Arbeiten in der Smart Factory

Die Arbeit in den Fabriken wird nicht weniger, aber sie verändert sich. Zunehmende Digitalisierung, Automatisierung und Flexibilität stellen ganz neue Anforderungen an die Belegschaften. 

Illustration: Malcom Fisher
Illustration: Malcom Fisher
Julia Thiem Redaktion

Fabrik des Jahres 2023“ darf sich das Porsche Werk in Leipzig ab sofort nennen. Die Unternehmensberatung Kearney lobt vor allem die besonders stringente Transformation hin zur Smart Factory, wie Kearney-Director Daniel Stengel in seiner Begründung zur Entscheidung der Jury betont: „Die Entwicklung hin zur Smart Factory durch den Einsatz von KI-Anwendungen auch im Shopfloor zeigt, welche Chancen hier für viele Unternehmen liegen. Und Porsche Leipzig nutzt sie konsequent.“ 

Wer jetzt allerdings denkt, die Porsche-Modelle Macan und Panamera werden in Leipzig vollautomatisch und vor allem von Industrierobotern, also ganz ohne Menschenhand, gefertigt, täuscht sich. Vom Karosseriebau über die Lackierung bis hin zur Montage sind 4.300 Menschen in der 2002 erbauten Fabrik beschäftigt. Smart werden Fabriken also vor allem, wenn Mensch und Technik eng verzahnt kooperieren. Und genau das sei in Leipzig der Fall, betont man bei Kearney: Durchdachte Anlagenkonzepte, digitale Unterstützung der Mitarbeitenden sowie eine größtenteils automatisierte Logistik, die Sequenzkits direkt an den Verbau-Ort liefert, ermöglichen eine größtmögliche Flexibilität in der Produktion. 

Dass Fabriken in Deutschland insgesamt immer smarter werden, belegen Zahlen des IT-Dienstleisters Sogeti. Demnach gibt es in 46 Prozent der Unternehmen bereits Maßnahmen, die den Weg hin zu einer Smart Factory ebnen, 24 Prozent sagen, entsprechende Maßnahmen sind derzeit in Planung. Damit belegt Deutschland Platz zwei hinter den USA, vor Frankreich und über dem globalen Durchschnitt mit 43 Prozent.
 

Smart-Factory-Worker sollen sich einbringen


Mit dieser weit fortgeschrittenen Smart-Factory-Transformation der deutschen Industrie verändern sich jedoch auch die Anforderungen an die Belegschaft zunehmend – angefangen bei den Facharbeitern bis hin zu den Maschinenbauingenieuren oder dem Management. Vorbei sind die Zeiten des Taylorismus, in denen mitdenkende Facharbeiter in einer Fabrik kontraproduktiv waren. Der Smart-Factory-Worker soll sich einbringen, Prozesse verbessern und im Idealfall sogar unternehmerisch denken. Die Smart Factory ist nicht angetreten, um die Arbeitskraft der Menschen zu ersetzen, sondern vielmehr, ihre kognitiven und physischen Fähigkeiten zu unterstützen und damit insgesamt die Effizienz zu steigern. Die erste und wichtigste Anforderung an die Belegschaft einer Smart Factory ist demnach unabhängig vom Ausbildungsstand oder der Hierarchieebene: Zusammenarbeit mit den Maschinen. Denn die werden sukzessive immer mehr der schweren Arbeiten sowie Routinetätigkeiten übernehmen, damit der Mensch wieder mehr Raum für Innovationen, das Lösen von Problemen und die Optimierung bestehender Prozesse hat. 

Ein Blick auf aktuelle Stellenausschreibungen mit dem Schlagwort Smart Factory zeigt dann auch: Es sind vor allem Kenntnisse im Projektmanagement, die derzeit gefragt sind, während technisches Know-how und softwarebasiertes Arbeiten als Grundvoraussetzung angesehen werden, um sich für einen Job in der Fabrik der Zukunft zu qualifizieren. Interessanterweise wird aber auch auf sogenannte Soft Skills wie Kommunikation und Motivation genauso Wert gelegt, wie auf analytische Fähigkeiten. Und deutlich internationaler scheint die Industrie geworden zu sein, wenn Englisch neben Deutsch eine Einstellungsvoraussetzung ist. 

Hier zeigt sich auch, warum das Fachkräfteproblem für die deutsche Industrie immer gravierender wird: Wenn Technik und Künstliche Intelligenz Routinearbeiten übernehmen, muss die Belegschaft besser ausgebildet sein, respektive werden, um neue, höherwertige Aufgaben zu übernehmen – und zwar über alle Bereiche hinweg. Um die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine in der smarten Fabrik gewährleisten zu können, braucht es daher vor allem eine Wissensinitiative. Unternehmen müssen bestehende Mitarbeiter auf künftige Aufgabengebiete vorbereiten, die Mitarbeiter selbst ihre Fähigkeiten erweitern, sich Software-, Digitalisierungs- und Projektmanagement-Know-how aneignen. Gleichzeitig muss eine solche Transformation begleitet werden, damit die geplante Veränderung eine positive Wirkung erzielt. Hier zeigt sich auch, warum Soft Skills bei Neueinstellungen gefragt sind. Denn gerade mit steigenden Anforderungen sind ein positives Arbeitsklima und eine gesunde Organisationsstruktur entscheidend.
 

Neue Fehlerkultur ist gefragt


Zu guter Letzt muss auch die Fehlerkultur ganz neu gedacht werden. Zwar sorgt eine deutlich stärker kontrollierte und vorhersehbare Produktionsumgebung insgesamt dafür, dass die Fehlerquote sinkt und auch die Gefahren für Arbeitnehmer, die Komponenten überwachen und bedienen, weniger werden. Eine Gefahr steigt in einer vernetzten Produktion jedoch überproportional: die IT-Risiken. Eine Studie des Capgemini Research Institut aus dem vergangenen Jahr zeigt: Smart Factories sind ein beliebtes und vor allem aktuelles Ziel von Cyberkriminellen. 40 Prozent der befragten Unternehmen waren bereits Opfer eines Cyberangriffs. 73 Prozent dieser Angriffe ereigneten sich innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Am stärksten hat es die Schwerindustrie getroffen, wo 51 Prozent der Befragten von Hackern angegriffen wurden, gefolgt von der Pharmaindustrie mit 44 Prozent. 

Die Zahlen zeigen, dass eine Smart Factory nicht nur einen großen Bedarf an IT-Sicherheitsexperten hat, sondern auch bei der Neugestaltung von Prozessen IT- und Datensicherheit an erster Stelle stehen müssen. Und da Malware und Social Engineering – mit anderen Worten der Mensch als Angriffsziel – noch immer die beliebtesten Strategien für Cyberangriffe sind, muss die Belegschaft hier stark sensibilisiert werden. Genau deshalb ist eine offene Fehlerkultur auch so wichtig. Wer einen Fehler begangen hat, ist nebensächlich. Ziel ist es, die Ursache für den Fehler und anschließend eine Lösung zu finden. Und wer beides offen innerhalb der Belegschaft kommuniziert, sensibilisiert andere dafür, aus Fehlern zu lernen.
 

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