Nachfolger (m/w/d) gesucht

Dem deutschen Mittelstand fehlen Nachfolger – und zwar sowohl aus den eigenen familiären Reihen wie auch extern. Damit nicht hunderttausende Betriebe einfach wegbrechen, gilt es, früh über Nachfolgeregelungen zu sprechen.

Illustrationen: Ivonne Schreiber, masslos.org
Illustrationen: Ivonne Schreiber, masslos.org
Julia Thiem Redaktion

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) schlägt Alarm. In den kommenden zehn Jahren könnten bis zu 250.000 mittelständische Betriebe verschwinden – und zwar nicht, weil sie wirtschaftlich ungesund wären, sondern weil ein Nachfolger fehlt. Die sind nämlich Mangelware, unabhängig vom Geschlecht. Bundesweit gibt es laut DIHK aktuell rund 9.600 übergabebereite Unternehmen, aber nur etwa 4.000 potenzielle Interessierte für eine Nachfolge. 

Zwei Aspekte sind an der Erhebung der DIHK besonders interessant: Zum einen trifft das Nachfolgeproblem fast alle Branchen. Selbst in der boomenden IT-Branche stehen zwei Unternehmen einem Nachfolgenden gegenüber. Zum anderen hat sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage seit 2019 nahezu verdoppelt. Aus den Beratungen, die man bei der DIHK bundesweit anbietet, will man rausgelesen haben, dass die anhaltende Rezession, gestiegene Personal- und Energiekosten, der allgemeine Fachkräftemangel sowie die ausufernde Bürokratie potenzielle Nachfolger abschrecken. 

Und auch der aktuelle KfW-Nachfolgemonitor 2025, der jetzt im Januar veröffentlich wurde, bestätigt den Trend: Jedes vierte Unternehmen fasst nach Ausscheiden der Senior-Generation eine bewusste Geschäftsaufgabe ins Auge. Das sind bis Ende 2029 jährlich rund 114.000 Unternehmen. Dabei wünschen sich die meisten Unternehmenslenker eigentlich eine Übernahme. Bis Ende 2029 werden jährlich auch 109.000 Nachfolgewünsche verzeichnet.
 

ÜBERGABEN INNERHALB DER FAMILIE SELTENER


Warum es mit der Nachfolge nicht mehr so reibungslos klappt, liegt auch daran, dass die Familie immer seltener eine Option ist. Der KfW- Monitor zeigt, dass für 47 Prozent der Unternehmen bei einer Geschäftsaufgabe dieser Fakt (mit) entscheidend ist. 

Für die Senior-Generation heißt das im Umkehrschluss, sich frühzeitig um die Nachfolge zu kümmern – das betonten Nachfolgeberater unisono – und wirklich alle Optionen auszuloten. Denn neben der Weitergabe innerhalb der Familie, einem externen Verkauf oder der Schließung gibt es auch die Möglichkeit, eine Stiftung zu gründen. Das machen große Unternehmen wie Bosch, Bertelsmann oder Zeiss vor.
 

EXTERNE ÜBERGABEN BRAUCHEN VERTRAUEN


Aber der Reihe nach. Wenn niemand aus der Familie die Geschäfte weiterführen will, was definitiv immer der einfachste Weg wäre, geht die Suche in der Regel extern los. In Frage kommt eine einzelne Person, die unternehmerisch tätig werden und sich, anstatt eigenständig etwas aufzubauen, lieber in ein bereits etabliertes und stabiles Unternehmen einkaufen will. Alternativ wären auch Gespräche mit einem Wettbewerber denkbar, wobei hier sorgfältig abgewogen werden muss, ob es Synergien gibt oder ob mit einer Übernahme strategisch die Konkurrenz beseitigt werden soll. Denn dann wären Unternehmen, Standort und Mitarbeiter ebenfalls in Gefahr. Einziger Vorteil gegenüber der Geschäftsaufgabe: Die monetäre Vergütung für den Eigentümer. 

Fällt die Wahl auf einen externen Nachfolger, sollte dieser langsam und bewusst aufgebaut werden, parallel zum jetzigen Firmeninhaber im Unternehmen arbeiten, Verantwortung übernehmen und in die neue Aufgabe hineinwachsen. Denn gerade etablierte Strukturen brauchen Zeit für Veränderung sowie eine engmaschige Betreuung, um wirklich erfolgreich zu sein. Neudeutsch: Change Management. 

Weshalb aber auch hier die Jungunternehmer nicht unbedingt Schlange stehen, zeigt wiederum ein Blick auf den KfW-Nachfolgemonitor. Demnach ist der durchschnittliche Kaufpreis mit 499.000 Euro in den vergangenen sechs Jahren stark gestiegen, nämlich um 34 Prozent nominal und preisbereinigt um neun Prozent. 2025 war bereits jedes vierte Unternehmen mit Nachfolgeplanungen in den kommenden fünf Jahren bei einem Kaufpreis von über einer Million Euro. Die Verteuerung der Unternehmensbewertung mittelständischer Unternehmen, respektive Kaufpreisvorstellungen der Senior-Generation, liegt damit über der Inflation – zum Teil deutlich.
 

(SINN-)STIFTEND


Bleibt die Option einer Stiftung, an die vermutlich nur wenige Firmenlenker denken. Vereinfacht ausgedrückt, werden in diesem Fall schlicht die Unternehmensanteile an die Stiftung übertragen. Das hat auch allerhand steuerliche Vorteile. Vor allem aber kann innerhalb eines solchen Konstrukts die Eigentümerfamilie weiterhin von den Einnahmen des Betriebs profitieren, während beispielsweise ein langjähriger Mitarbeiter den Posten des angestellten Geschäftsführers übernehmen kann – ohne selbst Geld in einen Kaufpreis investieren zu müssen. Neben dem monetären Benefit kann auch die finale Kontrolle über die Firmengeschicke und -ausrichtung bei der Stiftung bleiben. Dafür kommt es allerdings auf die Satzung an, weshalb hier unbedingt eine umfassende juristische und auch strategische Planung und Beratung erforderlich sind. 

Ist die Satzung jedoch gut durchdacht, kann eine Stiftung eine sehr sinnvolle Möglichkeit sein, das eigene Vermächtnis – und das sind Unternehmen, die teilweise über Generationen aufgebaut wurden mit Sicherheit – noch weit über sein Ableben hinaus zu sichern. Aufgeben muss also nicht zwingend die letzte Option sein.
 

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