Hellgrün ist auch grün

Wenn es um Nachhaltigkeit geht, haben wir rund um den Globus großen Nachholbedarf. Auch die Landwirtschaft. „Alles bio“ ist hier allerdings auch keine Lösung, weil dann die Versorgung gefährdet ist. Es bleibt ein Spagat.

Illustration: Sophie Mildner
Illustration: Sophie Mildner
Julia Thiem Redaktion

Landwirte machen aktuell vor allem mit ihren diversen Protestaktionen auf sich aufmerksam. Sie blockieren Straßen oder Autobahnzufahrten, um unter anderem ihren Unmut über die Streichung der Agrardiesel-Subventionen sowie die Einführung einer Kraftfahrzeugsteuer für landwirtschaftliche Fahrzeuge kundzutun. Konkret will die Bundesregierung die Zuschüsse für Agrardiesel stufenweise abbauen. 2024 um 40 Prozent, in den beiden folgenden Jahren um jeweils 30 Prozent. Zur Einordnung: Laut des agrarpolitischen Berichts der Bundesregierung hat ein landwirtschaftliches Unternehmen 2022 knapp 2.900 Euro Agrardieselbeihilfe erhalten. Die Frage muss erlaubt sein, ob in Zeiten, in denen sich alle großen Automobilkonzerne gedanklich schon vom Verbrenner verabschiedet haben, Subventionen für fossile Brennstoffe überhaupt noch zeitgemäß sind. Große Nachhaltigkeitsziele wie die des Pariser Klimaabkommens oder des Green Deals der Europäischen Union suggerieren das Gegenteil. Die Landwirtschaft deshalb als „uneinsichtigen Klimasünder“ zu verurteilen, wäre allerdings genauso falsch. Denn während es konkrete Pläne zur Abschaffung der Agrardieselsubventionen gibt, bleiben die Steuerbefreiung beim Kerosin oder die diversen Vorteile bei Dienstwagen unberührt.


Elementare Rolle


Außerdem steht die Landwirtschaft in einem permanenten Spannungsfeld zwischen einer stetig steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln – die bitte auch möglichst billig sein sollen – und immer strengeren Klimaschutzanforderungen. Und weil die Gewinne in der Landwirtschaft von stark schwankenden Erzeugerpreisen abhängen, ist gerade für kleinere Betriebe ein Überleben ohne Subvention kaum möglich. Staatliche Subventionen machten 2021/2022 im Durchschnitt knapp die Hälfte des Einkommens von Landwirtinnen und Landwirten aus. Die Forderung nach mehr Biobetrieben ist in einem solchen Kontext ebenfalls nur schwer umzusetzen. Aktuell wird nur auf etwa elf Prozent aller Agrarflächen biologisch angebaut. Die Bundesregierung möchte diesen Anteil bis 2030 auf 30 Prozent steigern. Da in puncto Bio-Landwirtschaft jedoch das Prinzip „alles oder nichts“ gilt – für die Bio-Zertifizierung muss der gesamte Betrieb über Jahre aufwendig umgestellt werden –, ist es fraglich, ob diese Zielsetzung realistisch ist. In jedem Fall wird der konventionellen Landwirtschaft auch weiterhin in der Versorgung der Weltbevölkerung eine elementare Rolle zukommen.
 

Finanzielle Anreize


Für ein Mehr an Nachhaltigkeit braucht es also eine Art Doppelstrategie: Einerseits ist es erstrebenswert, mehr Betriebe auf ökologische Landwirtschaft umzustellen, andererseits müssen die konventionellen Betriebe insgesamt nachhaltiger werden. Um hier entsprechende Anreize zu setzen, fördert beispielsweise die Landwirtschaftliche Rentenbank (LR) Investitionen in ausgewählte Zukunftsfelder mit nachhaltigem Ansatz. Konkret bekommen die Landwirte für solche Projekte Zinskonditionen, die 45 Basispunkte unter dem Basisniveau liegen und damit wirklich attraktiv sind. „Zukunftsfelder, die wir gezielt fördern, sind beispielsweise die regionale Lebensmittelproduktion, Agri-Photovoltaik-Anlagen, die Umstellung auf ökologischen Landbau, autonome oder umweltschonende Landbewirtschaftung oder effiziente Bewässerung“, zählt Nikola Steinbock, Vorstandssprecherin der LR auf. Das Programm sei bewusst sehr breit angelegt, wodurch eben auch konventionelle Betriebe für nachhaltige Investitionen belohnt werden. Und weil mit dem EU Green Deal auch Banken in Zukunft angehalten sind, neben der ökonomischen Tragfähigkeit zusätzliche Nachhaltigkeitsrankings bei der Kreditvergabe zu berücksichtigen, kommt auch die Landwirtschaft nicht umhin, hier Eigeninitiative zu ergreifen, oder aber Kreditlinien werden für sie in Zukunft nur noch schwer bis gar nicht mehr zu bekommen sein.

Auch Jun.-Prof. Dr. Bartosz Bartkowski, Umweltökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung sieht staatliche Anreize als einen Weg, für eine nachhaltigere Landwirtschaft zu sorgen. Sein Vorschlag für diese „Zusatzmotivation“: Mindeststandards für Betriebe, Lenkungssteuern etwa auf Pestizid- oder Düngereinsatz oder Agrarumweltzahlungen als Honorierung beispielsweise für biodiversitätsfördernde Blühstreifen. Solche Anreize müssten in einen agrarpolitischen Rahmen für eine nachhaltige Landwirtschaft eingebettet werden, glaubt Bartkowski: „Die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union als das Hauptinstrument der europäischen und deutschen Agrarpolitik könnte hier eine entscheidende Rolle spielen, indem sie ihre Zahlungen stärker als bisher an den verantwortungsbewussten Umgang mit Klima und Umwelt bindet.“
 

Bereitschaft ist da


Dass es auch in der Landwirtschaft eine grundsätzliche Bereitschaft für nachhaltigen Anbau gibt, zeigt das Projekt F.R.A.N.Z. Das Akronym bedeutet „Für Ressourcen, Agrarwirtschaft und Naturschutz mit Zukunft“ und ist ein Gemeinschaftsprojekt der Umweltstiftung Michael Otto und des Deutschen Bauernverbands (DBV). Im Rahmen des Projekts erproben die Naturschützer und Landwirte gemeinsam auf zehn typischen landwirtschaftlichen Demonstrationsbetrieben Maßnahmen, die dem Naturschutz dienen und gleichzeitig praxistauglich und wirtschaftlich tragfähig sind. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom Thünen-Institut, der Georg-August-Universität Göttingen und dem Nabu. Zu den Maßnahmen, die erprobt werden, gehören unter anderem Blühstreifen- und -flächen, sowie Feldvogelinseln, wo Vögel ungestört ihre Jungen aufziehen können, oder der Anbau von Extensivgetreide. Darunter versteht man in der Landwirtschaft lichten Getreidebestand, bei dem auf Pflanzenschutzmittel verzichtet wird, sodass Ackerwildkräuter eine Chance haben, zwischen dem Getreide zu wachsen und damit Feldvögeln Nahrung und Brutplätze bieten.

Solche Projekte zeigen, dass die Transformation zu einer nachhaltigen Landwirtschaft bisher zwar erst mit kleinen Schritten voranschreitet, jedoch in die richtige Richtung gelenkt wird. Und das ist doch bei allen aktuellen Diskussionen eine gute Nachricht.

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