Urbane Bewegungsenergie

Wenn in Berlin Grundsätzliches diskutiert wird, wird es schnell hitzig. Im Moment ist die Hauptstadt  eine Art Reallabor, in dem ausgehandelt wird, wie urbane Mobilität in Zukunft aussehen könnte.

Illustration: Marcela Bustamante
Illustration: Marcela Bustamante
Kai Kolwitz Redaktion

Schnellwege für den Fahrradverkehr? Eine neue U-Bahn-Linie U10? Die Stadtautobahn A100 weiterbauen bis nach Prenzlauer Berg? In Berlin wird in diesen Tagen intensiv darum gerungen, wie Bewohner und Waren in Zukunft an ihre Ziele kommen sollen. Gestritten wird erbittert, doch die Schärfe der Diskussionen zeigt: Auch in Zeiten von Home Office und Lieferservice ist Mobilität für eine Stadt einer der entscheidenden Faktoren. 

Berlin steht dabei exemplarisch dafür, dass sich in den großen Städten etwas ändert. Der Fahrradverkehr boomt hier seit Jahren, dagegen sank die Zahl der per Auto zurückgelegten Wege im ersten Halbjahr 2023 laut „Spiegel“ gegenüber 2019 um 14 Prozent. Hinzu kommt eine Fülle von neuen Angeboten in Sachen Mobilität: Carsharing, E- Scooter, Räder und Roller zum Mieten, Uber … Zugleich ist die Zahl der privaten PKW in der Stadt pro Kopf  so niedrig wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Gar nicht so einfach, da die jeweils ideale Mobilitätskombi zu finden. 


Suchmaschine für Mobilität


Ein Angebot, das in Berlin Orientierung liefern soll, ist die App „Jelbi“. Entwickelt wurde sie von den Berliner Verkehrsbetrieben BVG und sie funktioniert als eine Art Metasuchmaschine in Sachen Mobilität: Neben den Fahrplänen des öffentlichen Nahverkehrs sind die Angebote der Carsharing-Anbieter Miles und Sixt integriert sowie die von diversen Verleihern kleinerer Fahrzeuge wie Rädern oder Rollern, die Taxi-Innung ist dabei – und für jede Anfrage liefert die App diverse Kombinationen, wie sich ein bestimmter Weg zurücklegen lassen könnte. 

Angegeben werden auch Kosten und voraussichtliche Fahrzeit. Und ein einziger Account reicht aus, um auf alle Angebote zurückzugreifen. Dazu betreibt die BVG über 100 Standorte in der Stadt, an denen sich von Sharing-Fahrzeugen auf U-Bahn, Tram oder Bus wechseln lässt. 

Nicht zuletzt als alteingesessener Stadtbewohner hilft einem „Jelbi“ dabei, die Art, wie man gewohnte Wege zurücklegt, noch einmal neu zu hinterfragen. Und die App zeigt eindrucksvoll, dass es zum althergebrachten Dreiklang privater PKW, öffentliche Verkehrsmittel oder Laufen inzwischen eine Fülle von Alternativen gibt. 


Den Luftraum erobern


Eine solche Zusammenführung der verschiedenen Angebote wird es in Zukunft hoffentlich in immer mehr Städten geben. Und in näherer Zukunft könnte es für Apps wie „Jelbi“ sogar noch einiges mehr zu integrieren geben. Denn auch, wenn es immer noch futuristisch klingt: Voraussichtlich 2026 möchte VW nämlich sein erstes Angebot autonom fahrender Rufbusse in Deutschland starten. Und schon im kommenden Jahr sollen in Paris die ersten Flugtaxis des badischen Herstellers Volocopter fliegen und den Stau auf den Straßen buchstäblich unter sich lassen. Wenn sich das Konzept in Frankreich bewährt, werden die Taxis sicher auch bald darauf in Deutschland abheben.

Aber auch für diejenigen, die auf das eigene Auto weiterhin nicht verzichten wollen oder können, gibt es gute Nachrichten: Inzwischen stehen laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Deutschland gut 100.000 Ladepunkte für Elektro-Autos zur Verfügung. Da diese dank kürzerer Ladezeiten außerdem auch noch immer mehr Autos pro Tag abfertigen können, ist das Angebot damit laut Branchenverband inzwischen mehr als ausreichend. So kann die Luft in den Städten in Zukunft immer sauberer werden – ohne, dass privater Verkehr dafür eingeschränkt werden muss. 
 

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