Wird zu viel studiert?

Lange wurde der Fachkräftemangel im Handwerk und in der Pflege damit begründet, dass sich immer mehr junge Leute für ein Studium entscheiden. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte.

Illustration: Malcolm Fisher
Illustration: Malcolm Fisher
Sarah Kröger Redaktion

Fast 40 Prozent aller Ausbildungsplätze in Deutschland sind zurzeit unbesetzt, schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft. Dringend gesucht werden Erzieherinnen und Erzieher, Altenpflege-Fachkräfte, Bauelektriker oder Berufskraftfahrerinnen. „Allein im Handwerk gibt es aktuell noch über 22.000 unbesetzte Ausbildungsplätze“, sagt Dr. Volker Born, Leiter der Abteilung Berufliche Bildung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks. „Vor gut 20 Jahren gab es um die 600.000 Auszubildende und 300.000 Studierende. Heute hat sich dieses Verhältnis massiv geändert. Seit 2015 gibt es mehr Studierende als Auszubildende in einer betrieblichen Ausbildung“, erklärt er.

Immer mehr junge Menschen beginnen ein Studium, seit 2005 stieg die Anfängerquote von 31 auf fast 50 Prozent. Doch ist der „Akademisierungswahn“, wie manche klagen, wirklich der einzige Grund für den Fachkräftemangel in der beruflichen Bildung? Laut dem Nationalen Bildungsbericht 2022 ist der stetig voranschreitende Akademisierungsprozess seit einigen Jahren zum Stillstand gekommen. Gleichzeitig erreichte die seit Jahren rückläufige Zahl der Neuzugänge in der beruflichen Ausbildung 2021 einen neuen Tiefpunkt. Im Bildungsbericht werden unterschiedliche Ursachen genannt: Die demografisch bedingt gesunkene Zahl von Schulabgänger:innen, die weiterhin hohe Studiennachfrage, aber auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie: Ein Teil der Jugendlichen schätzt die Ausbildungschancen als problematisch ein und zögert Berufswahlentscheidungen heraus.

Pandemiebedingt waren die Möglichkeiten zur Berufsorientierung begrenzt und mehr Jugendliche entschieden sich erstmal im schulischen Bildungssystem zu bleiben.

Mehr Karrieremöglichkeiten als gedacht
 

Die Tendenz junger Leute, einen höheren Bildungsabschluss erreichen zu wollen, bleibt auch bei stagnierender Studierendenquote bestehen. Jeder und jede Zweite macht heutzutage Abitur. Das schließt eine Karriere im Handwerk keineswegs aus, betont Volker Born: „Die Anforderungsprofile der Berufe steigen, und angesichts der anstehenden 125.000 Betriebsnachfolgen in den kommenden fünf Jahren werden Führungskräfte benötigt.“ Im Handwerk gebe es viele Möglichkeiten der Karriereentwicklung. Nach einer klassischen Ausbildung hat man zum Beispiel die Möglichkeit, sich erst zum Berufsspezialist etwa als Kfz-Servicetechniker, dann zum Meister (auch Bachelor Professional genannt) und später noch zum Master Professional, beispielsweise als Restaurator im Kfz-Technikerhandwerk fortzubilden.

Auch wären Berufe im Handwerk oft viel digitaler und anspruchsvoller, als es junge Leute manchmal vermuten. „In den meisten Handwerksbetrieben werden interne Prozesse wie Buchhaltung, Kommunikation oder Einsatzplanung von Teams über digitale Steuerungsinstrumente koordiniert,“ erklärt Volker Born. Feinwerkmechaniker oder Metallbauer würden heute mit 3-D-Druckern arbeiten, KfZ-Mechatronikerinnen bräuchten umfassende Kenntnisse in Elektrotechnik. „Dafür müssen wir noch stärken werben und die Berufsorientierung für Abiturienten sollte weiter ausgebaut werden,“ sagt Volker Born. Handwerksbetriebe böten in der Regel schnellere Aufstiegsmöglichkeiten und flachere Hierarchien als große Industrieunternehmen. Und man könne an der Klimawende mitarbeiten, zum Beispiel bei der Installation von Wärmepumpen oder Photovoltaikanlagen.

