiter.


Eines der Start-ups im Portfolio von accent ist „Farmdok“, eine App, die Landwirte bei den gesetzlichen Dokumentationspflichten unterstützt und den bürokratischen Aufwand reduziert. Mit der App können Landwirte über ihr Smartphone etwa die Fahrspur automatisch aufzeichnen und die relevanten Daten erfassen. Das Start-up „Helga“ hingegen möchte Algen für die Biodieselproduktion einsetzen. Und das Logistik-Start-up „Logsta“ kümmert sich um kleine Firmen, die für große Logistiker nicht interessant sind.


Der Drang in die Städte ist weiterhin groß. Aber die Grenzen der Entwicklung liegen derzeit dort, wo man sie auf den ersten Blick nicht vermutet: in der galoppierenden Entwicklung der Lebenshaltungskosten. Einer Studie der Unternehmensberatung PwC zufolge haben immer mehr Berliner Start-ups Schwierigkeiten bei der Mitarbeitersuche. Dabei sei das größte Problem nicht der Mangel an Fachkräften, davon gibt es in Berlin offenbar genug. Die meisten Gespräche scheitern an den Gehaltsvorstellungen der Bewerber. Sie sind schlicht zu hoch.