Herr Büchle, das Bundeskabinett hat gerade das „Recht auf Reparatur“ beschlossen. Ist das aus Ihrer Sicht ein echter Wendepunkt – oder eher ein symbolischer Schritt?
Aus meiner Sicht ist das ein echter Wendepunkt. Zum ersten Mal setzt die Politik ein klares Signal gegen die Wegwerfgesellschaft und für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Entscheidend ist: Das Recht auf Reparatur verlagert Nachhaltigkeit aus der freiwilligen Ecke in einen verlässlichen Ordnungsrahmen für den Markt. Für Unternehmen bedeutet das Planungssicherheit – und die Bestätigung, dass Reparatur, Wiederverwendung und Lebenszyklusverlängerung künftig zur Regel werden und sich auch wirtschaftlich stärker durchsetzen.
Sie sprechen von einem wirtschaftspolitischen Hebel. Was verändert sich konkret für Unternehmen – und für Anbieter wie afb?
Das Gesetz wirkt auf mehreren Ebenen: Es stärkt die Resilienz von Lieferketten, reduziert die Abhängigkeit von Rohstoffen und hält mehr Wertschöpfung in Europa. Für Hersteller bedeutet das einen Wandel hin zu langlebigen und reparierbaren Produkten – weg von der Wegwerflogik. Für Unternehmen verändert sich der Blick auf IT: Geräte werden länger genutzt, instandgehalten und systematisch weiterverwendet. Damit rückt der gesamte Lebenszyklus stärker in den Fokus von Beschaffung und IT-Strategie. Für Anbieter wie afb entstehen faire Rahmenbedingungen. Der Zugang zu Ersatzteilen und Reparaturinformationen verbessert sich, technische Hürden werden reduziert – das macht Refurbishment skalierbar und planbarer. Zugleich wächst die Nachfrage nach Reparaturen – und das Angebot an Geräten, die sich wiederaufbereiten lassen. Das ist ökologisch sinnvoll und eröffnet zusätzliche wirtschaftliche Potenziale.
Wenn Geräte künftig leichter repariert werden können: Wird Refurbishment damit zum neuen Standard im IT-Markt?
Davon bin ich überzeugt. Refurbishment entwickelt sich vom Nischenmodell zum Standard im Umgang mit IT-Geräten. Unternehmen setzen es schon heute gezielt ein – aus Kostengründen, aber auch, um Lieferketten zu stabilisieren und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Mit dem Recht auf Reparatur wird diese Entwicklung weiter an Dynamik gewinnen. Wenn Produkte reparierbarer werden und Ressourcen teurer, verschiebt sich der Markt hin zu längerer Nutzung. Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze im Bereich Reparatur und Refurbishment, und die Abhängigkeit von globalen Lieferketten sinkt spürbar.
afb setzt seit über 20 Jahren auf „Re-Use statt Recycling“. Was machen Sie anders – und warum ist das wirtschaftlich attraktiv?
Der zentrale Unterschied ist unser Ansatz: Für uns beginnt Wertschöpfung bei der Wiederverwendung, nicht bei der Zerlegung. Während klassische Anbieter auf Rohstoffrückgewinnung setzen, halten wir Geräte möglichst lange im Nutzungskreislauf. Wir prüfen jedes Gerät mit dem Ziel, es in ein zweites oder drittes Leben zu überführen. 2025 konnten wir 71 % der übernommenen Geräte wieder in den Markt bringen. Entscheidend ist die Kombination aus standardisierten Prozessen und zertifizierter Datenvernichtung. So können Geräte sicher und zuverlässig weitergenutzt werden – auch im professionellen Umfeld. Wirtschaftlich funktioniert das, weil Geräte ihren Wert behalten, wenn Refurbishment professionell umgesetzt wird. Es entsteht ein stabiler Markt, von dem Unternehmen, Käufer und Umwelt gleichermaßen profitieren.
Ihr Geschäftsmodell verbindet wirtschaftlichen Nutzen mit Umweltwirkung und Inklusion. Funktioniert das als Business Case?
Ja, und in vielen Fällen ohne großen Erklärungsbedarf. Unsere Zahlen zeigen das deutlich: 68.200 Tonnen eingesparte CO2-Emissionen, 261.400 MWh Primärenergie und 483 Millionen Liter Wasser allein 2025. Gleichzeitig wachsen wir wirtschaftlich und beschäftigen europaweit rund 700 Mitarbeitende, davon 49 % Menschen mit Behinderung. Die Diskussion hat sich verschoben: Es geht nicht mehr um das „Ob“, sondern darum, wie Unternehmen Nachhaltigkeit systematisch und messbar in ihre Geschäftsmodelle integrieren.
Was erwarten Unternehmen und Behörden heute von einem Refurbishment-Partner?
Die Erwartungen sind deutlich gestiegen. Es geht nicht mehr nur um Entsorgung oder Datenschutz, sondern um einen professionellen Umgang mit IT über den gesamten Lebenszyklus. Gefragt sind verlässliche Datenlöschung, zertifizierte Prozesse, klare ESG-Kennzahlen und Transparenz im Reporting.
Gleichzeitig gewinnen strategische Themen an Bedeutung – etwa Kosten über die Nutzungsdauer, Compliance und stabile Lieferketten. Refurbishment ist damit Teil zentraler IT- und Nachhaltigkeitsentscheidungen und wird zunehmend in langfristige Strategien integriert.
Wie wichtig ist die Messbarkeit von Umweltwirkungen?
Sie ist entscheidend. ESG ist heute fester Bestandteil von Investitions- und Beschaffungsstrategien. Unsere Partner erhalten für jedes Gerät konkrete, wissenschaftlich fundierte Wirkungsdaten. Das schafft Transparenz und macht Nachhaltigkeit steuerbar – auch im Vergleich unterschiedlicher Beschaffungsoptionen. Wer nachhaltig wirtschaften will, braucht belastbare Zahlen.
Wo steht afb in fünf Jahren?
Refurbishment wird ein fester Bestandteil des europäischen IT-Markts sein – mit klarem Vorrang vor Recycling. afb wird diesen Wandel weiter mitgestalten: als Refurbisher mit hohen Qualitätsstandards, als inklusives Social Business und als Partner für Unternehmen und öffentliche Auftraggeber. Unsere Vision ist klar: IT so zu nutzen, dass sie wirtschaftlich tragfähig, ökologisch wirksam und sozial verantwortungsvoll ist – und sich als Standard etabliert.
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