Rahmenbedingungen verbessern
 

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält den Fachkräftemangel, gerade im Handwerk, jedoch auch für ein „hausgemachtes Problem“. Nur 30 Prozent der Beschäftigten im Handwerk würden mit einem Tarifvertrag arbeiten, der monatliche Lohn läge im Schnitt 1.000 Euro unter dem der restlichen Wirtschaft. In 54 Prozent aller Handwerksbetriebe würde keine Weiterbildung angeboten werden. In seinem Positionspapier zum Thema Handwerk fordert der DGB daher eine kostenfreie Meisterausbildung, die Förderung von qualitativ hochwertigen dualen Studiengängen und gesetzliche Maßnahmen, die die Attraktivität von Tarifverträgen für Unternehmen steigern.

Auch dem Pflegemarkt fehlen immer noch Tausende von Fachkräften, und der Bedarf steigt jedes Jahr weiter an. Schichtdienst, häufiges Tragen von schweren Lasten, zeitliche Vorschriften für bestimmte Tätigkeiten – all das führt zu einer großen Belastung der Pflegekräfte. Im Vergleich zu vielen anderen Berufstätigen sind sie überdurchschnittlich oft krank und gehen früher in die Rente. Dabei zeigen Nachbarländer, wie Dänemark, dass es auch anders gehen kann:  Während in Deutschland fast die Hälfte der Pflegeheime privatwirtschaftlich sind, werden die Pflegeheime in Dänemark überwiegend von den Kommunen verantwortet.

Das schützt vor Gewinnmaximierung, unter der nicht nur die Qualität der Pflege leidet, sondern auch die Arbeitsbedingungen. Vor allem aber wird mehr Geld in die Pflege älterer Menschen investiert: „In Skandinavien haben wir eine großzügigere Altenpflege. Sie wird vom Staat finanziert und wir geben dafür richtig viel Geld aus.

Denn wir wissen, dass das der Familie hilft, zum Beispiel können die Frauen so auf dem Arbeitsmarkt bleiben“, sagte Tine Rostgaard, Professorin für „Aging and Long-term care“ an der Stockholm University im Deutschlandfunk. Zudem wird das Pflegepersonal in Dänemark länger ausgebildet, Pflegerinnen und Pflegern erhalten im Job mehr Verantwortung und können selbstständiger arbeiten. Durch die schon 1999 eingeführte E-Health-Strategie in Dänemark läuft vieles, wie die Patientenakte, Medikationslisten oder Rezepte, elektronisch. All das macht die Rahmenbedingungen für Fachkräfte attraktiver.

An Lösungen für Arbeitsbedingungen in der Pflege arbeitet auch Deutschland. Bei vielen Altenpflegerinnen und Altenpflegern sind die Löhne vor kurzem deutlich gestiegen: Seit Anfang September 2022 ist die Bezahlung nach Tarif in der Altenpflege gesetzlich verpflichtend. Das ist ein guter Anfang, der vielleicht auch wieder einige Fachkräfte zurückholt. Laut einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung würden mindestens 300.000 Vollzeit-Pflegekräfte wieder in ihren Beruf zurückkehren oder ihre Arbeitszeit aufstocken –sofern sich die Arbeitsbedingungen in der Pflege deutlich verbessern.

 

Nächster Artikel
Wirtschaft
Mai 2022
Illustration: Rosita Uricchio
Redaktion

Turbo beim Grünstrom

Deutschland hat seine Wind- und Solarindustrie lange vernachlässigt. Einstige Vorzeigeunternehmen gingen insolvent oder wanderten ins Ausland ab. Nun will die Bundesregierung das Land wieder zum Produktionsort für grüne Energie aufbauen.