Ein Unternehmen startet ein Digitalprojekt und stellt fest, dass die nötigen Kompetenzen intern nicht vorhanden sind. Dieses Szenario ist gut bekannt. Die Lösung ist heute meist ein Netzwerk externer Spezialist:innen, denn Freelancing ist für bestimmte Aufgaben nicht mehr die Ausnahme, sondern der Alltag. Entsprechend lösen sich die klassischen Grenzen von Unternehmen auf, und Innovation entsteht zunehmend außerhalb klassischer Strukturen.
Obwohl „New Work“ nach einem neuen Konzept klingt, ist der Begriff seit den frühen 1980er-Jahren bekannt. Der Philosoph Frithjof Bergmann gilt als sein Urheber. Er meinte damit Arbeit, die Menschen wirklich wollen, die selbstbestimmt, sinnstiftend und gemeinschaftlich orientiert ist. Damals eine gesellschaftsphilosophische Idee am Rande, ist New Work heute eine wirtschaftliche Realität.
Doch Christoph Magnussen, Gründer und CEO des Beratungsunternehmens Blackboat und gefragter Experte für die Zukunft der Arbeit, warnt vor allzu rosigen Interpretationen: „Das größte Wunschdenken war die naive Annahme, dass allein der Ortswechsel schon neue Arbeit ist. Wer nur analoge, schlechte Prozesse in einen Video-Call verlagert, betreibt keinen Kulturwandel, sondern digitale Selbstausbeutung.“ Was sich tatsächlich verändert habe, sei die Transparenz über organisatorische Defizite: „Wir sehen jetzt messerscharf, welche Unternehmen ihre Hausaufgaben in Sachen asynchroner Kommunikation und Dokumentation gemacht haben und welche nicht.“
DER FREELANCING-MARKT
Inzwischen ist ein ganzer Markt hochqualifizierter Freiberufler:innen entstanden. Laut einer Studie von freelance.de aus dem Jahr 2023 sehen knapp drei Viertel der befragten Freelancer den Fachkräftemangel als positiven Treiber für ihr Geschäft. 72 Prozent nennen die Digitalisierung und 69 Prozent New Work als weitere Wachstumstreiber. Die Stundensätze liegen im Schnitt bei 99 Euro, Tendenz steigend. Besonders bei der Generation Z ist der Trend ausgeprägt: In den USA ist laut der Plattform Upwork fast die Hälfte dieser Altersgruppe freiberuflich tätig, in Deutschland steigen die Zahlen ebenfalls.
Was Freelancer antreibt, ist bekannt: Selbstbestimmung, Flexibilität, die Möglichkeit, an verschiedenen Projekten zu arbeiten. Was sie bremst, wird seltener offen benannt. Nur drei Prozent der Befragten der freelance.de-Studie fühlen sich von der Politik gut vertreten. 56 Prozent gehen davon aus, dass die rechtliche Unsicherheit rund um Scheinselbstständigkeit Unternehmen davon abhält, stärker mit Freiberufler:innen zu kooperieren. Das ist kein Randproblem, sondern ein strukturelles.
WAS UNTERNEHMEN BRAUCHEN
Fachkräftemangel zwingt Unternehmen zum Umdenken. Externe Spezialisten schließen Kompetenzlücken, die intern nicht zu füllen sind, schnell und projektgenau. Das betrifft heute Bereiche, die Firmen früher kaum aus der Hand gegeben hätten: Strategie, Digitaltransformation, Produktentwicklung. Doch projektbasiertes Arbeiten setzt intern einiges voraus. Magnussen beschreibt es mit einem Bild aus dem Sport: „Du kannst einem Team nicht einfach einen Ball hinwerfen und sagen: Spielt mal schön agil. Es braucht einen Trainer, eine klare Taktik und feste Regeln.“ Kulturell bedeute das vor allem, dass Führung sich verändert, nämlich von der Präsenzkontrolle hin zur Gestaltung des Rahmens. „Entscheidungen müssen dort getroffen werden, wo das Wissen sitzt, nicht dort, wo der steilste Titel auf der Visitenkarte steht.“
Wissenstransfer und Kontinuität bleiben dabei echte Schwachstellen flexibler Netzwerke. Wer zu stark auf Externe setzt, riskiert, intern Kompetenzen zu verlieren.
PLATTFORMEN UND MESSEN ALS KNOTENPUNKTE
Digitale Plattformen machen den Markt transparenter: Unternehmen finden passende Spezialisten, Freelancer finden Projekte. Das verändert, wie Innovation entsteht, nämlich nicht mehr allein im internen Brainstorming, sondern im Zusammenspiel verschiedener Akteur:innen. Physische Orte verlieren dabei nicht an Bedeutung, aber sie verändern ihre Funktion. So sind etwa Messen heute weniger Ausstellungsfläche als Begegnungsraum. Hier entstehen Kooperationen, werden Trends sichtbar und Netzwerke verdichtet, die digital allein nicht entstehen würden.
Technologie selbst durchläuft dabei eine eigene Entwicklung, die Magnussen genau beobachtet: „Lange Zeit war sie nur ein Enabler. Wir haben Tools genutzt, um E-Mails durch Slack zu ersetzen. Oft wurde sie dabei zur Ablenkung, weil wir in Tool-Tourismus verfallen sind.“ Heute sieht er einen qualitativen Sprung: KI-Agenten agieren als funktionaler Layer zwischen Mensch und Maschine, bereiten Aufgaben vor und führen sie teilweise eigenständig aus. „Wer KI in seine Unternehmens-DNA integriert, beschleunigt seine gesamte Organisation. Wer sie nur als Add-on sieht, verliert den Anschluss.“
RISIKEN, DIE SELTEN BENANNT WERDEN
Die Entwicklung hat Schattenseiten. Für Freelancer sind es schwankende Einkommen, fehlende Altersvorsorge und rechtliche Graubereiche. Für Unternehmen droht, was Magnussen Verantwortungsdiffusion nennt: „Wenn Strukturen sich öffnen, neigen manche Führungskräfte dazu, bei Gegenwind in alte, autoritäre Muster zurückzufallen.“ Gesamtgesellschaftlich stellt sich die Frage, was mit sozialen Sicherungssystemen passiert, wenn immer mehr Arbeit außerhalb klassischer Beschäftigung stattfindet.
Es geht also nicht um ein Entweder-oder zwischen Festanstellung und Freelancing, zwischen intern und extern, sondern vielmehr um die Gestaltung dieser Grenze. Magnussen blickt dabei klar nach vorn: „In fünf Jahren wird sich Arbeit nicht mehr wie das Bedienen von Software anfühlen, sondern wie das Steuern eines Systems.“ Die operative Ausführung laufe zunehmend autonom, strategische Aufsicht rücke in den Vordergrund. „Die Schere zwischen denen, die diese technologische Augmentierung beherrschen, und denen, die an alten Methoden festhalten, wird massiv auseinandergehen. Wir werden alle zu Fluglots:innen unserer eigenen KI-Agenten.“ Unternehmen, die diese Entwicklung gestalten, flexibel, aber nicht strukturlos, offen, aber nicht beliebig, dürften die Gewinner der nächsten Arbeitsmarktphase sein.